Silvia Pistotnig, Tschulie

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„Ich weiß nicht, was Mainstream heißt.“ (44) Die Heldin der Gegenwart gehorcht zuerst einmal blind Gesetzmäßigkeiten, die dann später mühsam dechiffriert werden müssen.

Im Mittelpunkt von Silvia Pistotnigs Roman „Tschulie“ steht die junge Erwachsene Julia, die als Schulabbrecherin mit diversen Schwierigkeiten konfrontiert wird, das Leben so zu gestalten, wie es im Fernsehen vorgeführt wird. Die Situation ist bunt zugespitzt wie bei einem Comics: Mutter nörgelt dauernd, das Solarium als Arbeitsstelle verspricht nicht gerade eine sonnige Zukunft, und die Boys liefern bei weitem nicht jene Leistung ab, für die sie in diversen Foren und Magazinen berühmt sind.

In einer Kunstwelt voller virtueller Wirklichkeiten ist es verdammt schwer, einen analogen Lebenssinn zu finden. Tschulie probiert es mit diversen Talkshows, kommt aber über das erste Casting nicht hinaus. Dann geht auch noch der Solariums-Job verloren und der nächste Job auf der Leiter nach unten ist eine Aufback-Stube für Semmeln.

Dieses Herumschaufeln von teigigen Rohlingen zeigt aber schon in den ersten Tagen einen Lichtblick: Fabian kauft was und wird von Tschulie sofort gestalkt und angemacht. Wenn sie jemand aus den Semmeln erlösen kann, dann Fabian. Bei ihm zu Hause freilich gibt es auch eine Mutter, die einer Zukunft Marke TV im Wege steht. Karin ist Künstlerin mit starken Kontakten zu veganen Aussteiger-Kommunen auf dem Land. In eine solche Herzens-Notaufnahme wird die Heldin nun gesteckt, damit sich so etwas wie soziales Empfinden entwickelt. Und tatsächlich könnte sich eine Arbeit im Pflegesektor ergeben.

Der Roman erzählt sich zur Hälfte aus Innensicht von Tschulie und zur anderen Hälfte aus der Sicht der handelnden und planenden Personen. So wirken die Aktionen zwar logisch und entsprechen dem Drehbuch eines geglückten Lebens, die beglückte Person freilich läuft den Programmen hinterher wie ein Kalb, das sich den Schlachter selbst aussuchen will.

Die Heldin weiß zwar nicht, was Mainstream bedeutet, rennt ihm zur Vorsicht aber einmal hinterher. Die Menschen mit Anzug werden vorsorglich alle für Anwälte gehalten, weil in TV-Serien die Anwälte immer Anzüge tragen. Und veganes Essen kann nützlich sein, wenn man unter Veganern sitzt, aber veganes Verhalten ist eher eine Redensart oder eine Musikrichtung, die man eine Zeit lang bevorzugt.

Im inneren Monolog entwickelt sich eine eigene Sprache und auch die angesprochenen Personen kommen über Scheiß-Alte oder ähnliche Tribute nicht hinaus. Das Leben einer Solarium-Backstuben-Pflegehilfe-Aspirantin besticht durch die Distanz zu den hohlen Werten, die von der Gesellschaft ständig in den Mund genommen werden und die höchstens zum Vergessen sind.

„Tschulie“ hält der Gesellschaft einen Zerr-Spiegel vor, indem das Leben in Echtzeit und Voll-Anwendung zu sehen ist. Die Überlebenden unserer Konsum- und Medienwirtschaft ticken ganz anders, als es die offiziellen Statistiken sagen. Wahres Heldentum besteht heutzutage darin, die Gegenwart über sich ergehen zu lassen und die Dauer-Angebote zu überleben.

Silvia Pistotnig, Tschulie. Roman
Wien: Milena Verlag 2017, 256 Seiten, 23,00 €, ISBN 978-3-903184-03-9

 

Weiterführende Links:
Milena Verlag: Silvia Pistotnig, Tschulie
aga: Silvia Pistotnig

 

Helmuth Schönauer, 20-10-2017

Bibliographie
AutorIn: 
Silvia Pistotnig
Buchlangtitel: 
Tschulie
Erscheinungsort: 
Wien
Verlag: 
Milena Verlag
Seitenzahl: 
256
Preis in EUR: 
23,00
ISBN: 
978-3-903184-03-9
Kurzbiographie AutorIn: 

Silvia Pistotnig, geb.1977 in Klagenfurt, lebt in Wien.

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