Annett Krendlesberger, Doch

Oft sind es diese kleinen selbstbewussten Widerspruchswörter, die in einer Erzählung als strukturierte Alternativen hervortreten. Das Wörtchen „doch“ erinnert im besten Fall an ein dynamisches Kind, welches in den Boden stampft und „doch“ schreit, um ein Begehren vorzutragen.

In Annett Krendlesbergers knapp zwanzig Erzählungen treten Heldinnen und Helden auf, die an die Peripherie der öffentlichen Wahrnehmung gerückt sind und einmal noch kurz so etwas wie einen eigenen Willen kundtun, um den letzten Rest einer eigenen Identität zu dokumentieren. Dabei gerät dieses Aufbegehren manchmal in die Nähe einer Marotte, die erst recht wieder ohne Aufmerksamkeit weggewischt wird.

So kippt in der Eingangserzählung vom Kreuz die Anne ständig um, kein Ort ist ihr zu blöd, um nicht hinzufallen. Auf der Straße entsteht Tumult, wenn die Schaulustigen um die frisch Hingefallene herumstehen. Zu Hause geht man da schon ziemlich unaufgeregt mit ihr um. Man wird wieder zu einem Arzt gehen, der sich dieses Mal das Kreuz anschauen soll, vielleicht liegt es daran. Momentan pflegt Anna ihre unreine Haut und trinkt Entschlackungstee.

An anderer Stelle versucht sich eine Patientin nach schwerer Verbrennung wieder zu derfangen. Halb sediert verfolgt die Heldin den einen oder anderen Gedanken. „Welche Farbe passt zu tot geglaubten Tagen?“ Die Haut ist verschrumpelt und zerstört wie der Blasebalg einer Ziehharmonika. Im Nachbarbett liegt ein ähnlich verunstaltetes Mädchen oder ist es bei ihr nicht so schlimm?

In einer erotischen Aufwallung projiziert eine Frau all ihre Vorstellungen auf Paul, der sich dabei auf einen puren Körper reduziert. Die Kommunikation ist ziemlich einseitig, weil es sich mit einem Körper-Spiegel schwer reden lässt. Der Körper Paul reagiert dann recht unwirsch und steigt aus der Projektion aus.

Unter dem harmlosen Titel Ausweg braut sich für die Helden nichts Gutes zusammen. Zuerst glaubt man, es handle sich um eine kurzatmige Brunz-Geschichte, weil der Held wegen Blasenschwäche überall austreten muss. Aber bei diesen Austritten kommt es zu unerwarteten Ausblicken, hinter einer Brunz-Böschung etwa spielt sich ein Unfalldrama ab. Soll man als Auskunftsperson auftreten, ist man vielleicht unbeabsichtigt selbst verwickelt, kann jemand, der nach Brunze stinkt, ein wertvoller Zeuge bei Gericht sein?

Es sind diese harmlosen Konstellationen, die jeden von uns im Alltag erreichen, die diese Geschichten unter die Haut gehen lassen. Manchmal sind es nur kleine Nadelstiche, die jemand noch setzt, ehe er wieder für lange Zeit abtaucht, dann wieder ist es eine Elegie des Trotzes, die die Umgebung eines schwierigen Helden zum Wahnsinn treibt. Immer aber sind es Typen, die man in keinem Werbespot brauchen könnte, nicht einmal als Familie Putz beim Lutz. Zu abnorm ticken die Helden, sie eiern, haben Defekte und oft auch nicht die Kraft, mit der glatten Konsumwelt mit zu schwimmen.

Doch! Annett Krendlesbergers Erzählungen schärfen die Sinne, diese kleinen widerspenstigen Helden nicht zu zähmen, sondern ihnen zuzuhören.

Annett Krendlesberger, Doch. Erzählungen
Klagenfurt: Kitab 2016, 183 Seiten, 16,00 €, ISBN 978-3-902878-67-0

 

Weiterführende Links:
Kitab Verlag: Annett Krendlesberger, Doch
Literaturport: Annett Krendlesberger

 

Helmuth Schönauer, 11-07-2016

Bibliographie
AutorIn: 
Annett Krendlesberger
Buchlangtitel: 
Doch
Erscheinungsort: 
Klagenfurt
Verlag: 
Kitab Verlag
Seitenzahl: 
183
Preis in EUR: 
16,00
ISBN: 
978-3-902878-67-0
Kurzbiographie AutorIn: 

Annett Krendlesberger, geb. 1967 in Wien, lebt in Wien.

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