Themenheft für den Kompetenzbereich Lesen, Teil 1

Lesen gehört ohne Zweifel zu den zentralen Kompetenzen moderner Gesellschaften, die es vor allem in der Volksschule den jungen Schülerinnen und Schülern zu vermitteln gilt. Neueste Erkenntnisse auf dem Gebiet der Leselernprozesse und der Lesedidaktik eröffnen innovative Möglichkeiten, Kinder beim Aufbau von Lesekompetenz und Lesemotivation gezielt zu unterstützen und zu begleiten.

Das umfangreiche „Themenheft für den Kompetenzbereich Lesen – Umgang mit Texten und Medien“, das vom bifie 2016 veröffentlicht worden ist, setzt sich in sechs Kapiteln mit den verschiedensten Bereichen der Leseforschung, Lesedidaktik und Leseförderung auseinander und bietet nicht nur theoretisches Hintergrundwissen, sondern auch konkrete praktische Hilfen, Ideen und konkrete Beispiele dafür, wie Leseförderung im schulischen Unterricht umgesetzt werden kann.

Bereits im „Praxishandbuch für Deutsch, Lesen und Schreiben“ werden jene Kompetenzen vorgestellt, für die Bildungsstandards festgelegt worden sind. Das Themenheft für den Kompetenzbereich Lesen setzt sich infolge vertieft auf knapp 170 Seiten mit dem Lesen in der Grundschule auseinander.

Bildungsstandards: Kompetenzbereich „Lesen – Umgang mit Texten und Medien“ im Pflichtschulbereich

Bildungsstandards im österreichischen Schulsystem verfolgen das Ziel, verbindliche und grundlegende Kompetenzen in der schulischen Ausbildung aller Kinder sicherzustellen. Dabei stehen Nachhaltigkeit und Ergebnisorientierung im Mittelpunkt des Unterrichts, d.h. die Lernergebnisse und die Kompetenzen, die Kinder bis zum Ende der Volksschule bzw. dem Ende der Pflichtschule erwerben sollen, werden konkret formuliert und bewertet.

Die Bildungsstandards für „Deutsch, Lesen und Schreiben“ aus dem Jahr 2016 formulieren insgesamt 21 Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler der 4. Schulstufe im Bereich Lesen und Umgang mit Texten und Medien beherrschen sollen. Dabei werden die „Grundlinien einer systematischen Lesedidaktik“ aufgezeigt, mit denen die gewünschte Lesekompetenz vermittelt werden kann.

Zu den Kompetenzbereichen für die „Bildungsstandards für Deutsch, Lesen, Schreiben 4. Schulstufe“ gehören:

•    Hören, Sprechen und Miteinander-Reden
•    Lesen – Umgang mit Texten und Medien
•    Verfassen von Texten
•    Rechtschreiben
•    Einsicht in Sprache durch Sprachbetrachtung


Das "Themenheft für den Kompetenzbereich Lesen" setzt sich auf
knapp 170 Seiten mit dem Lesen in der Grundschule auseinander.

Bild: bifie

 

Im Themenheft werden die wichtigen Voraussetzungen eines gelingenden Leseunterrichts systematisch dargestellt. Dabei werden sieben Aspekte der Bildungsstandards auf der Basis dreier Modelle der Lesekompetenz erläutert: einem kognitionspsychologischen, einem sozialisationstheoretischen und einem didaktischen Modell.

Wenn es um die Bedeutung von Lesekompetenz geht, wird auf die gesellschaftlichen Anforderungen der Gegenwart hingewiesen, die Lesekompetenz in allen Bereichen des menschlichen Lebens, ob in Beruf, Freizeit oder Privatleben, als grundlegend voraussetzen.

Wer heutzutage auf einem Niveau liest, das 1950 als angemessen gegolten hätte, ist den Anforderungen der aktuellen Wissens- und Mediengesellschaft kaum noch gewachsen. (5)

Und so ist auch der Begriff „Lesekompetenz“ ganz auf die Anforderungen der Gegenwart abgestimmt und beschreibt die Fähigkeit, „kontinuierliche, diskontinuierliche  und multimediale Texte zu verstehen“ (6). Dabei werden unter „kontinuierlichen Texten“ reine Schrifttexte verstanden, während „diskontinuierliche Texte“ mehrere Zeichensysteme wie Text, Grafiken, Schaubilder, Tabellen u.a. beinhalten können. „Multimediale Texte“ bezeichnen (Hyper-) Texte, die in den digitalen Medien unterschiedliche Medien, Modalitäten und Ebenen miteinander kombinieren.

Aktuelle kognitionspsychologische Konzepte von Lesekompetenz legen das angelsächsische „Literacy-Konzept“ zugrunde, wie es vor allem in der PISA-Studie aber auch bei PIRLS-Lesestudie und IGLU, die Internationale Grundschul-Leseuntersuchung, für die 4. Schulstufe, umgesetzt wird. Für PIRLS und IGLU werden fünf Kompetenzstufen unterschieden:

Stufe I:   Dekodieren von Wörtern und Sätzen
Stufe II:  Explizit angegebene Einzelinformationen in Texten identifizieren
Stufe III: Relevante Einzelheiten und Informationen im Text auffinden und
                 miteinander in Beziehung setzen
Stufe IV: Zentrale Handlungsabläufe auffinden und die Hauptgedanken des Textes
                 erfassen und erläutern
Stufe V: Abstrahieren, Verallgemeinern und Präferenzen begründen

Der Lesebegriff, der hinter dem Literacy-Konzept steht, wird von zahlreichen Leseforschern als verengend kritisiert, dem der kulturelle Aspekt, die Sozialisationsperspektive, Motivationen, Emotionen und die lesebezogenen Interaktionen fehlen. Ebenso wird bemängelt, dass ein so verstandener Lesebegriff dem Lesen als Medium der Persönlichkeitsentwicklung, der ästhetischen und sprachlichen Sensibilisierung, der Entwicklung moralischer Urteile sowie der Empathiefähigkeit und dem Verstehen eigener oder fremder Kulturen nicht gerecht wird. Als Antwort darauf wird vor allem die Bedeutung des literarischen Lesens wieder besonders hervorgehoben.


Auf der „Prozessebene“ des Lesenlernens stehen zunächst Lesefähigkeit und -technik im Mittelpunkt. Foto: Tibs-Bilderdatenbank: Stefanie Vonderleu

 

Leseforscherinnen wie Bettina Hurrelmann verstehen den Begriff der Lesekompetenz, ganz im Sinne der europäischen Bildungstradition, weniger pragmatisch orientiert, wie die Literacy-Konzepte, sondern als Fähigkeit der Persönlichkeitsentwicklung in den verschiedensten Bereichen. Ergänzend weisen die Leseforscher Cornelia Rosebrook und Daniel Nix darauf hin, dass für das Messen von „Leseverstehensleistungen“, wie z.B. bei PISA, PIRLS und IGLU, ein anderes Modell benötigt wird, als es für die Diagnose von Leseschwächen und für die „Gestaltung von Leselernprozessen im Unterricht“ (7) der Fall ist. Rosebrock und Nix unterscheiden zwischen der „Prozessebene“, wo zunächst Lesefähigkeit und –technik im Mittelpunkt stehen, der Subjektebene, die den einzelnen Leser betrachtet und der sozialen Ebene, in der die Bedeutung des sozialen Umfelds für das Lesen untersucht wird.

Das Themenheft Bildungsstandards für „Deutsch, Lesen und Schreiben“ beschreibt sieben übergeordnete Aspekte:

1.    Lesemotivation:  „Die Lesemotivation bzw. das Leseinteresse festigen und
                                       vertiefen“
2.    Leseverständnis: „Über eine altersadäquate Lesefertigkeit und ein
                                       entsprechendes Leseverständnis verfügen“
3.    Lesestrategien:  „Den Inhalt von Texten mit Hilfe von Arbeitstechniken und
                                      Lesestrategien erschließen“
4.    Kommunikation über Texte: „Das Textverständnis klären und über den Sinn von
                                                           Texten sprechen“
5.    Aktives und kreativer Umgang mit Texten: „Verschiedene Texte gestaltend oder
                                                                                     handelnd umsetzen“
6.    Erkennen von Textsorten und Darstellungsstrategien:
                                     „Formale und sprachliche Gegebenheiten in Texten erkennen“
7.    Erweitern des Verständnisses von sich Selbst und der Welt:
                                     „Literarische Angebote und Medien aktiv nutzen“

Zugrunde gelegt wird ein enger Zusammenhang zwischen Kompetenz, Motivation und Leseverhalten, wobei eine erfolgreiche Leseförderung dem „subjektiven Faktor“ besondere Aufmerksamkeit schenkt.

„Lesemotivation, Interesse und Engagement sowie ein stabiles Selbstkonzept als Leserin bzw. Leser werden als Grundlage für aktives Leseverhalten und daraus resultierende Lesekompetenz genannt. Die amerikanischen Forscher Guthrie und Wigfield (2000) haben in ihrem Beitrag zu „Engagement and motivation in reading“ auf der Basis zahlreicher empirischer Untersuchungen darauf hingewiesen, dass der Antrieb zu einer aktiven Lesepraxis der wichtigste Motor für die Ausbildung von Lesekompetenz sei. (10)

Von den pädagogischen Psychologen Jens Möller und Ulrich Schiefele wurde im Rahmen der Analyse von PISA 2000 ein „Erwartungs-Wert-Modell der Lesemotivation“ entwickelt, das die Zusammenhänge zwischen Lesemotivation, Leseverhalten und Lesekompetenz zu erklären versucht. Es unterscheidet zunächst zwischen innerer und äußerer Motivation, um schließlich jene Faktoren zu identifizieren, die dabei helfen sollen, Kinder zum Lesen zu motivieren. (11)

Erfolgreiche Leseförderung muss stets die Arbeit an Kompetenzen und Motivationen miteinander verbinden, das heißt: Training, Übung und Arbeiten mit Freude, Spaß und Interesse. (12)

 


Lesemotivation, Interesse, Engagement und ein stabiles Selbstkonzept als LeserIn bilden die Grundlage für aktives Leseverhalten und Lesekompetenz.
Foto: Tibs-Bilderdatenbank, Max Tscheloth

 

Die schulische Umsetzung im Leseunterricht erfolgt in drei sogenannten Entwicklungsplateaus:

  • Plateau der Emergenz / Interpersonalität (0 – 6 Jahre)
  • Plateau der Heuristik/Autonomisierung (6 – 12/13 Jahre)
  • Plateau der Konsolidierung/Ausdifferenzierung (13 – 18/20 Jahre)

Vier Verfahren für eine systematische und ganzheitliche Leseförderung im Grundschulalter

a) Zwei Bausteine zum Erwerb literaler Kompetenzen:

Baustein 1: Förderung von Leseflüssigkeit durch Lautlese-Verfahren

Zum Automatisieren des Lesevorgangs und für die Entwicklung einer Lesefreude gilt es zunächst eine angemessene Lesegeschwindigkeit zu erzielen.

Dabei unterscheiden Rosebrock und Nix verschiedene Dimensionen der Leseflüssigkeit:

  • exakte Dekodierfähigkeit von Wörtern
  • Automatisierung der Dekodierprozesse: diese entlastet das Arbeitsgedächtnis und macht es für höhere Verstehensleistungen frei
  • angemessene schnelle Lesegeschwindigkeit: konstantes Üben, schafft Voraussetzungen, um Lesen als lustvolle Tätigkeit zu erleben, wobei sich Lautlese-Verfahren zum Trainieren der Leseflüssigkeit als besonders geeignet erwiesen haben.
  • Fähigkeit zur sinngemäßen Betonung des gelesenen Satzes (ausdrucksstarkes Vorlesen) (17)

Baustein 2: Vermittlung von Lesestrategien:

Lesestrategien sollen helfen, das Textverstehen zu fördern. Die Schüler erarbeiten sich dabei einen „geistigen Werkzeugkasten“ mit Lesestrategien, der ihnen dabei helfen soll, alle Arten von Texten zu erschließen.

Die jeweiligen Lesestrategien werden unterteilt in Strategien, die vor dem Lesen, während des Lesens oder nach dem Lesen zum Einsatz kommen. Also wird entweder vorbereitend zum Text das Vorwissen der Leser aktiviert, während des Lesens die Aufnahme und Strukturierung des Gelesenen unterstützt oder nach dem Lesen, das Gelesene gezielt verarbeitet.

Neuere Ansätze sehen in selbstregulativen Strategien zur autonomen Steuerung des eigenen Leseprozesses der Schülerinnen und Schüler das übergeordnete Ziel, mit deren Hilfe sie zu eigenständigen und unabhängigen LernerInnen werden. (15)

b) Zwei Bausteine zum Erwerb literarischer Kompetenzen (15)

Baustein 3: Viellese-Verfahren

Eine große mediale Konkurrenz und fehlende elterliche Unterstützung sind die größten Hindernisse, die einem ausgeprägten Leseverhalten im Wege stehen. Regelmäßiges Lesen im Unterricht hilft, die Lesequantität zu steigern.

Baustein 4: Verfahren der Leseanimation

Vorlesen, Buchvorstellungen, sowie die Berücksichtigung unterschiedlicher Lektüreinteressen von Mädchen und Buben helfen, die Lesefreude zu heben.

Die Phase der lustvollen Kinderlektüre entsteht im Alter zwischen 7/8 – 12/13 Jahren.

Voraussetzung für die Entwicklung eines langen Leseatems, um umfangreiche Kinder- und Jugendbücher zu lesen, ist das Erreichen einer entsprechenden Leseflüssigkeit. Vor allem Mädchen entwickeln in diesem Alter eine regelrechte „Lesesucht“.


Vorlesen, Buchvorstellungen aber auch das Eingehen auf die unterschiedlichen Lektüreinteressen von Mädchen und Buben heben die Lesefreude.
Foto: Tibs-Bilderdatenbank, Reinhold Embacher

 

Mit den hier vorgestellten vier Bausteinen kann eine umfassende und systematische Leseförderung für Kinder beider Geschlechter im Medienzeitalter erfolgreich gestaltet werden. (17)

Der befürchtete Verlust der Sprachkultur durch die Ausbreitung elektronischer Medien scheint nicht einzutreten. Ihr Einsatz in allen Bereichen des Alltags macht eine ausgebildete Lesekompetenz hingegen nötiger denn je. Im Gegensatz zu früheren Zeiten lassen sich nur mehr wenige Arbeitsplätze ohne fortgeschrittene Lesefähigkeiten ausüben. Wer den Anforderungen an den Beruf und an lebenslanges Lernen gewachsen sein will, braucht eine ausgebildete Lesefähigkeit.

Die Lesekompetenz gilt damit als die Basiskompetenz für alles Lernen, für die persönliche Entwicklung und den beruflichen Erfolg. Diese große Bedeutung des Lesens schlägt sich in der Europäischen Erklärung des Grundrechts auf Lese- und Schreibkompetenz aus dem Jahr 2016 nieder.

Das Grundrecht auf Lese- und Schreibkompetenz

Jede Person in Europa hat das Recht, angemessene Lese- und Schreibkompetenz zu erwerben. Die EU-Mitgliedsstaaten gewährleisten, dass alle Menschen ungeachtet ihres Alters oder Geschlechts, ihrer sozialen und ethnischen Herkunft sowie ihrer religiösen Orientierung über die nötigen Ressourcen und Möglichkeiten verfügen, um gute Lese- und Schreibfähigkeiten zu erwerben, damit sie geschriebene Kommunikation in gedruckter und auch digitaler Form wirksam verstehen und verwenden können.

  • „Ein anspruchsvoller Lese- und Schreibunterricht für Kinder, Jugendliche und Erwachsene wird als Kernaufgabe aller Bildungsinstitutionen angesehen.“
  • „Alle Lehrkräfte erhalten eine solide Aus- und Fortbildung, damit sie der anspruchsvollen Aufgabe der Vermittlung von Lese- und Schreibkompetenzen im Sprach- und Fachunterricht gerecht werden können“ (Hervorhebungen von der Autorin, S. 18).

 

Weiterführende Links:

 

Andreas Markt-Huter, 31-01-2017
Titelbild: Tibs-Bilderdatenbank,Education Group GmbH

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