Leseförderung in der Kindergartenpädagogik und im Kindergarten, Teil 2

LeseförderungBereits in der frühen Kindheit werden wichtige Weichen für das spätere Erlernen des Lesens gestellt. Dabei unterscheiden sich die Leseerfahrungen, die Kinder bereits von klein auf zu Hause machen, oft sehr stark. Eine umso größere Bedeutung für die vorschulische Leseförderung kommt daher dem Kindergarten zu, wo manche Kinder mitunter ihre ersten Erfahrungen mit Büchern und dem Lesen machen.

Alle wissenschaftlichen Untersuchungen weisen auf die enorme Bedeutung der frühkindlichen Leseförderung hin, mit der gar nicht zu früh begonnen werden kann. Schon das gemeinsame regelmäßige Lesen in Bilderbüchern oder das Vorlesen von Gute-Nacht-Geschichten vermitteln dem Kind wertvolle positive erste Erfahrung mit dem Lesen und dem Medium Buch.

Vor allem der Umstand, dass nicht alle Eltern dem Lesen einen gleich wichtigen Stellenwert einräumen, sei es, dass ihnen die Zeit fehlt, sei es, dass sie selbst nicht gerne lesen und damit auch ihren Kindern nur selten vorlesen, unterstreicht die Bedeutung, die dem Kindergarten im Bereich der Leseförderung zu kommt.

Lesen in Tirol hat zum Thema Leseförderung im Kindergarten die Dipl. Päd. Nicola Wallner besucht. Sie ist an der Bundes-Bildungsanstalt für Kindergartenpädadogik in der Haspingerstraße in Innsbruck Sonderkindergartenpädagogin sowie Leiterin der Fachbibliothek und unterrichtet die Gegenstände Kindergartenpraxis, Didaktik und Management. Im folgenden Interview spricht sie über die Leseerziehung im Bereich der Ausbildung an der Kindergartenpädagogik sowie über den Stellenwert der Leseförderung für die Kinder in den Kindergärten.

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Interview Teil 2 

Lesen in Tirol: Was sollte bei der Auswahl von Büchern für Kinder im Kindergartenalter beachtet werden?

Nicola Wallner: Was ein gutes Kinderbuch ausmacht, ist eine schwierige Frage, weil auch Kinderbücher individuell sehr unterschiedlich beurteilt werden, sei es die optische Umschlaggestaltung u.a.

Es gibt aber natürlich auch bestimmte Qualitätskriterien, die beachtet werden sollten. Ein Aspekt für die Beurteilung eines Kinderbuches ist der Inhalt, das Thema des Buches. Ist das Buch lustig, ist es spannend? Bleibt der Spannungsbogen im Buch bis zum Schluss aufrecht, sodass die Kinder wissen wollen, wie die Geschichte ausgeht oder verlieren sie schon nach ein paar Seiten das Interesse?


Ein Aspekt für die Beurteilung eines Kinderbuches ist der Inhalt, das Thema des Buches. Ist das Buch lustig, ist es spannend oder verlieren die Kinder schon nach ein paar Seiten das Interesse an der Geschichte? Foto: Markt-Huter

 

Außerdem ist zu beachten, wie die Hauptfiguren des Buches dargestellt werden. Können sich Kinder mit diesen Figuren identifizieren oder sich von ihnen distanzieren. Es stellt sich auch die Frage ob die Geschichten aus der Erfahrungswelt der Kinder stammen oder ob so abstrakt geschildert werden, dass Kinder damit nichts anzufangen wissen. Regt das Buch zum Weiterdenken, wird die Fantasie der Kinder angeregt und was lässt sich machen, wenn das Buch zu Ende gelesen ist. Regt das Buch vielleicht dazu an etwas zu zeichnen oder die Geschichte weiter zu kreieren.

Einen anderen Aspekt stellt der bildliche Aspekt, die künstlerische Gestaltung der Illustrationen dar, beispielsweise ob die Bilder kindergerecht ausgeführt sind. In dieser Beziehung arbeiten wir an unserer Schule sehr eng mit den Kunsterzieherinnen zusammen, von denen die Gestaltung von Kinderbüchern im Unterrichtsfach bildnerische Erziehung thematisiert wird. Hier wird diskutiert, was ein Bilderbuch künstlerisch wertvoll macht und wann ein Bilderbuch Schund oder Kitsch ist. Es steht also die Bildbetrachtung aus der Sicht des Künstlers im Mittelpunkt, mit allen seinen unterschiedlichen Kriterien.

Für mich persönlich ist wichtig, dass Inhalte und Bilder zusammen passen. Die Kinder sollen das Erzählte im Bild wiederfinden können. Das Bild soll auch anregend genug sein, um die Aufmerksamkeit der Kinder länger auf sich zu ziehen, wenn möglich länger als der vorgelesene Text dauert. Weniger angenehm sind Bücher mit viel Text und wenigen Bildern, die sowohl Kinder als auch die Vorleser mehr anstrengen. Dem richtigen Verhältnis zwischen Text und Bild kommt daher eine wichtige Bedeutung zu.

Es gibt aber auch Bücher mit wenig Text, in denen den Bildern die Hauptaussagekraft zukommt. Auch hier ist ausschlaggebend, ob die Bilder anregen, das Buch weiter anschauen zu wollen. Es gibt bei den Kindern aber natürlich sehr unterschiedliche Typen. Visuelle Typen wollen sich fast nur vom Bild begeistern lassen und die Geschichte in den Bildern wiederentdecken, während andere vielleicht nur an meinen Worten hängen und sich für das Bild überhaupt nicht interessieren. Andere wieder lieben eine entsprechende Harmonie zwischen Bild und Text.

Ein drittes Kriterium für die Beurteilung eines Buches ist sein Sprachstil. Wie ist Sprache aufgebaut, sind es kurze oder lange Sätze, ist die Sprache gereimt, dient die verwendete Sprache der Wortschatzerweiterung oder wird ein eher schlechter sprachlicher Ausdruck verwendet? Manche Bücher erscheinen von ihrer Sprache sehr deutsch, das heißt es werden Wörter, Sprachformen und Redewendungen verwendet, die bei uns nicht üblich sind.


Wenn ich die Möglichkeit hätte, eine Kindergartenbibliothek einzurichten, würde ich das sofort machen, weil die Kinder damit schon von klein auf in das Bibliothekssystem eingeführt werden. Foto: Markt-Huter

 

Es gibt im Kinderbuchbereich sehr viele großartige Kinderbücher, die vor allem bei erwachsenen Leserinnen und Lesern gut ankommen, die aber für Kinder nicht wirklich geeignet sein müssen, was sich an den Reaktionen von Kindern meist sehr rasch erkennen lässt. Da muss man sich als Erzieherin auch schon mal eingestehen, dass sich der Geschmack der Kinder vom eigenen stark unterscheiden kann und sich dann ganz bewusst auf die Suche nach Büchern machen, die für Kinder ansprechend sind.

Unseren Schülern an der Kindergartenpädagogik versuchen wir aber ganz bewusst die gesamte Bandbreite an unterschiedlicher Kinderliteratur näher zu bringen. Im Grunde lässt sich in jedem Buch etwas Gutes entdecken.

Lesen in Tirol: Wie lässt sich Leseförderung mit Kindern nichtdeutschsprachiger Eltern gestalten, was ist zu berücksichtigen?

Nicola Wallner: Im Grunde ist die Bedeutung der Leseförderung bei Kindern mit Emigrationshintergrund die gleiche wie bei den anderen Kindern. Der Unterschied ist nur, dass man hier generell ein wenig anders auf die Kinder eingeht und dem einzelnen Kind vermittelt, dass es wichtig ist, dass es sein Erstsprache spricht. Von dieser Basis ausgehend, entwickelt sich dann die Zweitsprache.

Ich selbst befürworte es nicht, von den Kindern zu verlangen, nur deutsch zu sprechen. Besser scheint es mir, die andere Sprache in den Kindergartenalltag einzubauen und auch den anderen Kindern ein bisschen näher zu bringen und damit das gegenseitige akzeptieren der verschiedenen Sprachen zu fördern. Dass das Kind die neue Sprache lernen muss, um sich bei uns verständigen und zu Recht finden zu können, ist natürlich selbstverständlich.

In Bezug auf Bücher, schaue ich darauf, dass es auch zweisprachige Bücher im Kindergarten gibt, um die Eltern in das Vorlesen in zwei Sprachen einzubinden. Dazu können Eltern eingeladen werden, im Kindergarten aus diesen Büchern in ihrer Sprache vorzulesen, den anderen Kindern das Sprachbild der anderen Sprache vorzustellen. Auch bei so einem gemeinsamen Vorlesen in zwei Sprachen gelingt es, die Bedeutung eines Buches hervorzuheben.

Vor allem in den letzten Jahren hat in Bezug auf mehrsprachige Bücher eine große Entwicklung stattgefunden. Während zweisprachige Bücher früher meist nur in Englisch erschienen sind, ist die Bandbreite der Sprachen mittlerweile enorm angewachsen.

 
Weiterbildungangebote zum Thema zum Thema Lesen oder Buch wären sehr interessant, weil gerade hier sehr innovative Angebote zu finden sind. Foto: Markt-Huter

 

Wir berücksichtigen das Thema Integration natürlich auch bei der Ausbildung an unserer Schule, ganz besonders wo wir auch in unseren Klassen unterschiedliche Kulturen vorfinden. In der letzten 1. Klasse haben die Schülerinnen und Schüler im Unterricht selbst ein Lied gedichtet und den Text anschließend in sieben verschiedene Sprachen übersetzt. Auch solche Ansätze lassen sich natürlich ausbauen und weiterentwickeln.

Lesen in Tirol: Welche Rolle spielen eigene Leseecken im Kindergarten und was sollte bei der Einrichtung berücksichtigt werden?

Nicola Wallner: Leseecken bestehen im Grunde in allen Kindergärten, wobei der Zugang zu den Büchern verschieden sein kann. In den meisten Kindergärten liegen vier, fünf Bücher, die meist schon besprochen worden sind, in einem bestimmten Bereich auf.

Im Übungskindergarten haben wir versucht einen Schritt weiter zu gehen und mehr als nur die jeweils aktuell behandelten Bücher anzubieten. Wir haben nun eine Bücherkiste mit mindestens 20 - 30 Büchern aufgestellt, wo wir die Bücher thematisch immer wieder ändern. Hier können sich die Kinder selber ein Buch aussuchen, das sie interessiert. Die Kinder lieben es, im Bücherkasten zu stöbern und warten immer voll Begeisterung auf das neueste Angebot. Wenn ich die Möglichkeit hätte, eine Kindergartenbibliothek einzurichten, würde ich das sofort machen, weil die Kinder damit schon von klein auf in das Bibliothekssystem eingeführt werden. Sie lernen gleichzeitig von klein an auf fremde Dinge aufzupassen.

Lesen in Tirol: Wie könnte sich eine Zusammenarbeit zwischen Kindergarten und Öffentlichen Büchereien gestalten?

Nicola Wallner: Die Zusammenarbeit mit den Büchereien beruht vor allem auf der Eigeninitiative der Kindergärten, wobei von Seiten der Büchereien sicher zumeist eine Unterstützung zu erwarten wäre. Hier würden durch Informationsaktionen von Seiten der Büchereien wahrscheinlich viele Kindergärten auf die Möglichkeiten von Kooperationen aufmerksam.

Für den Kindergarten wäre sicherlich ein bestimmter größerer Bereich in der Bücherei interessant, wo sich werkstattmäßig ein Thema vor Ort mit den Kindern erarbeiten lässt. Wichtig ist, dass die Gruppen öfters die Bücherei besuchen können damit sich die Kinder mit der Zeit immer wohler fühlen. Dabei könnten bestimmte Themen z.B. bildnerisch verarbeitet und die Eltern dazu bewegt werden, in die Bücherei zu gehen, um sich gemeinsam mit ihren Kindern die Bilder anzuschauen.


Bilderbuchkinos, wie sie nun auch vom Tiroler Bildungsinstitut - Medienzentrum angeboten werden, fördern das gemeinsame Betrachten und Erleben von Kinderbüchern und bieten den Kindergartenpädagoginnen zahlreiche didaktische und methodische Hinweise für die Präsentation von Bilderbüchern. Foto: Markt-Huter

 

Lesen in Tirol: Gibt es Weiterbildungsangebote für KindergärtnerInnen speziell für den Bereich Leseförderung im Kindergarten?

Nicola Wallner: Solche Angebote gibt es derzeit nicht. Es gibt zwar sehr viele Weiterbildungsmöglichkeiten zum Thema Sprachförderung, nicht aber speziell zum Thema Lesen oder Buch, was meiner Ansicht nach aber sehr interessant wäre, weil gerade hier sehr innovative Angebote zu finden sind. Eine meiner Kolleginnen hat sich z.B. sehr intensiv mit visuellen Bilderbüchern den sogenannten Bilderbuchkinos beschäftigt.

Gerade in diesem Bereich sind die Kindergärten zu wenig über die bestehenden Angebote informiert, die sich an die verschiedensten Bedürfnisse der Kinder anpassen lassen. Schade dabei ist vor allem, dass die Bilderbuchkinos weder von den Buchhandlungen noch von den Bibliotheken besonders an die Kindergärten herangetragen werden oder Fortbildungsmöglichkeiten anbieten. Auch die Landesbildstelle für Tirol bietet Bilderbuchkinos an, die aber noch nicht in den heimischen Kindergärten beworben und verbreitet werden.

Lesen in Tirol: Wie sind die Bilderbuchkinos konkret aufgebaut?

Nicola Wallner: Zu den entsprechenden Bilderbüchern gibt es die entsprechende CD-Rom oder DVD sowie ein spezielles Heft mit Möglichkeiten zum Ausmalen, für Sprachübungen u.a. sowie mit zahlreichen didaktischen und methodischen Hinweisen für die Präsentation des Bilderbuches. Zu jedem einzelnen Bild gibt es zusätzlich verschiedene Tipps, was man den Kindern erzählen oder sie fragen könnte, aber auch welche Spiele passen würden.
Vor allem die Größe der projizierten Bilder fördert das genaue Betrachten der Kinder und lässt sie zahlreiche Details erkennen und benennen.

Die Verlage bieten zwar schon einige Bilderbuchkinos an, nur werden diese relativ wenig beworben, sodass fast nur interessierte Insider über die verschiedenen Angebote Bescheid wissen.

Lesen in Tirol: Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Weiterführende Links:
Bundes-Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik Haspingerstraße Innsbruck
Tiroler Bildungsinstitut - Medienzentrum
Medienkatalog des Tiroler Bildungsinstituts - Medienzentrum
Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)
Große Kisten für kleine Kinder. Ein Projekt zur Leseförderung im Kindergarten
Madeleine Willing: Mein Kind entdeckt das Lesen

 

Andreas Markt-Huter, 08-10-2010

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