Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen

heinz helle, eigentlich müssten wir tanzenDie Zeit zwischen Hardcover und Taschenbuchausgabe nützen professionelle Leser manchmal, um die dargestellte Welt einmal hart und einmal weich zu überprüfen. Die beiden Buchsorten werden von jeweils einem anderen Publikum wahrgenommen und diskutiert. Im Rezensionswesen ist es zudem nicht üblich, ein Buch noch einmal zu besprechen, wenn es als Taschenbuch erscheint.

Das sollte man aber, wenn es sich um dramatisch klare Bücher handelt wie bei Heinz Helles Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“. Darin machen sich fünf Abenteurer nach Tirol auf, um bei Events die eigenen Leistungsgrenzen kennenzulernen. Doch dann verrutscht alles zu einer gigantischen Dystopie, worin das Land in einem Post-Tourismus traumatisiert darniederliegt.

Sexuelle Übergriffe, verlorene Dorfbewohner, herumflackerndes Feuer, Banden, Überfälle: alles erinnert an eine Szenerie, wie sie seit einigen Jahren aus der Ost-Ukraine überliefert wird. Selbst eine Schauhinrichtung, wie sie dieser Tage in Kiew stattgefunden hat, ist in diesem Roman schon eingebaut.

Der Roman ist bedrohlich, unheimlich, abwürgend. Mit so einem Land will man nicht einmal als Leser etwas zu tun haben, geschweige denn hinfahren. Durch die Entlarvung der üblichen touristischen Popups als große Irreführung, lernt man als Leser auch, die sogenannte Wirklichkeit schonungslos zu betrachten.

Zwischen Hardcover (2015) und Taschenbuchausgabe (2017) ist im angespielten Tirolerland so viel geschehen, dass sich diese Veränderung auch auf die Lektüre des Romans zurückspiegelt. Nach Migrationsflutung, Transitverstopfung und Tourismusüberbuchung glauben die Leute immer weniger der Werbung, sondern glauben eher Heinz Helles Roman.

Immer öfter werfen Touristen entnervt die Buchung weg und wenden sich ab von diesem Über-Tourismus, zumal das Land eine gigantische Fläche für Inszenierungen ist.

Die Helden im Taschenbuch sind schroffer und desillusionierter geworden, weil sich das Außenfeld des Romans in den letzten beiden Jahren hin in Richtung Apokalypse bewegt hat.
Die Sätze werden immer kürzer.

Das Auto: Asche und Blech (101)

Die Vermutungen immer skurriler, vielleicht ist ein US-Bomber aus Rammstein in eine falsche Gegend geflogen, um seine Brandsätze abzuwerfen. Es könnten auch zwei verfeindete Pyromanen-Gruppen aus dem Gebirge aneinandergeraten sein, oder es ist eine marodierende Pfadfindergruppe gegen lästige Touristen losgegangen. (101)

Eine kaputte Gegend schlägt nicht nur aufs Gemüt, sie lässt auch die rohe Gewalt ausbrechen und die Männer zu Schlägern werden. Als sie einen Einheimischen zusammentreten, sind sie erstaunt darüber, wie ein Hirn von innen aussieht, wenn es austritt. (158)

Heinz Helles Roman erweist sich als politisch-touristischer Lackmus-streifen: Je brutaler die Tiroler Wirklichkeit geworden ist, umso normaler empfinden wir seinen Roman. Manche Bücher muss man immer wieder lesen, „Eigentlich müssten wir tanzen“ gehört zu dieser Sorte.

Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen. Roman
Berlin: Suhrkamp Verlag 2017 (= st 4786), 172 Seiten, 10,30 €, ISBN 978-3-518-42493-3

 

Weiterführende Links:
Suhrkamp Verlag: Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen
Wikipedia: Heinz Helle

 

Helmuth Schönauer, 25-05-2018

Bibliographie

AutorIn

Heinz Helle

Buchtitel

Eigentlich müssten wir tanzen

Erscheinungsort

Berlin

Erscheinungsjahr

2017

Verlag

Suhrkamp Verlag

Reihe

st 4786

Seitenzahl

172

Preis in EUR

10,30

ISBN

978-3-518-42493-3

Kurzbiographie AutorIn

Heinz Helle, geb. 1978 in München, lebt in Zürich.