Literatur

Lilly Jäckl, estoy durmiendo - ich schlafe gerade

Einen Roman, der ständig explodiert, sich selbst erklärt, den Leser zum Mitarbeiten einlädt und überall auf der Welt synchron spielen kann, nennt man Metafiktion. Das ist immer als ein Kompliment aufzufassen, dass es sich um keinen Krimi handelt.

Lilly Jäckl legt wie in feinen Lokalen zuerst einmal das Besteck aus, ehe die Speisen aufgetragen werden. Der spanische Titel wird beinahe widerwillig übersetzt, „ich schlafe gerade“ ist nämlich der Hauptzustand einer beteiligten Person und eine Art Krankenhaus-Kinderbuch, das verloren gegangen ist und notdürftig in Ausrissen zusammengesetzt wird.

Martin Kolozs, Zur höheren Ehre

Manchmal sind es kleine Überlegungen, die eine große literaturhistorische Idee auf die Beine bringen. Lässt sich etwa die Tiroler Literatur dadurch beschreiben, dass in ihr immer wieder schizophrene Zwillinge als Priester und Dichter auftreten? Stark wäre diese Theorie, weil es ja eine gegenteilige Faustregel gibt: Die Religion verdunkelt, die Literatur erhellt!

Martin Kolozs stellt vier sogenannte Priesterdichter probehalber hintereinander und macht eine Gedankenkette heraus. Reimmichl, Bruder Willram, Josef Weingartner und Reinhold Stecher liefern fallweise verblüffende Zusammenhänge, bis auf Stecher sind sie alle Osttiroler, die Lesen und Schreiben als Religion gelernt haben, alle zweifeln in ihren Schriften zwischendurch an ihrer Begabung, halten aber dennoch in Religion und Schrift durch, Reimmichl und Reinhold Stecher sind zudem ungebrochene Best- und Longseller in Tirol, sie liefern offensichtlich eine Welt, die das lesende Tiroler Publikum sucht und durch Kauf belohnt.

Stefan Schweiger, liegen bleiben

„Liegen bleiben“ ist ein Ausdruck, der aufs Erste das Österreichische perfekt zum Ausdruck bringt. Eine Arbeit bleibt liegen, ein Beamter entschließt sich, heute liegen zu bleiben, ein Projekt bleibt liegen, Fahrzeuge bleiben liegen, etwas wird weggeworfen und bleibt liegen.

Stefan Schweiger geht mit seiner Liegen-Bleib-Prosa noch ein Stück über das Österreichische hinaus, er behandelt nichts anderes als den Schöpfungsbericht und die Evolution, die in ihrer Entwicklung liegen bleiben und in einem vor-evolutionären Zustand irgendwo bei den schwarzen Löchern des Universums enden. Dabei durchbohren die knallhart reduzierten Formulierungen jedes Gestein, jede Gedankenmasse, jeden Teil des Universums.

Helmut Rizy: Exil | Front | Widerstand

Ein aufregender Essay fragt nicht lange und reißt den Leser mit kurzen Denkbewegungen Oktopus-mäßig in den Schlund des Nachdenkens.

Helmut Rizy kümmert sich um diese Haltungsfronten, die schon immer quer durch den österreichischen Charakter gegangen sind. Wer ist literarisch gesehen im Exil, wer an der Front und wer denkt gar an Widerstand?

Julia Kissina, Elephantinas Moskauer Jahre

In den Nachfolgestaaten der Sowjetunion werden die letzten Jahre des Imperiums als „Moskauer Jahre“ bezeichnet, damit kann man zeitgenössisch präzise sein und dennoch die Gefühlsdistanz zur alten Mutter Hammer-Sichel kundtun.

Julia Kissina schickt ihre Heldin Elephantina als angehende Künstlerin von Kiew in die Hauptstadt Moskau, wo sich im halboffiziösen Untergrund eine geradezu phantastische Künstlerszene entwickelt hat. Elephantina klingt ja selbst schon wie eine Heldin aus einer angerauchten Gegend, ihr Geliebter ist Tomaterich. So wie sich die Helden der Revolution Künstlernamen wie Lenin oder Stalin gegeben haben, benützen jetzt auch die Künstler ihre Kampfnamen der Phantasie.

Inge Cevela (Hg.), Wann Worte wichtig sind

Bücher sind ja den berühmten Eisbergen ähnlich, wir sehen mit etwas Glück das Cover aus den Katalogen ragen und den Rücken aus den Regalen schimmern. Das Wesentliche und Dauerhafte der Literatur freilich bleibt uns meist verborgen und tritt nur durch Lektüre oder Veranstaltungen manchmal ins Licht der Wahrnehmung.

Georg Bydlinski betreut längst einen eigenen Kosmos an Kinder- und Jugendbüchern und ist ein Markenzeichen geworden, das sich noch immer mit Gitarre und guter Stimmung auf den Weg macht, um in Schul-Lesungen die Wahrnehmung für das leise Abenteuer des Alltags umzukrempeln. Anlässlich seines sechzigsten Geburtstages haben Freundinnen und Vorlassbetreuer einen Reader zusammengestellt, der die Poesie des Autors, seine erstaunliche Geradlinigkeit beim Dichten und seine positive Lebensphilosophie würdigt.

Bosko Tomasevic, Hervorgang des Seins

Die Philosophie ist an und für sich ein Massenphänomen, weil jeder Mensch zwischendurch etwas denkt und dabei das Gefühl hat, es könnte sich um etwas Philosophisches handeln. Die ausgewiesene Philosophie grenzt sich dagegen mit Insiderwissen, Fachausdrücken und einem geheimnisvollen Ritual ab, womit sich die Beteiligten gerne selbst in ein besonnen-verschrobenes Eck stellen.

Bosko Tomasevic ist in unseren Breitengraden vor allem als Lyriker bekannt, als Anwalt des Georg Trakl, und als erster Innsbrucker Stadtschreiber. Dabei gilt der Autor als anerkannter Metaphysiker, der seinen Gedichten jeweils einen poetologischen Überbau verschafft und umgekehrt Gedichte oft als „Fallbeispiele“ des Denkens niederschreibt.

Richard Wall, Achill

Ein heroischer Titel, Bilder von der unterirdischen Gewalt einer Kontinental-Drift, Gedichte ausgerichtet wie ein Flügelaltar, ein Nobelpreisträger auf den kargen Boden irdischer Lebenserfahrung zurückgeholt - so fühlt sich ein Gesamtkunstwerk aus den Händen von Richard Wall und Martin Anibas an.

Richard Wall ist der Meister des Randes, der Peripherie, des Endes einer urbanen Welt. So beobachtet und beschützt er seit Jahrzehnten die Westküste Irlands, bringt dabei die Urelemente einer wütenden Küste als Bilder und Gedichte zurück und beobachtet das Vordringen der sogenannten Zivilisation bis in die letzte Ritze der Küste hinein.

Marion Poschmann, Geliehene Landschaften

Auch wenn der Kapitalismus noch so sehr darauf pocht, dass man die Welt besitzen könne, Landschaften jedenfalls lassen sich nicht besitzen, sondern nur leihen. Damit gleichen sie unseren besten Büchern in den Bibliotheken, deren Inhalt man zwar besitzen kann, wenn man ihn gelesen hat, deren Korpus aber nur geliehen ist.

Marion Poschmann geht den Leihvorgang der Landschaften mit der gleichen Präzision an, mit der Bibliothekare ihre Schätze verwalten. Die „Lehrgedichte und Elegien“ sind in neun Kapitel mit je neun Gedichten unterteilt. Ganz den Gattungsbezeichnungen entsprechend sind die Gedichte didaktisch angelegt, indem etwa Gerätschaften, Sinneseindrücke oder das pure Ambiente neu definiert und in neuen Konstellationen vorgeführt werden, zum anderen sind alle Texte, die man nicht genau zuordnen kann, elegisch.

Ferenc Barnás, Ein anderer Tod

Die höchste Kunst des Erzählens ist die Auflösung von Ort, Zeit und Handlung, sie führt vielleicht zu einem anderen Tod.

Ferenc Barnás gelingt etwas, das alle Schreibwerkstätten und Erzähllehrstühle ad absurdum führt, er fesselt die Leserschaft mit einem sperrigen Textblock, der nicht einmal Roman genannt wird und kaum Handlung, Zeitgeist oder Didaktik enthält. Es geht vielleicht um das Zusammenführen unbewusster Gedankenströme am Kontinent, um das Abtauchen eines Individuums in der eingedickten Zeitgeschichte und um die Transformation zerlegter Augenblicke in die Zeitlosigkeit.

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