Wolfram von Eschenbach, Parzival

„Den Männern und den Frauen / verbot sie allen auf den Tod, / dass sie je von den Rittern sprechen. / »Denn wüsste meines Herzens Schatz, / was dieses Ritterleben sei, / dann würd‘ mir das zum großen Unheil. / Nun haltet euch an die Vernunft / und sagt nichts von der Ritterwelt.«“ (118)

Wolfram von Eschenbachs Parzival gehört zu den Hauptwerken der deutschen Literatur des Mittelalters. Das Anfang des 13. Jahrhunderts entstandene große Versepos besteht aus sechzehn Büchern mit 25.000 Versen und erzählt das abenteuerliche Leben des Ritters Parzival, der sich auf seinem Weg auf der Suche nach dem Heiligen Gral zu einer großen ritterlichen Persönlichkeit entwickelt.

Die Vorgeschichte im ersten Buch erzählt von den abenteuerlich Reisen und Kämpfen von Parzivals Vater Gachmuret, der die schwarze Königin Belakane heiratet und von ihr einen Sohn Namens Feirefiz bekommt, den Parzival im fünfzehnten Buch als seinen Halbbruder erkennen wird.

Im zweiten Buch gelangt Gachmuret nach Toledo wo er Herzeloyde, Parzivals Mutter heiratet und auf einer anschließenden Abenteuerreise in den Orient stirbt. Im dritten Buch unternimmt Herzeloyde alles, um Parzival das Schicksal seines Vaters und neues Leid für sich zu verhindern und zieht mit ihrem Sohn in den Wald, wo er von allem Rittertum ferngehalten wird und nur zu jagen lernt. Als er von drei Rittern überredet wird, sich am Hof König Artus zum Ritter ausbilden zu lassen, stirbt die verlassen Mutter. Auf dem Weg trifft er Sigune, die Cousine seiner Mutter, die ihm seinen Namen und seine Herkunft nennt. Um eine Rüstung für seine Ritterausbildung zu bekommen, erschlägt er einen Roten Ritter, der die Artusrunde zum Kampf fordert.

Im vierten Buch trifft der Held auf seine Frau Condwirdamurs, die er rettet und heiratet. Bald macht er sich wieder auf den Weg zu seiner Mutter und neuen Abenteuern. Im fünften Buch trifft Parzival zum ersten Mal auf den Gral, doch unterlässt er es aus falsch verstandener Höflichkeit den schwerkranken Gralskönig nach seinem Leiden zu befragen, womit er einen Fluch aus sich zieht. Im sechsten Buch wird Parzival endlich in die Tafelrunde aufgenommen, doch erscheint auch die Gralsbotin Kundrin, die den jungen Ritter erneut verflucht. Parzival gelobt den kranken Anfortas zu erlösen, muss aber, begleitet von Gawan, zu einem Gerichtskampf in Schampfanzun erscheinen.

Das siebte und achte Buch erzählt die Abenteuer, die dem Ritter Gawan während der Reise widerfahren. So gelingt es mit seiner Hilfe den Streit zwischen Obie, der Tochter des Fürsten von Lippaud und dem jungen verschmähten König Meljanz zu schlichten. In Ascalun trifft Gawan auf König Vergulacht, der ihn beschuldigt, dessen Vater erschlagen zu haben. Er schickt Gawan zu seiner Schwester Antikonie in Schampfanzun. Gawan verliebt sich in Antikonie und verpflichtet sich, das Gelübde ihres Bruders, die Gralssuche, zu übernehmen.

Im neunten Buch begegnet Parzival seinem Onkel, dem Einsiedler Trevrizent, der ihm seine Vergehen aufzeigt und zur Reue führt. Er erfährt die Geschichte des Grals, und dass Antfortas der Bruder seiner Mutter ist. Parzival verlässt seinen Onkel als geläuterter Mensch. Das zehnte bis dreizehnte Buch erzählt die Geschichte Gawans weiter, den seine Gralssuche auf die Burg Schastel marveile führt, wo er die eingeschlossenen Damen befreit und sich in die Herrin des Landes, Orgeluse, verliebt.

Diese verhält sich jedoch dem Ritter gegenüber abweisen und trägt ihm Aufgaben auf. So verlangt sie den Kranz mit Zweigen aus dem Garten ihres Feindes, des Königs von Gramoflanz, der Gawan die Liebe zu dessen Schwester Itonje gesteht. Gramoflanz und Gawan vereinbaren einen Zweikampf, was Orgeluse versöhnt, und laden dazu Artus und seinen Hof ein.


Franz Viktor Spechtlers Übersetzung in ein moderndes Deutsch orientiert sich ganz am Rhythmus der Originalausgabe, deren Text ursprünglich vorgetragen oder gesungen worden ist. Bild: Andreas Markt-Huter

 

Im vierzehnten Buch beginnt Gawan mit dem Roten Ritter, den er für Gramoflanz hält, einen Zweikampf. Er ahnt nicht, dass es sich beim Roten Ritter um Parzival handelt. Der Kampf wird abgebrochen und der erschöpfte Parzival muss seinen Zweikampf mit Gramoflanz verschieben. Am nächsten Tag kämpfen Parzival und Gramoflanz, dem es nicht anders ergeht als Parzival. Intonje bittet ihren Onkel Artus den Kampf zwischen ihrem Bruder Gawan und ihrem Geliebten Gramoflanz zu verhindern. Die Versöhnung gelingt und endet in zahlreichen Hochzeiten.

Im großen Finale des fünfzehnten und sechzehnten Buches trifft Parzival auf seinen Halbbruder Feirefiz. Am Hof König Artus erscheint die Gralsbotin und beruft Parzival zum Gralskönig. Feireifiz begleitet Parzival zur Gralsburg, wo sie den alten König Anfortas treffen, den Parzival nun endlich von seinem Leiden befreien kann. Nach fünf Jahren trifft Parzival seine Frau und seine beiden Söhne Kardeiz und Loherangrin wieder. Sein Halbbruder Feirefiz wird getauft und heiratet die Gralsträgerin Repanse, mit der er nach Indien zieht und dort das Christentum verbreitet.

Kaum ein literarisches Werk des Mittelalters erstreckt seine Faszination so bis in die Gegenwart hinein, wie es Wolfram von Eschenbachs Parzival bis heute tut. Drei große Themen beherrschen das Werk. Zunächst der Mythos vom Dümmling, wie er in zahlreichen Märchen und in der Berufungsgeschichte König Davids im Mittelpunkt steht. Der Unscheinbarste, der Kleinste wird zum Größten und Besten.
Das zweite große literarische Thema ist die sagenhafte Welt des Königs Artus und seiner Ritter der Tafelrunde, in der das Rittertum in seiner höchsten Pracht zum Ausdruck kommt. Als drittes Thema wird die Legende vom Heilige Gral verarbeitet, der bei Wolfram als Stein, in anderen Quellen auch als Kelch Jesu beim letzten Abendmahl erscheint.

Daneben ist das Werk von einer Fülle an märchen- und zauberhaften Elemente durchzogen, die zu den übermenschlichen Helden und der großen geographischen Dimensionen passen, die sich von Nordeuropa, bis Spanien, Italien, den Orient und Indien erstreckt. Und dennoch steckt im Kern der Geschichte ein zutiefst menschlicher Grundzug: die Ambivalenz von, Traurigkeit und Fröhlichkeit, Schande und Ansehen sowie von Verzweiflung und Glück und Frieden.

Franz Viktor Spechtler hat seine Übersetzung in ein moderndes Deutsch am Rhythmus der Originalausgabe orientiert, die ganz für den Vortrag und den Gesang ausgerichtet war. Die Leserinnen und Leser betreten dabei eine literarische Reise, die sie wie die rhythmischen Wogen des Ozeans immer tiefer in die Welt Parzivals mitnimmt. Ein überaus lesenswertes und empfehlenswertes Stück klassischer Literatur, dessen meisterhafte Übersetzung ein breites Publikum anzusprechen vermag.

Wolfram von Eschenbach, Parzival. Übers. v. Franz Viktor Spechtler
Klagenfurt: Wieser Verlag 2016, 850 Seiten, 44,85 €, ISBN 978-3-99029-082-8

 

Weiterführende Links:
Wieser Verlag: Wolfram von Eschenbach, Parzival
Wikipedia: Wolfram von Eschenbach
Wikipedia: Parzival
Salzburg Wiki: Franz Viktor Spechtler

 

Andreas Markt-Huter, 03-03-2017

Bibliographie
AutorIn: 
Wolfram von Eschenbach
Herausgeber: 
Gregor C. Milena
Buchlangtitel: 
Parzival
Übersetzung: 
Franz Viktor Spechtler
Originaltitel: 
Parzival
Erscheinungsort: 
Klagenfurt
Verlag: 
Wieser Verlag
Seitenzahl: 
850
Preis in EUR: 
44,84
ISBN: 
978-3-99029-082-8
Kurzbiographie AutorIn: 

Wolfram von Eschenbach war ein deutschsprachiger Dichter und lebte von ca. 1160/80 bis um/nach 1220. Die mittelhochdeutsche Literatur verdankt ihm mehrere epische Werke, von denen sein Versroman Parzival als sein berühmtestes gilt. Ebenso verfasste er als Minnesänger lyrische Dichtungen.

Franz Viktor Spechtler ist ehemaliger Professor für Ältere Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Salzburg.

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