Michael Dibdin, Im Zeichen der Medusa

bild michael dibdin im zeichen der medusaAls Information über ein Land sind Krimis nur eingeschränkt nützlich. Üblicherweise haben Krimi-Autoren nämlich kaum Arbeit mit der Recherche, sie googeln grob ein paar Ortschaften herunter und geben dem Helden ein paar sinnlose Aufgaben.

Der englisch-amerikanische Autor Michael Dibdin (1947-2007) hat längere Zeit in Perugia unterrichtet und bei dieser Gelegenheit elf Krimis über die entlegensten Teile Italiens geschrieben. So ist auch Südtirol zu einem Roman gekommen, der allerdings nur dünn in Bozen und in einem versteckten Militär-Tunnel in den Dolomiten spielt.

Im Südtirol-Krimi tritt wieder einmal Aurelio Zen seine Aufklärungsarbeit an. Er ist gebürtiger Venezianer, lebt in Lucca und holt sich seine Arbeit in Gestalt von offenen Akten aus Rom. Sein Markenzeichen sind die Zugfahrten, er nützt das edle italienische Eisenbahnnetz, um während der Fahrt nachzudenken oder mit wichtigen Leuten zu reden. Der Kurzname Zen deutet auf intellektuelle Weisheit und Reife hin.

Im aktuellen Fall wird vor einer Villa ein ehemaliger Geheimagent gesprengt, am Arm hat er einen tätowierten Kopf einer Medusa. In den für Zen vorbereiteten Akten liegen Fotos, wo auf dem Unterarm eines Toten ebenfalls eine Medusa zu sehen ist. Jetzt wird es Zeit, nach Bozen zu fahren um mit den Resten des Toten in Kontakt zu treten.

Die Aufklärung geschieht unspektakulär und darf hier nicht verraten werden. Nur so viel, die Sache spielt in die Zeit der 1970er Jahre hinein, wo diverse Geheimdienste in den Dolomiten allerhand Operationen durchgeführt haben. In einem aufgelassenen Militärstollen ist dann auch die Hauptleiche entdeckt worden, sinnigerweise von einem österreichischen Höhlenforscher, was zu einer Charakterstudie der Österreicher führt.

Lag da ein Anflug von Ironie in seinem Tonfall? Schwer zu sagen bei diesen Österreichern. Sie gaben sich gern als langsame, gemütliche und selbstzufriedene Bauerntölpel, doch ihr ehemaliges Riesenreich hatte einige der scharfsinnigsten Denker und Künstler Europas hervorgebracht. (67)

Von einem Zen-Kommissar so eingeschätzt zu werden, fördert natürlich die Verkaufszahlen des Krimis in Österreich, in Südtirol wird es da ein wenig hapern, denn die Südtiroler kommen nicht gut weg.

In der Kneipe war es voll. Die meisten Gäste gehörten zu einer Gruppe deutscher Motorradfahrer, alle in knalligen Ledermonturen; dazwischen ein Häufchen älterer Leute, die offenbar Einheimische waren. […] Ein ausdruckslos aussehendes Mädchen von etwa fünfzehn Jahren kam mit einem Notizblock in der Hand zu ihnen. (64)

Das Aufregendste bei Krimis ist ja immer die Frage, wie oft welches Klischee verwendet wird. Bei Michael Dibdin stehen die Zeichen auf mäßig unterhaltsam: Karierte Vorhänge und dünne Käseplatten ziehen sich wohl dosiert durchs Land.

Michael Dibdin, Im Zeichen der Medusa. Aurelio Zen ermittelt in Südtirol. Kriminalroman, a. d. Engl. von Ellen Schlootz [Orig.: Medusa, London 2003. Dt. EA Goldmann, München 2004]
Zürich: Unionsverlag 2017 (= UT metro 760), 348 Seiten, 14,40 €, ISBN 978-3-293-20760-8

 

Weiterführende Links:
Unionsverlag: Michael Dibdin, Im Zeichen der Medusa
Wikipedia: Michael Dibdin

 

Helmuth Schönauer, 17-12-2017

Bibliographie

AutorIn

Michael Dibdin

Buchtitel

Im Zeichen der Medusa. Aurelio Zen ermittelt in Südtirol

Originaltitel

Medusa

Erscheinungsort

Zürich

Erscheinungsjahr

2017

Verlag

Unions Verlag

Reihe

UT metro 760

Übersetzung

Ellen Schlootz

Seitenzahl

348

Preis in EUR

14,40

ISBN

978-3-293-20760-8

Kurzbiographie AutorIn

Michael Dibdin, geb. 1947 in Wolverhampton, starb 2007 in Seattle.