Norman Lewis, Neapel '44

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Reisebücher beschreiben meist ein Stück Geographie mit mehr oder weniger interessanten Menschen drin, eine spezielle Form ist jene, die dabei ein Stück Zeitgeschichte bereist.

Norman Lewis wird 1943 in einem Schnellsiedekurs zu einem Nachrichtenoffizier für die Nachkriegszeit ausgebildet, Schwerpunkt dabei: Verwaltung eines Gebietes, das eben frisch von der Armee befreit worden ist. Ab dem Herbst 1943 ist der Erzähler etwa ein Jahr lang in Neapel stationiert, dabei ändern sich die Aufgaben beinahe stündlich.

Nach der Landung am roten Strand bei Paestum geht es hinein in einen urbanen Kessel, der sich Neapel nennt. Die Front ist zum Greifen nah, hinter jeder Kurve kann ein feindliches Widerstandsnest sein. Und es gibt jede Menge Gefangene, mit denen man nicht recht weiß, was tun. Ein noch vom Kampfschweiß gebadeter Offizier übergibt dem Erzähler einen Gefangenen mit den Worten:

Könnten sie den Mann mitnehmen und erschießen. (24)

Die Lage verändert sich jeden Tag, die befreite Bevölkerung strömt ins Umland und frisst Gras und Löwenzahn. Ein erster Hauch von Notverwaltung wird installiert, dabei stellt sich heraus, dass es in Neapel etwa viertausend Rechtsanwälte gibt, von denen fast niemand je praktiziert hat.

Unangenehm bleiben jedenfalls die Verhaftungen, die ununterbrochen durchgeführt werden müssen. Vor allem die Kabelschneider sind lästig, weil sie alle Kabel zerrstören und die Kommunikation lahmlegen. Immer wieder tun sich Überraschungen auf, so lässt sich allmählich die Zona di Camorra (88) betreten, worin eine eigenartige Selbstverwaltung herrscht, die man vielleicht auf ganz Neapel ausdehnen könnte. Die Neapolitaner wissen nichts und wollen nichts wissen, fasst der mitschreibende Offizier die Lage zusammen.

Im Laufe eines Jahres tritt wie in einem echten Reiseführer alles zutage, was Neapel so ausmacht. Der Vesuv bricht aus, das Blut in einer Reliquie verflüssigt sich, die Prostituierten geben sich als keusche Fräuleins aus, und immer öfter wollen die Soldaten der Befreiungsarmee eine Neapolitanerin heiraten.

Politisch ist alles zersplittert und gleicht den Ruinen, die nur zaghaft bewohnbar gemacht werden, die generelle Wohnform ist der Basso napoletano, die kleine Erdgeschosswohnung ohne Außenhaut. Immer wieder stirbt jemand an Typhus, die gefährlichen Ecken des Widerstands sind auch nach einem Jahr noch nicht ausgehoben. Dann wird der Erzähler nach Taranto versetzt.

Norman Lewis erzählt wie in einem Abenteuerroman, der sich täglich neu entfaltet. Trotz des subjektiven Erzählstandpunktes versucht das mitschreibende Ich, die Vorgänge zu verstehen und jene Menschen zu begreifen, die bloß das Überleben im Sinn haben und keinem Versprechen mehr glauben. Die neuen staatstragenden Kräfte mobilisieren sich und man weiß nicht, wie man etwas verwalten soll, das keine Strukturen hat. Völlig entkleidet von staatstragenden Ritualen zeigt sich Neapel ‘44 als Gelände der Überlebenskunst und sonst nichts.

Neapel ‘44 ist nicht nur eine solitäre zeitgeschichtliche Darstellung, darin wird vor allem die Unmöglichkeit beschrieben, ein unbekanntes Gebiet mit unbekannten Menschen drin halbwegs menschlich zu verwalten. So lässt sich der „Roman“ auch über Afghanistan und ähnlich devastierte Länder stülpen, indem jeder Tag als Fragment eines nicht vorhandenen Ganzen erzählt wird.

Norman Lewis, Neapel '44. Ein Nachrichtenoffizier im italienischen Labyrinth, A. d. Engl. von Peter Waterhouse, [Orig.: Naples ’44, 1978; Deutsche Erstausgabe: Folio 1995].
Wien, Bozen: folio Verlag 2016, 237 Seiten, 22,90 €, ISBN 978-3-85256-687-0

 

Weiterführende Links:
Folio Verlag: Norman Lewis, Neapel '44
Wikipedia: Norman Lewis

 

Helmuth Schönauer, 17-06-2015

Bibliographie
AutorIn: 
Norman Lewis
Buchlangtitel: 
Neapel '44. Ein Nachrichtenoffizier im italienischen Labyrinth
Übersetzung: 
Peter Waterhouse
Originaltitel: 
Naples ’44
Erscheinungsort: 
Bozen
Verlag: 
Folio Verlag
Seitenzahl: 
237
Preis in EUR: 
22,90
ISBN: 
978-3-85256-687-0
Kurzbiographie AutorIn: 

Norman Lewis, geb. 1908 in Essex, Reiseschriftsteller, starb 2003 in Saffron Walden.

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