Dorli Neale besuchte nach 70 Jahren ihre alte Schule

Nach über 70 Jahren betritt Frau Dorli Neale am Montag, den 12. Jänner 2009, zum ersten Mal wieder ihre alte Schule. Sie musste das Gymnasium Sillgasse nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich noch im Frühjahr 1938 verlassen, weil sie plötzlich Jüdin und keine Österreicherin mit jüdischer Religion mehr war.Trotz des schon vorher spürbaren Antisemitismus in Innsbruck, kann sich Frau Neale an keine Übergriffe in der Schule erinnern.

Dorli Neale wurde 1932 als jüngste Tochter von Friedrich und Rosa Pasch in Innsbruck geboren. Ihr Vater besaß ein Modegeschäft in der Maria-Theresien-Straße. Die Familie gehörte der jüdischen Gemeinde an, jeden Freitag besuchte sie die Synagoge, hohe Feiertage wurden traditionsgemäß gehalten. In der Freizeit wurde gewandert, im Winter Schi gefahren, Noch heute ist Frau Neale stolz, auf der Drestener Hütte gewesen zu sein. Noch heute sind es die Berge und der Schnee, die sie in ihrer Heimat England manchmal vermisst.


Mit viel Engagement erzählte Dorli Neale wie sich im Frühjahr 1938 plötzlich ihr Leben als Schülerin des Gymnasiums in der Sillgasse geändert hatte. Foto: Gym. Sillgasse

In der Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wird die elterliche Wohnung von Nationalsozialisten verwüstet und die damals 15jährige Dorli dabei verletzt. Ende November muss Familie Pasch Innsbruck verlassen. Sie zieht nach Wien zu Verwandten. Im Dezember 1938 gelangt Dorli mit einem Kindertransport nach England. 1939 können auch die übrigen Familienmitglieder nach England fliehen. Dorli Neale lebt noch immer in London.

Erinnern ist ein Prozess wider das Vergessen.
Erinnern bedeutet Engagement für Frieden, Demokratie und Menschenrechte 

1963 kam sie zum ersten Mal wieder nach Tirol. Es sei schrecklich gewesen, sagt sie. Beim Anblick älterer Leute, fragte sie sich immer wieder, was diese Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges wohl getan haben mochten. 


Die damals 15jährige Dorli Neale wurde in der Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 verletzt, als Nationalsozialisten die elterliche Wohnung verwüsteten. Foto: Gym. Sillgasse

Am Montag, beim Besuch in der Schule, sind Sohn Mikel und Enkelin Cathy dabei. Frau Neale hat ihre Schultasche mitgebracht und wird von Prof. Heidi Unterhofer  durch das Haus geführt. In der Bibliothek haben  SchülerInnen der 7D und 8B begleitet von Prof. Ulla Häußle die Gelegenheit, an Frau Neals Erinnerungen teilzuhaben und mit ihr zu sprechen. Die Jugendlichen erleben zwei für alle Anwesenden bewegende Stunden.
Frau  Neale bedankt sich für die herzliche Aufnahme durch Herrn Direktor Fritz und vor allem für das große Interesse, das ihr von Seiten der SchülerInnen und LehrerInnen entgegengebracht wird.

Es ist ihr als Zeitzeugin ein großes Anliegen, dieses Kapitel der Geschichte, an dem wir alle durch unsere Familien teilhaben, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, damit wir mitgestalten an einer Gesellschaft ohne Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung.


Mit einer Rose bedankte sich Direktor Fritz bei Doris Neale für den Besuch an ihrer ehemaligen Schule. Foto: Gym. Sillgasse

Mit einer von Herrn Direktor Fritz überreichten Rose verlassen Frau Neale und ihre Angehörigen nach diesem Vormittag wieder die Sillgasse. Diesmal werde sie mit einem guten Gefühl in ihre englische Heimat zurückkehren, meint sie. Wir hoffen, einen klein wenig dazu beigetragen haben.

Die Begegnung mit Frau Neale wurde uns von Dr. Horst Schreiber ermöglicht. Er arbeitete unter anderem mit Prof. Irmi Bibermann  an der Herstellung der DVD Das Vermächtnis mit, die am Dienstag, den 13. Jänner 1909 im Landesschulrat vorgestellt wird. Frau Dorli Neale ist mit einem Interview vertreten.

 

Weiterführende Links:
erinnern.at: Nationalsozialismus und Holocaust: Gedächtnis und Gegenwart

 

Heidi Unterhofer,  BG/BRG Sillgasse 2009
bearbeitet: Andreas Markt-Huter, 25-11-2009

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