Norbert Gstrein, In der freien Welt

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In den guten multiplen Romanen gibt es so viele Lesemöglichkeiten, dass zwei Leser im Gespräch darüber oft eine Zeitlang brauchen, um zu kapieren, dass sie den gleichen Roman gelesen haben.

Norbert Gstreins Roman „In der freien Welt“ ist multipel, weit, frei, und groß wie die ganze literarisch erfassbare Welt. Je nach Wahl des Lese-Eingangs lässt sich der Roman als Krimi, politische Bestandsaufnahme, Travelling-Fields, Freundschaftserzählung oder Aussalzung eines perversen Literaturbetriebes lesen.

Die Erzählverhältnisse sind klar, der Ich-Erzähler Hugo ist ein österreichischer Schriftsteller, der Tag und Nacht durch die Welt reist, von einem Stipendium zum anderen. Schon seit Jahren ist er mit dem amerikanisch-jüdischen Schriftsteller John befreundet, der auf der ersten Seite des Romans in San Francisco niedergestochen und ermordet wird.

Mit dieser Konstellation eröffnet sich die Möglichkeit, überall zu sein und sich frei zu bewegen. Und der Tod der erzählten Figur macht es möglich, dass man auch Tabus bricht, denn über lebende Autoren dürfte man im Literaturbetrieb nur eingeschränkt urteilen.

In den drei elementaren Kapiteln „Beobachter, Zeuge und Bewunderer“, „Die glücklichste Zeit meines Lebens“, „Anwesende Abwesende“ entsteht ein sachtes Porträt über John, der überall zu Hause ist, in der Israelischen Armee gekämpft hat, in der Bronx für das Überleben ausgebildet worden ist und über Freiheit, Fiktion, Politik und Holocaust durchaus nicht-korrekte Ansichten verbreitet.

Wie unkonventionell der Diskurs über sakrosankte Themen wie den Holocaust abläuft, zeigt etwa eine Szene, wo John Mauthausen besucht und danach einen solchen Heißhunger bekommt, dass er an der Raststation ein doppeltes Gulasch mit bloßen Händen isst, indem er sich das Fleisch unzerschnitten in den Mund stopft. „Als Film hätte ich diese Szene gehasst“, heißt es lapidar. (291)

Beim Aufräumen der Erinnerungen trifft der Erzähler auf den Bruder des Ermordeten, der ihm die dunkle Seite von John erschließt. Während der nächstbesten Israelreise tut sich ein Kontakt zu einem palästinensischen Schriftsteller auf, der in seinem Roman voller Hass eine Rolle des Juden als Bösewicht verkündet. In der Vorstadt werden die Ruinen des letzten Gaza-Bombardements aufgeräumt mit der Aussicht, dass sie demnächst wieder niedergebombt werden müssten.

Im Roman sind die Figuren bestens abgesichert, wenn sie teuflische Tabu-Sätze sagen, immer schimmert die Spielregel durch: Es handelt sich um Fiktion und um keinen Stammtisch, wenn böse braune Sätze gesagt werden.

Böse, wahre Sätze dürfen dann auch über den Literaturbetrieb fallen, wenn etwa eine Archivarin in den Krankenstand muss, weil sie den Scheiß in den Kisten der Vorlass-Dichter nicht mehr aushält, wenn für das österreichische Literaturmuseum die Hämorrhoiden-Kissen der Genies für Ausstellungszwecke angekauft werden, wenn ein kluger Kopf dem Autor empfiehlt, mach ein paar handschriftliche Notizen, damit du es als Vorlass verkaufen kannst!

Der Roman mündet im Ausstreuen der Dichterasche vor den Farallon Islands bei San Francisco und entlässt den Leser mit der befreienden These Norbert Gstreins: Auch in der Welt der Literatur darfst du nicht die Wahrheit sagen, weil die Literatur schon längst von Politik, Religion und Tabu-Managern gekauft ist. – Entlarvend subtil!

 

Norbert Gstrein, In der freien Welt. Roman
München: Hanser 2016, 492 Seiten, 25,60 €, ISBN 978-3-446-25119-9

 

Weiterführende Links:
Hanser Verlag: Norbert Gstrein, In der freien Welt
Wikipedia: Norbert Gstrein

 

Helmuth Schönauer, 02-02-2016

Bibliographie
AutorIn: 
Norbert Gstrein
Buchlangtitel: 
In der freien Welt
Erscheinungsort: 
München
Verlag: 
Hanser Verlag
Seitenzahl: 
492
Preis in EUR: 
25,60
ISBN: 
978-3-446-25119-9
Kurzbiographie AutorIn: 

Norbert Gstrein, geb. 1961 in Mils/Imst, lebt in Hamburg.

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