Leseförderung in der Kindergartenpädagogik und im Kindergarten, Teil 1

LeseförderungBereits in der frühen Kindheit werden wichtige Weichen für das spätere Erlernen des Lesens gestellt. Dabei unterscheiden sich die Leseerfahrungen, die Kinder bereits von klein auf zu Hause machen, oft sehr stark. Eine umso größere Bedeutung für die vorschulische Leseförderung kommt daher dem Kindergarten zu, wo manche Kinder mitunter ihre ersten Erfahrungen mit Büchern und dem Lesen machen.

Alle wissenschaftlichen Untersuchungen weisen auf die enorme Bedeutung der frühkindlichen Leseförderung hin, mit der gar nicht zu früh begonnen werden kann. Schon das gemeinsame regelmäßige Lesen in Bilderbüchern oder das Vorlesen von Gute-Nacht-Geschichten vermitteln dem Kind wertvolle positive erste Erfahrung mit dem Lesen und dem Medium Buch.

Vor allem der Umstand, dass nicht alle Eltern dem Lesen einen gleich wichtigen Stellenwert einräumen, sei es, dass ihnen die Zeit fehlt, sei es, dass sie selbst nicht gerne lesen und damit auch ihren Kindern nur selten vorlesen, unterstreicht die Bedeutung, die dem Kindergarten im Bereich der Leseförderung zu kommt.

Lesen in Tirol hat zum Thema Leseförderung im Kindergarten die Dipl. Päd. Nicola Wallner besucht. Sie ist an der Bundes-Bildungsanstalt für Kindergartenpädadogik in der Haspingerstraße in Innsbruck Sonderkindergartenpädagogin sowie Leiterin der Fachbibliothek und unterrichtet die Gegenstände Kindergartenpraxis, Didaktik und Management. Im folgenden Interview spricht sie über die Leseerziehung im Bereich der Ausbildung an der Kindergartenpädagogik sowie über den Stellenwert der Leseförderung für die Kinder in den Kindergärten.

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Interview Teil 1 

Lesen in Tirol: Welche Rolle spielt das Thema Leseförderung im Bereich der Ausbildung zur Kindergartenpädagogin oder zum Kindergartenpädagogen?

Nicola Wallner: Die Leseförderung spielt in verschiedenen Bereichen der Ausbildung eine ganz wesentliche Rolle. Das fängt schon damit an, dass die Schülerinnen und Schüler in der ersten Klasse aus den verschiedenen Hauptschulen und Gymnasien an unserer Schule kommen und oft ein sehr unterschiedliches Niveau in Bezug auf die persönliche Lesekompetenz aufweisen. Dabei reicht die Bandbreite von sehr guten Lesern bis hin zu wirklich schlechten Lesern.


Schülerinnen und Schüler, die in der ersten Klasse aus den verschiedenen Hauptschulen und Gymnasien an unserer Schule kommen, weisen oft ein sehr unterschiedliches Niveau in Bezug auf die persönliche Lesekompetenz auf. Foto: Markt-Huter

 

In Bezug auf die eigene Lesefähigkeit wird nun vor allem im Deutschunterricht angesetzt und an der Verbesserung der eigenen Lesekompetenz intensiv gearbeitet. Dabei werden Texte laut vorgelesen und mit Hilfe von Rollenspielen und darstellenden Spielen von Kinderbüchern die eigene Stimme wieder vertraut gemacht. Gerade die Erfahrungen und das Erleben beim lauten Lesen sind den Schülerinnen und Schülern in der Hauptschule und im Gymnasium teilweise abhanden gekommen, sodass manche vor der eigenen Stimme am Tonband erschrecken.

Aber auch in Bezug auf Literatur wird intensiv gearbeitet. Dazu gehören Klassenlektüren und das Anfertigen von Lesetagebüchern und Portfolios.

Wir haben vor ca. einem Jahr die große Schulbibliothek wieder zugänglich gemacht, wo wir nicht nur Klassenlektüre sondern auch Freizeit-Literatur für die Schüler selbst zur Verfügung stellen. Damit soll ein Bezug zur Bücherei hergestellt werden, der durchaus auch für das Privatleben gedacht ist.

Für den Herbst sind einige Veränderungen in der Fachbibliothek geplant, wie etwa das digitale Erfassen der Literatur-Bestände, um ein EDV unterstütztes Ausleihsystem via Internet einzurichten u.a. Damit soll die Bibliothek auf den neuesten technischen Stand gebracht werden, wie er auch an den Hochschulen oder Universitäten zu finden ist. In diesem Bereich der Leseförderung muss unsere Schule noch ein Stück weit aufholen.

Lesen in Tirol: Wie schaut die Leseförderung im Unterricht selbst aus?

Nicola Wallner: Wir haben an unsere Schule eine Lesenacht veranstaltet, wie sie heute auch gerne an den Unterstufen durchgeführt wird, was eine recht spannende Erfahrung war. Ein anderer Aspekt der Leseförderung besteht in der Kindergartenpädagogik vor allem in der engen Beziehung zwischen Theorie und Praxis, was es uns ermöglicht, theoretische Grundlagen der Leseförderung auch in der Praxis zu verbinden.

In der Kindergartenpraxis beginnen unserer Schülerinnen und Schüler bereits in der 1. Klasse damit, Kindern aus Bilderbüchern vorzutragen. Vorlesen gehört in der Praxis zu den ersten Tätigkeiten, die sich ohne große Vorbereitung umsetzen lässt. Ich rege unsere Schüler dazu an sich einfach ein Buch zu schnappen und sich mit einem Kind in die Ecke zu setzen und zu lesen.


An der Bundes-Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik hilft die enge Beziehung zwischen Theorie und Praxis dabei, die theoretischen Grundlagen der Leseförderung mit der Praxis zu verbinden. Foto: Markt-Huter

 

Beim Vorlesen wird den meisten Schülern oft erst richtig bewusst, dass es sehr wichtig ist, gut lesen zu können. Dabei besteht ein großer Unterschied, ob ich einem einzelnen Kind aus einem Buch vorlese oder ob ich eine ganze Gruppe durch mein Vorlesen fesseln soll. Wenn dann Langeweile bei den Kindern entsteht, merke ich sehr rasch, dass das an meinem Lesen liegt und nicht am Buch.

Für das Vorlesen im Kindergarten werden im Unterricht auch pädagogische Hilfen angeboten, wie z.B. das Vorlesen spannend gestaltet werden kann. Vor allem das Dramatisieren von Büchern aber auch das Lesen in Rollenspielen oder die richtige Betonung im Vortrag spielt im Deutschunterricht eine wichtige Rolle. In der Kindergartenpraxis werden Leseübungen durchgeführt, wobei vorgezeigt wird, wie man ein Bilderbuch richtig spannend lesen kann, damit die Kinder auch zuhören, aber auch was passiert, wenn ein Buch langweilig gelesen wird.

Lesen in Tirol: Hat sich der Stellenwert der Lesepädagogik bei der Ausbildung zur / zum Kindergärtner/in in den letzten Jahren geändert?

Nicola Wallner: Die Lesepädagogik hat im Rahmen unserer Ausbildung im Bereich der Kindergartenpädagogik schon vor der Sprachförderungsdiskussion, die rund um die PISA-Tests entstanden ist, eine wesentliche Rolle gespielt. Bücher sind seit jeher ein ganz wichtiges Medium im Kindergarten. Dennoch muss gesagt werden, dass die Lesepädagogik verstärkt worden ist, weil wir einfach erkennen mussten, dass sich die Lesekompetenz der neuzukommenden Schüler im Laufe der letzten Jahre merklich abgenommen hat.

Die Schülerinnen und Schüler lesen auffallend weniger als früher, auch wenn immer noch einzelne Leseratten unter ihnen zu finden sind.

Lesen in Tirol: Ändert sich das Leseverhalten der SchülerInnen während der Ausbildung?

Nicola Wallner: Die meisten SchülerInnen ändern ihre Lesevorlieben und ihre Leselust eigentlich nicht. Natürlich können sie bei ihrer Arbeit im Kindergarten, dem Lesen nicht ausweichen, auch wenn es darum geht, sich durch Fachliteratur weiter zu bilden.

Lesen in Tirol: Weshalb ist die Leseförderung bereits im Kindergartenalter von so großer Bedeutung?

Nicola Wallner: Leseförderung ist eine elementare Kulturtechnik und die Kinder müssen natürlich lernen sich in der Welt der Schrift und der Literatur zu Recht zu finden und diese dann auch aktiv mit zu gestalten.

Vor allem der frühe spielerische Umgang mit der Sprache, mit dem Buch motiviert das Kind, sich überhaupt damit zu befassen. Es ist aber ganz wichtig, diese Form der Leseförderung vom Lesen lernen abzugrenzen. Die Kinder lernen im Kindergarten eben nicht Lesen. Hier geht es um das Befassen mit Wort und Schrift, dem Gehörten sowie dem Medium Buch. Die Auseinandersetzung mit Sprache an sich beginnt ja bereits mit den ersten Worten im Kleinkindalter.


Um die Lesekompetenz der zukünftigen KindergartenpädagogInnen zu stärken, wird im Deutschunterricht auch intensiv mit Literatur gearbeitet. Dazu gehören Klassenlektüren und das Anfertigen von Lesetagebüchern und Portfolios. Foto: Markt-Huter

 

Im Kindergarten steht der spielerische und kreative Umgang mit Sprache im Mittelpunkt. Wichtig dabei ist, dass die Kinder den emotionalen und persönlichen Zugang zum Buch und zum Lesen finden, indem sie bemerken, dass in Büchern Gefühle ausgedrückt werden, mit denen sie sich identifizieren oder die sie zurückweisen können, wo sie Erlebtes wiederfinden nachbearbeiten und länger wirken lassen können, als es z.B. bei Geschichten im Fernsehen möglich ist.

Was im Fernsehen sofort verschwindet, lässt sich im Buch unendlich oft wieder nachschlagen, anschauen und durchgehen. Hier zeigt sich die Stärke des Kindergartens, dass die Zeit vorhanden ist, um den Kindern diese Möglichkeiten des Buches zu vermitteln. Aus diesem Erleben, das Buch mit allen Sinnen zu erfassen, entsteht die Lesefähigkeit.

Lesen in Tirol: Welche Bedeutung kommt dem Lesen in der Kindergartengruppe für die Lesesozialisation zu?

Nicola Wallner: Das große Gemeinschaftserleben wird beim Lesen im Kindergarten sehr genossen, wobei dem Lesen mit einzelnen Kindern oder in der Kleingruppe mit zwei bis drei Kindern sicherlich die größere Bedeutung in Bezug auf die Leseförderung zu kommt, weil das zu Hause meist zu kurz kommt.

Lesen in Tirol: Wie schaut Leseförderung im Kindergarten grundsätzlich aus und wie lässt sich Leseförderung im Kindergarten praktisch umsetzen?

Nicola Wallner: Wichtig bei der Leseförderung im Kindergarten ist es, das Gelesene über alle Sinne erlebbar zu machen und alle Sinne zu beteiligen. Zum Lesen gehört für Kinder ganz wesentlich das Sehen, Hören, Tasten und Fühlen dazu, was sich als Rollenspiel gut umsetzen lässt. Hier können sich Kinder aktiv beteiligen, Rollen spielen und die Geschichte selbst dichterisch erweitern.

Dabei wird sowohl die Kreativität und Fantasie der Kinder gefördert als auch die Geschichte emotional verarbeitet, wobei der künstlerischen und gestalterischen Auseinandersetzung keine Grenzen gesetzt sind und sich das Ganze auch als Bewegungsgeschichte umsetzen lässt. Das gelesene Buch fließt damit in die Gesamtentwicklung des Kindes, auf allen Ebenen und in allen Sinnesbereichen mit ein.

Lesen in Tirol: Welche Rolle spielen Eltern generell bei der Leseförderung und lassen sich Eltern in die Leseförderung im Kindergarten mit einbeziehen?

Nicola Wallner: Eltern nehmen sich heute zum Teil weniger Zeit, um ihren Kindern etwas vorzulesen, wobei aber große Unterschiede zwischen den einzelnen Eltern bestehen können. Es gibt viele Familien, in denen das Lesen und das Vorlesen eine ganz wichtige Rolle spielen, auch wenn die Eltern berufstätig sind und wenig Zeit haben. Andere Familien wiederum legen generell wenig Wert auf das Lesen und haben auch entsprechend wenige Bücher zu Hause. Nur wenn den Eltern das Lesen nicht wichtig ist, spielt es für Kinder auch keine wesentliche Rolle.


Zum Lesen gehört für Kinder ganz wesentlich das Sehen, Hören, Tasten und Fühlen dazu, was sich als Rollenspiel gut umsetzen lässt. Foto: Markt-Huter

 

Aber gerade in Bezug auf die Leseförderung im Kindergarten lassen sich Eltern sehr gut einbeziehen. Wir veranstalten immer wieder Lesetage und Leseprojekte, wo wir Eltern neue Bilderbücher anbieten. Dabei stellen Buchhandlungen im Rahmen von Jahresfesten wie Weihnachten oder Ostern Bilderbücher vor. Wir laden aber auch Autoren zu Lesungen oder Fachleute von Buchhandlungen ein, um Eltern über wichtige Kriterien bei der Buchauswahl für Kinder zu beraten.

Ganz wichtig ist auch, dass die Kinder sehr stark auf ihre Eltern einwirken. Wenn wir mit den Kindern im Kindergarten lesen oder Ausstellungen veranstalten, melden sie ganz massiv ihre Wünsche an, dabei mit zu machen. Wir veranstalten beispielsweise regelmäßig einmal im Monat für 1-2 Stunden ein Elternkaffee, bei dem die Eltern von ihren Kindern auch Bücher gezeigt bekommen, für die sie sich besonders interessieren.

Lesen in Tirol: Wie können Kindergartenpädagogen das Vorbildverhalten der Eltern beeinflussen.

Nicola Wallner: Elternabende in Kindergärten bieten eine sehr gute Gelegenheit um Beispielsweise Fachreferenten zum Thema einzuladen und damit die Bedeutung eines Themas zu unterstreichen. Hier ist es möglich den Eltern die große Bedeutung der Sprachförderung zu Hause bereits im frühen Alter aufzuzeigen. Viele Eltern sind sich selbst oft gar nicht bewusst, wie viel sie an der Sprachförderung ihres Kindes schon ständig teilhaben, allein indem sie mit ihren Kinder von klein auf sprechen und spielen. Hier sollen Eltern motiviert werden, den Weg fort zu setzen, den sie unbewusst schon beschritten haben.

Das um und auf dabei ist sicherlich sich die Zeit für das Vorlesen zu nehmen, was aber natürlich nicht nur für das Lesen, sondern auch für alle anderen Medien, wie z.B. Fernsehen, Internet usw. gilt.

 

 

Weiterführende Links:
Bundes-Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik Haspingerstraße Innsbruck
Tiroler Bildungsinstitut - Medienzentrum
Medienkatalog des Tiroler Bildungsinstituts - Medienzentrum
Lesen ist weiblich - Kinder wollen Bücher - ein Modellprojekt zur Leseförderung im Kindergarten
Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)
Große Kisten für kleine Kinder. Ein Projekt zur Leseförderung im Kindergarten
Madeleine Willing: Mein Kind entdeckt das Lesen

 

Andreas Markt-Huter, 08-10-2010

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