Graphic Novels

In den späteren 1970er Jahren entwickelte sich in den USA eine Gegenströmung zum ästethisch angelegten Comic, die „Graphic Novel“. Bereits Anfang 1941 sah Will Eisner im Comic literarisches Potenzial. (vgl. Abel/Klein 2016, S. 29) Eisners Cartoon eines Superhelden – „The Spirit“ - war laut eigener Aussage „keine Geschichte für kleine Jungs“. (Tiroler Tageszeitung, 2017, S. 16) Zu diesem State-ment bewegte ihn P’Gell – eine Femme fatale – im Spirit-Abenteuercomic. (vgl. Tiroler Tageszeitung, 2017, S. 16)

Aber erst in den 1970er Jahren startete Will Eisner erneut mit einem Buch mit vier Kurzgeschichten („A contract with god“) und nannte es „Graphic Novel“. Er wollte sich von der Überflutung des Comic-Marktes mit Superhelden-Geschichten absetzen. Da eine ernsthafte Comic-Erzählung in den Comicläden unpassend gewesen wäre, gab er seiner Erzählung einen neuen Namen und nutzte diesen als Marketinginstrument. Zugleich erhob er aber auch den Anspruch, dass die Graphic Novel als grafische Erzählung gesehen wird - wegen der ernsthaften Erzählhaltung und einer sich vom klassischen Comic abhebenden Ästhetik. Die Einzelbilder waren nicht mehr in gleicher Größe aneinandergereiht, sie nahmen sich den Platz, den sie brauchten. (vgl. Abel/Klein 2016, S. 29f)

Die wörtliche Übersetzung „grafischer Roman“ verweist auf den literarischen Inhalt, der Graphic Novels auszeichnet. Man könnte Graphic Novels, die oft auch als Hardcover-Ausgaben vertrieben werden, aber auch „Die anderen Comics“ nennen, da sie bezüglich des Formates Büchern ähneln. Üblicherweise findet man mehr Seiten als in den amerikanischen Comic-Heften oder den französisch-belgischen Alben. (vgl. Oehler 2010)

Inhaltlich widmen sich die Graphic Novels menschlichen Schicksalen, spielen oft in Großstädten und beinhalten mitunter autobiografische Züge. Aber der Begriff wird bald auf das Produkt und nicht mehr auf die Erzählhaltung bezogen. Alles, was in Umfang und Format einem Buch ähnelt, wird als Graphic Novel bezeichnet. Was eine Graphic Novel ausmacht, darüber ist man sich bis heute nicht einig. (vgl. Abel/Klein 2016, S. 30f)

In Europa begann die Ära der Graphic Novels mit der Erscheinung des Monats-magazins „A suivre“ im Jahr 1978. Der Comic wurde hier wie bei Eisner als Form der Literatur gesehen und war für Erwachsene gedacht. Es wurde auf längere Fort-setzungen gesetzt, Comicromane mit einer bewussten Unterteilung in Kapitel wurden geschaffen. Eine neue Ernsthaftigkeit wurde mit schwarz-weiß gedruckten Comics und individuell endenen Geschichten, die an keine Umfangsvorgaben gebunden sind, betont. (vgl. Abel/Klein 2016, S. 32f)

Die Öffnung für ernsthafte Themen zeichnet die Graphic Novels aus, die Bandbreite der Themen ist sehr groß: Literaturadaptionen, frei erfundene Geschichten, Comic-reportagen, Sachcomics und Biografien findet man ebenso wie soziale Probleme. Für die Vermittlung historischer Stoffe erweisen sich Graphic Novels als sehr geeignet - wobei sich Geschichtsdarstellungen durch alle Comicgenres ziehen. Aber typisch für Graphic Novels ist, dass sie das Gewesene nicht nur parodieren. Die Erzählerinnen und Erzähler wählen bewusst eine subjektive Erzählweise, Sachinformationen dienen dazu, den Leserinnen und Lesern das Dargestellte verständlicher zu machen. (vgl. Abel/Klein 2016, S. 160ff)

In diesem Zusammenhang erscheint auch die Geschichte der aus dem Iran geflüchteten Marjane Satrapi interessant: Die autobiografische Erzählung ihrer Kindheit während der Islamischen Revolution erschien unter dem Titel „Persepolis“ und wurde zum internationalen Bestseller, selbst der Animationsfilm dazu erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Satrapi gilt im Iran als Staatsfeindin. (vgl. Abel/Klein 2016, S. 34)

Laut Oehler (2010) können Comics und Graphic Novels

also sehr wohl interessante, authentische Geschichten für ein anspruchsvolles Publikum erzählen, und vielleicht liegt der Grund für das neuerwachte Interesse zu einem Teil auch in der Tatsache begründet, dass man genau das diesem Medium so nicht zugetraut hat und von der Vielfalt und Einzigartigkeit guter Comics oder Graphic Novels positiv überrascht ist.

Text: Renate Huber

Bild: Pixabay (Gemeinfrei)

Literatur: Abel, J., Klein, C. (2016). Comics und Graphic Novels. Eine Einführung. (1. Aufl.). Stuttgart: J. B. Metzler Verlag GmbH.

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