Geschichte | Politik

Norbert Gstrein, Vier Tage, drei Nächte

andreas.markt-huter - 19.10.2022

norbert gstrein, vier tage, drei nächteEs geht nichts über die Ironie, die sich über akademische Scheindiskussionen, pandemische Langzeitfolgen, Reproduktionsgelüste von Lebensmüden und Sollbruchstellen von ehemaligen Traumberufen legt.

Norbert Gstrein zwingt die Leserschaft noch vor der ersten Seite, den eigenen Standpunkt zu formulieren, sonst wird dieser alle paar Seiten ausgehebelt und in Frage gestellt. Am tiefsten wirkt sein Roman „Vier Tage, drei Nächte“, wenn man ihn mit jener eleganten Wegwerfbewegung liest, mit der ihn der Autor sinnlich und klug geschrieben hat.

Peter Giacomuzzi, Briefe an Mimi 1938 – 1944

andreas.markt-huter - 17.10.2022

peter giacomuzzi, briefe an mimiDas Wohnzimmer der Literatur ist die Kiste, da fühlt sie sich wohl und beschützt und wartet mit dem Kistenbesitzer tapfer auf das Ende der Welt. Peter Giacomuzzi ist von Kindheit an von dieser Literatur in der Kiste inspiriert. Bei ihm hat diese Verzauberung die Ausmaße einer Schuhschachtel und steht im Regal seiner Tante, die ihn durchs Studium füttert. In der Schachtel sind Briefe eines gewissen Toni, der als Bild neben dem Fernseher steht.

Später ist die Tante gestorben und der Erzähler erwachsen geworden. Mit größter Ehrfurcht sichtet er die Briefe und beschließt nach Jahrzehnten, sie im gefühlten Einklang mit der Tante diskret zu edieren.

Sheldon S. Wolin, Umgekehrter Totalitarismus

andreas.markt-huter - 14.10.2022

sheldon wolin, umgekehrter totalitarismus„Aufgrund des hochgradig organisierten Strebens nach technologische Innovation und der dadurch begünstigten Kultur findet der Wandel heute schneller statt, ist umfassender und willkommener als je zuvor – was bedeutet, dass Institutionen, Wertungen und Erwartungen gemeinsam mit der Technologie nurmehr eine begrenzte Haltbarkeit zukommt. Wir erleben den Triumph der reinen Gegenwart und ihres Komplizen: des Vergessens bzw. der kollektiven Amnesie.“ (S. 57)

In seiner Analyse der amerikanischen und westlicher Gesellschaften prägt Wolin den Begriff „umgekehrter Totalitarismus“. Dabei wird diese Form des politischen Systems der zunehmenden Ent-Demokratisierung der Gesellschaft von Machthabern und Bürgern meist unbewusst forciert, ohne sich dabei explizit an ideologischen Konzepten zu orientieren.

Thomas Arzt, Die Gegenstimme

andreas.markt-huter - 12.10.2022

thomas arzt, die gegenstimmeLesen hat im gesellschaftlichen Diskurs einen ähnlich positiv besetzten Stellenwert wie Spazierengehen. Dennoch muss dies ständig beworben werden, weil es offensichtlich nicht selbstverständlich ist.

Auf den öffentlichen Sendern wird daher bei passender Witterung darauf hingewiesen, dass es am Nachmittag Zeit für einen Spaziergang ist, und die kulturellen Einrichtungen einer Kommune schwärmen mindestens einmal im Jahr davon, dass es jetzt Zeit zum Lesen wäre.

Robert Misik, Das große Beginnergefühl

h.schoenauer - 10.10.2022

robert misik, das große beginnergefühlEine Revolution ohne Optimismus ist schon gescheitert, ehe sie begonnen hat. So gesehen schreit die gegenwärtige Gesellschaft, wenn nicht nach Revolution, so immerhin nach Optimismus.

Robert Misik kratzt für das große „Beginnergefühl“ zweihundert Jahre Kulturgeschichte der Moderne zusammen, um zu zeigen, dass hinter allen Veränderungen immer ein Stück Optimismus gestanden hat. Das „Beginnergefühl“ ist ein Notat von Bert Brecht, verfasst mitten im Desaster des Zweiten Weltkriegs. Eines Vormittags schreibt er einfach das Gefühl vom Beginnen auf, und gibt sich dadurch einen Ruck, sich für die Zukunft bereitzumachen.

Tobias Hürter, Das Zeitalter der Unschärfe

andreas.markt-huter - 05.10.2022

tobias hürter, das zeitalter der unschärfe„Stellen Sie sich vor, Sie finden eines Tages heraus, dass die Welt, in der Sie leben, ganz anders funktioniert, als Sie bisher glaubten. Die Häuser, Straßen, Bäume und Wolken sind nur Kulissen, bewegt von Kräften, von denen sie nichts ahnten. Genau dies ist den Physikerinnen und Physikern vor hundert Jahren widerfahren. Sie mussten einsehen, dass hinter den Begriffen und Theorien, durch die sie die Welt sahen, eine tiefere Wirklichkeit liegt …“ (S. 9)

Die Epoche vom Ende des 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gilt als das golden Zeitalter der Physik. In dieser Zeit haben sich Einsichten und Theorien entwickelt, die das bisherige Fundament der Physik revolutionierte und die Welt von Grund auf verändert hat.

Nadja Niemeyer, Gegenangriff

h.schoenauer - 28.09.2022

nadja niemayer, gegenangriffWarum lassen sich die Tiere eigentlich ausrotten und abschlachten, warum tun sie nichts dagegen? – Weil sie nicht intelligent sind! Nadja Niemeyer beendet diese unintelligente Behauptung mit einem „Gegenangriff“.

In ihrem dystopischen Roman, den sie Pamphlet nennt, werden die Tiere plötzlich intelligent und rotten die Menschen aus. Das Thema ist so brisant, dass Nadja Niemeyer sich als Pseudonym schützt, Interviews verweigert und keine Talkshows zu dieser Debatte betritt.

Walter Benn Michaels, Der Trubel um Diversität

andreas.markt-huter - 26.09.2022

walter benn michaels, der trubel um diversität.jpg„Falsch an der Identitätspolitik ist, mit anderen Worten, dass sie nur solche Ungerechtigkeiten zur Kenntnis nimmt, die durch Diskriminierung (Rassismus, Sexismus, Homophobie) hervorgebracht werden. Die Ungleichheiten, die jedem von uns in jedem Augenblick dadurch entsteht, dass Arbeiter weniger bezahlt bekommen als den Wert dessen, was sie produzieren, werden außer Acht gelassen oder, schlimmer, als normal erachtet.“ (S. 14)

Walter Benn Michaels stellt in seinem kritischen Sachbuch die Zunahme der gesellschaftlichen Diskussion um Diversität in den Mittelpunkt, die sich gegen Rassismus, Sexismus und Transphobie richtet. Diese, von den USA ausgehende Bewegung, stößt vor allem auch in Ländern auf zunehmendes Interesse, in denen von der zunehmenden Kluft zwischen Armen und Reichen abgelenkt werden soll.

Frank Wilczek, Fundamentals. Die zehn Prinzipien der modernen Physik

andreas.markt-huter - 19.09.2022

frank wilczek, fundamentals„Dieses Buch handelt von den fundamentalen Erkenntnissen, die wir beim Studium der Natur gewinnen können. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die unbedingt wissen wollen, was die moderne Physik darüber sagt. Es sind Juristen, Ärzte, Künstler, Studenten, Lehrer, Eltern oder einfach wissbegierige Leute. Sie sind intelligent, haben aber kaum einschlägige Kenntnisse. Ich habe im Folgenden versucht, die zentralen Botschaften der modernen Physik so einfach wie möglich darzustellen, ohne es an Genauigkeit fehlen zu lassen.“ (S. 9)

Frank Wilczek formuliert in zehn Leitsätzen die zentralen Erkenntnisse der Wissenschaft über die Grundlagen des Universums. Jeder Gegenstand der Untersuchung wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und mit einem spannenden Ausblick auf der Grundlage von faktenbasierenden Vermutungen abgeschlossen, die zeigen sollen, dass unser Verständnis der Natur anwächst und sich stetig verändert.

Helen Pluckrose / James Lindsay, Zynische Theorien

andreas.markt-huter - 05.09.2022

helen pluckrose, zynische theorien„Zynische Theorien erklärt, wie die Theorie zur treibenden Kraft im kulturellen Krieg der späten Zehnerjahre unseres Jahrtausends avancierte – und schlägt zugleich eine liberale philosophische Alternative vor, um dieser Denkströmung in Wissenschaft, Aktivismus und Alltag zu begegnen. Das Buch zeichnet nach, wie sich die einzelnen Zweige einer zynischen postmodernen Theorie in den letzten fünfzig Jahren herausbildeten, und zeigt […] den Einfluss der Theorie auf unsere heutige Gesellschaft auf.“ (S. 14)

Seit den 2010-er Jahren ist es der „Woke-Bewegung“ und der „Identitätspolitik“ bemerkbar gelungen, aus der ursprünglich universitären Umgebung in die breite Gesellschaft auszugreifen und sozialpolitischen Einfluss auszuüben.