Stefan Rebenich, Die Deutschen und ihre Antike

stefan rebenich, die deutschen und ihre antike„Gegenstand der Darstellung sind die vielfältigen Beziehungen zwischen der griechisch-römischen Antike und der deutschen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Dieses Altertum galt als »klassisch«, weil seit dem Renaissance-Humanismus ihre als Einheit verstandene Kultur als normativ wahrgenommen wurde. Griechische und römische Autoren bildeten einen Kanon von auctores classici, die in den höheren Schulen gelesen und auf Grund ihrer sprachlichen, stilistischen und ästhetischen Qualitäten als mustergültig angesehen wurden.“ (S. 12)

„Die Deutschen und ihre Antike“ erzählt die wechselvolle Beziehung zwischen der deutschen Geschichtswissenschaft und Pädagogik im 19. und 20. Jahrhundert und der Welt der Antike, der ganz besonders im Bildungshorizont des Bürgertums eine hervorgehobene Stellung zugewiesen worden ist.

In drei großen Kapiteln, die in die Zeitabschnitte „19. Jahrhundert“, „Übergänge in ein neues Jahrhundert“ und „Mitten im 20. Jahrhundert“ eingeteilt sind, wird das Verhältnis der Altertumswissenschaften vom Anfang des 19. Jahrhunderts, beginnend mit Wilhelm von Humbold, der die Antike zum neuen Bildungsideal eines bürgerlichen Selbstverständnisses erhebt bis hin zur Interpretation der antiken Welt in der Zeit des Nationalsozialismus für politisch ideologischen Zwecke im Dritten Reich.

Im ersten Kapitel wird zunächst die Bedeutung der Antike für die Entstehung des Bürgertums in Deutschland aufgezeigt, wofür vor allem Persönlichkeiten wie der deutsche Archäologie Johann Joachim Winckelmann und der preußische Gelehrte und Politiker Wilhelm von Humboldt mit ihrem idealisierten Bild der Antike einen maßgeblichen Einfluss hatten. Bildung war für Humboldt ein wesentlicher Wert bürgerlicher und kultureller Identität und dazu zählte für die Herausbildung der eigenen Individualität ganz besonders die Betrachtung der griechischen Antike. Ein weiterer Punkt der speziellen Beziehung der Deutschen zur klassischen Antike war die propagierte Verwandtschaft des griechischen und deutschen Geistes, die durch die damals weitverbreiteten Volkscharakterlehren ihre Nahrung erhielten. Was den Franzosen die Römer waren, galten den Deutschen die alten Griechen.

In weiterer Folge wird nach dem Triumph des Neuhumanismus mit seinem zentralen Rekurs auf die Antike, was vor allem im Bereich der Schulbildung Auswirkungen zeigte, ein sich allmählich abzeichnendes verändertes kritischeres Bild auf die Antike bei den großen Historikern Johann Gustav Droysen, Theodor Mommsen, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff und Adolf Harnack aufgezeigt. Dieses Bild wird unter anderem durch das Ende der deutschen Kleinstaatlichkeit mit dem Aufstieg Preußens gefördert und der Entwicklung Berlins zum Zentrum der Altertumswissenschaften.

Das ausgehende Jahrhundert wird als „Zeitalter der großen Handbücher“ vorgestellt, wobei August Friedrich Paulys »Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft« eine besondere Bedeutung zukam, die später, unter gleichem Namen fortgeführt wurde. Damit wurde der Versuch unternommen, das gesamte gesammelte Wissen zum klassischen Altertum zu vereinen. Eine weitere wichtige Gesamtdarstellung war das »Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft in systematischer Darstellung mit besonderer Rücksicht auf Geschichte und Methodik der einzelnen Disziplinen«, an dem zahlreiche Historiker mitgewirkt haben.

In einem weiteren Abschnitt werden die Folgen des Ersten Weltkriegs auf die Althistorie aufgezeigt. Der Großteil der Althistoriker stand im Ersten Weltkrieg loyal zu Kaiserreich und Vaterland und trugen sogar ihren Teil zur Kriegspropaganda bei. Vor allem Archäologen wurden, wegen ihrer Sprach- und Landschaftskenntnisse vom Heer gerne umworben. Die Niederlage im Krieg wirkte sich auch auf die Themenstellungen und das Selbstbewusstsein der Althistoriker aus und rückte das antike Sparta thematisch mehr in den Mittelpunkt.

Ein breiter Abschnitt wird dem Historiker Carl Friedrich Lehmann-Haupt gewidmet, der als Außenseiter im Feld der klassischen Altertumswissenschaft sich besonders mit orientalischen Altertümern beschäftigt hat.

Ein spezielles Kapitel widmet sich der deutschen Altertumswissenschaft im „Dritten Reich“, die sich zwischen Anpassung und Verweigerung bewegte. So verweigerte z.B. der Klassische Philologe Kurt von Fritz den Eid auf Adolf Hitler, woraufhin er in den Ruhestand versetzt wurde. Andere wieder, wie Helmuth Berve, unterstützten den Nationalsozialismus und deuteten die Antike dessen Sinne um.

Abschließend wird der Weg der Altertumswissenschaft nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Weltkrieg aufgezeigt. Verschweigen des eigenen Verhalten während der NS-Zeit waren ebenso kennzeichnend wie das Fernhalten von Politik. Es wird aber auch gezeigt, wie allmählich auch die Altertumswissenschaft eine Auseinandersetzung der eigenen Profession mit der jüngsten Vergangenheit einsetzt. Aber auch die Gegenseite der Altertumsforschung im geteilten Deutschland kommen detailliert zur Sprache und zeigen sich als Gegensatz verschiedener theoretischer Ansätze zwischen „bürgerlicher und marxistischer Althistorie“.

Stefan Rebenich gelingt es detailliert ein großes Entwicklungsbild der deutschen Altertumswissenschaft vom beginnenden 19. Jahrhundert bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zu zeichnen und die enge Verbundenheit der Entwicklung der Wissenschaft und des Wissenschaftsbetriebs mit den geistigen und politischen Strömungen der jeweiligen Gegenwart aufzuzeigen.

Entwicklungen und Biographie werden als Teil des kulturellen, geistigen und politischen Umfelds betrachtet, im dem der Einzelne aber trotzdem sehr unterschiedlich individuell agieren und denken konnte. Ein überaus lesenswertes und sachkundiges Geschichtsbuch zur deutschen Altertumswissenschaft, die auch ein Stück Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts darstellt.

Stefan Rebenich, Die Deutschen und ihre Antike. Eine wechselvolle Beziehung
Stuttgart: Klett-Cotta Verlag 2021, 496 Seiten, 39,10 €, ISBN 978-3-608-96476-9

 

Weiterführende Links:
Klett-Cotta Verlag: Stefan Rebenich, Die Deutschen und ihre Antike
Wikipedia: Stefan Rebenich

 

Andreas Markt-Huter, 17-11-2021

Bibliographie

AutorIn

Stefan Rebenich

Buchtitel

Die Deutschen und ihre Antike. Eine wechselvolle Beziehung

Erscheinungsort

Stuttgart

Erscheinungsjahr

2021

Verlag

Klett-Cotta Verlag

Seitenzahl

496

Preis in EUR

39,10

ISBN

978-3-608-96476-9

Kurzbiographie AutorIn

Stefan Rebenich wurde in Jungenheim in Deutschland geboren und studierte von 1980 bis 1985 Klassische Philologie und Geschichte an der Universität Mannheim sowie Alte Geschichte an der Universität Oxford. 2003 wurde Rebenich Professor für Alte Geschichte an der Universität Bielefeld. 2005 wechselte er auf einen Lehrstuhl für Alte Geschichte und Rezeptionsgeschichte der Antike bis in das 20. Jahrhundert an die Universität Bern.