Christian Steinbacher, Die Treffsicherheit des Lamas

Buch-Cover

Zumindest bei Kindern ist das Lama das lustigste Tier der Welt, es darf nämlich das, was andere nicht dürfen: ordentlich spucken.

Und auch in Krimis greift während eines Verhörs die Polizei gerne auf das Lama zurück und befiehlt: Spuck
es aus!

Christian Steinbacher arbeitet in seinem Essay-Roman mit sehr humorvoll querverstrebten Bildern, in denen die Treffsicherheit des Lamas begutachtet wird oder auch jene Wortschubleistung ihr Komplimentfett abkriegt, die ein Maulwurf an guten Tagen vor sich herschiebt. Bereits im Titel und Subtitel wird klar, dass hier zwar die Wörter ernst genommen werden, dass sie aber in ihrem Habitus ironisch durchschaut sind wie man etwa bei einem Faschingsumzug das wahre Gesicht unter der Larve zu entdecken versucht.

Vermutlich der wichtigste Satz des Buches ist als so genannte Zierleiste ausgeführt und geht auf einen scheinbar nebensächlich ausgesprochenen Satz einer Robert-Musil-Figur zurück: ?Denn die verstehen es nicht, die meinen es wirklich!?(32)

So greift sich ja auch der Volksmund mit diesem Satz an den Kopf, wenn etwas ganz Dummes passiert ist. Nichts ist nämlich so schlimm, als es so zu meinen, wie es gesagt ist. Freilich rutscht auch die genaueste Beobachtungsgabe oft am betrachteten Gegenstand ab und es kommt zu Verschüttungen oder Verschüttelungen der Bedeutung. ?Eier lüften, Schleier pecken? heißt so eine Verquirlung, die den Zustand zwischen Klarheit und Verschleierung ziemlich genau ausdrückt.

Da hat man schon lange wie wild und hingerissen gelesen, da kommt man erst dahinter, dass es sich bei diesem Essay-Roman um eine große Arbeit über Erkenntnis, Poesie und eben Melancholie handelt. Erkenntnis kann also auch spannend sein. Dabei geht Christian Steinbacher äußerst seriös vor. Die Schriften des ungarischen Essayisten Földényi László zum Thema Melancholie sind die Leitschiene, an welcher der Autor seine poetischen Überlegungen einem permanenten Crashtest unterzieht.

Melancholie ist ein Fußabdruck, den der Möglichkeitssinn hinterlassen hat. Alles, was hätte sein können, wird in der Melancholie zur Realität. Vielleicht ist die Melancholie gar das österreichische Wesen schlechthin, man denke nur an den berühmten österreichischen Rennfahrer, der zwar nie gewonnen, aber ständig mit den Begriffen ?wari-hätti-tati? seiner Melancholie über verlorene Rennen Ausdruck verliehen hat.

Ab und zu tauchen wie in einem echten Roman Figuren aus vergangenen Epochen auf und huschen als Zitat vorbei, so etwa der Schweizer Heiminsassen-Dichter Robert Walser oder die stets transzendierende Dichterin Karoline von Günderode.

?O, welche schwere Verdammnis, die angeschaffnen Flügel nicht bewegen zu können!? Erzähltechnisch wird alles aufgeboten, was die poetische Requisitenkammer zu liefern vermag. Mit Zierleiste, Preziosenaufmarsch, Schleifpapier, Geplänkel, Reißwolf, ein Umschiffen oder Revue sind die Kapitel überschrieben, die Erzählmethoden sind spritzig, unerwartet, jäh und konsequent.

Nach der Lektüre ist man entspannt wie Kinder es sind, wenn der Spielnachmittag gelungen ist. Tausend angenehme Kleinigkeiten ergeben eine satt machende Gelöstheit: jetzt mag sie kommen die Welt, ich bin poetisch gerüstet!

Christian Steinbacher, Die Treffsicherheit des Lamas. Oder: Von Melancholien,
Maul-Würfen und deren Zurückweisung.
Innsbruck: Haymon 2004. 284 Seiten. EUR 24,-. ISBN 3-85218-450-9.

 

Helmuth Schönauer 21-07-2004

Bibliographie

AutorIn

Christian Steinbacher

Buchtitel

Die Treffsicherheit des Lamas. Oder: Von Melancholien, Maul-Würfen und deren Zurückweisung

Erscheinungsort

Innsbruck

Erscheinungsjahr

2004

Verlag

Haymon

Seitenzahl

284

Preis in EUR

EUR 24,-

ISBN

3-85218-450-9

Kurzbiographie AutorIn

Christian Steinbacher, geb. 1960 in Ried/Innkreis, lebt in Linz.