Rezension und Tipps für den Unterricht: Der Delfin Die Geschichte eines Träumers

In idealeren Fällen ereignet sich das kindliche Heranwachsen in geschützten Beziehungsräumen. Die Kleinfamilie mit Vater, Mutter und Kind ist eine der traditionelleren Formen, Heranwachsenden einen gesellschaftlichen Schonraum zu sichern. In verschiedenen Kulturen und gesellschaftlichen Entwicklungen haben sich verschiedene Formen sicherer Orte für die kindliche Entwicklung herausgebildet. In matriarchalen Kulturen wird die Erziehung der Kinder vor allem von den Verwandtschaftskreisen der Mutter des Kindes getragen. In offenen Gesellschaften mit hoher Lebenserwartung und abnehmenden rigiden Lebensvorschriften, wie sie für geschlossene Gesellschaften typisch sind, formieren sich zwischen seriellen und verschieden sexuell orientierten Partnerschaften Lebensräume, die auch für Kinder und Jugendliche unkonventionelle und dennoch funktionierende Schutzräume verkörpern.

Sergio Bambaren hat in seinem Bilderbuch „Der Delfin“, das 2016 im arsEditionsVerlag erschienen ist, die kindliche Angewiesenheit nach Behütung in die sichere Abgeschiedenheit einer Lagune versetzt. Irgendwo im unendlich großen Meer liegt ein kleines Meer, das von Korallenfelsen umgeben ist. Dort lebt der kleine Delfin Daniel. Bis vor kurzem hat Daniel am liebsten mit seinen Geschwistern und Freunden gespielt. Doch seit seine Tante Manta auf Besuch gewesen ist und von den wunderbaren Wellen draußen im großen Meer erzählt hat, wächst in Daniel die Sehnsucht nach den verheißungsvollen Wellen im weiten Weltenmeer. Seine Eltern warnen ihn vor den Gefahren, die im großen Weltmeer lauern, aber seine Sehnsucht wird von Tag zu Tag größer. Eines Tages wagt er das Abenteuer! Er springt über die Felsen hinweg und taucht ein in das große Lebensgefühl. Dort begegnet er der alten Meeresschildkröte Serafina. Die beiden beschließen, das große Meer gemeinsam zu erkunden. Unterwegs begegnen sie den unterschiedlichsten Meeresbewohnern. Der kleine Seehund Augustin wird Dritter im Bunde und gemeinsam erleben sie wunderbare, aber auch gefährliche Abenteuer.

Als sie eines Tages auf riesige Wellen treffen, bekommt Daniel Angst. Durch den Mut der anderen kehrt auch sein Mut und Lebenswille zurück. Entschlossen stürzt er sich in die Wellen. Als er endlich nach Hause zurückkehrt, erzählt er begeistert von seinen Erlebnissen. Am darauffolgenden Tag trauen sich auch die anderen hinaus aufs große Meer. Die alte Schildkröte Serafina meint: "Du hast Wünsche geweckt und andere mit deinem Mut angesteckt. Denn Mut kann ebenso anstecken wie Angst, und mit Mut wächst der Wille, sich Wünsche zu erfüllen!“

Dem 1960 in Peru geborenen Sergio Bambaren ist in seinen Büchern die Leidenschaft für das Meer anzumerken. Mit „Der träumende Delfin“ gelingt ihm auf Anhieb ein internationaler Bestseller. Er gibt seinen Ingenieurberuf auf und lebt als Schriftsteller in Lima. Bambaren engagiert sich für den Verein „Dolphin Aid“, der behinderte Kinder mit Delfinen in Kontakt bringt. Außerdem ist er Mitbegründer der Umweltschutzorganisation „Mundo Azul“.

Bewertung

Das Meer in seiner endlosen Weite wird in „Der Delfin“ zum Sinnbild für das Leben. Wie das wirkliche Leben steckt das Meer voller Überraschungen. Es kann wunderschön sein und sehr gefährlich. Der Delfin Daniel begegnet in seinem Eintauchen in die große, weite Welt fernab der Heimat wunderlichen Wesen wie dem Walfisch und ungeheuerlichen wie der Krake mit den langen Fangarmen, schillernden Gestalten wie der Quallenkönigin und verstörenden wie dem Hai, vor dem alle davon schwimmen.

Die Bilderbuchgeschichte folgt dem Vorbild eines Bildungsromans. Die Entwicklungsreise eines Delfin-Teenagers wird in einfacher Sprache idealisiert erzählt. Zur Sorte von Bilderbüchern, die sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gehaltvoll sind, zählt die Erlebnisreise von Delfin Daniel nicht. Zu glatt und getränkt mit pädagogischen Klugheiten wird die Delfin-Geschichte abgerollt. Die stets hohe Ambivalenz und Unfassbarkeit tatsächlicher Lebenserfahrungen wird schwarz-weiß  gezeichnet und der Delfin Daniel erprobt sich in der Lebenserfahrung, sich so im Lebensmeer zu bewegen, wie es zu den  Wellen passt. Die Anpassung an die gegebene Umwelt ist die Devise. Ähnlich wie sich Daniel den Erfordernissen des Lebens stellt und sich dem Strom des Lebens fügt, passen sich die Illustrationen von Joelle Tourlonias, die in Weimar an der Bauhaus Universität Malerei und Illustration studiert hat und in Düsseldorf lebt, der Textvorlage an. Die Illustrationen setzen ins Bild um, was der Text von Sergio Bambaren schon vorzeichnet.

Gerade diese Einfachheit des Textes von Sergio Bambaren und die Übermaltheit des Textes durch die illustrative Arbeit von Joell Tourlonias prädestinieren dieses Bilderbuch zum Vorlesen, Nachblättern und Lesen für Kinder im Volksschulalter. Die einprägsamen Textbotschaften des Bilderbuches und die übergroße Präsenz der plakativen Illustrationen unterlaufen ein mögliches Überfordertsein einzelner Kinder.

Einsatz im Unterricht

Das Buch eignet sich für verschiedene Einsatzmöglichkeiten im Volksschulunterricht. Im Deutschunterricht kann die Geschichte vorgelesen und ergänzend können die Bilder gezeigt werden. Die Kinder können eingeladen werden, die Geschichte nachzuerzählen oder eine Szene, die sie besonders angesprochen hat, zu malen. Die Geschichte kann als Impuls für eine Fortsetzungsgeschichte verwendet werden. In einem Bibliotheksprojekt lässt sich die Geschichte als Lesetheater für andere Gruppen oder Klassen umsetzen. In Rollenspielen können die Kinder  eingeladen werden, sich in verschiedene Figuren des Buches hineinzuversetzen. Das Buch kann als Anregung verwendet werden, sich im Sachunterricht über das Leben im Meer auseinanderzusetzen. Im Internet kann über Delfine recherchiert werden. Ausgehend von der Buchgeschichte kann in Gruppen eine Präsentation zu den im Buch vorkommenden Meerestieren vorbereitet werden.

Resümee

Das Bilderbuch „Der Delfin“ heißt im Untertitel „Die Geschichte eines Träumers“. Träume verweisen oft in die Welt des Wünschenswerten. Was wäre wünschenswerter für die Entwicklung eines Kindes, als dass es sich von einem Ort des Geborgenseins hinaus in eine Welt wagt, in der es im Kontakt mit anderen in ein glückliches Leben erstarkt und damit der Kern des Lebenstraums in Erfüllung geht.

Rezension: Karin Hechenblaickner

Bild: ars Edition

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