Aktuelle Buchtipps

 

Heiko Wolz, Jonathan Riddle und das geheimnisvolle Rätselhaus

Andreas Markt-Huter - 24.10.2026

Heiko Wolz, Jonathan Riddle und das geheimnisvolle Rätselhaus„Warum ich vor Rektor Pembrokes Büro sitze, ist mir ein Rätsel. Den Unterricht habe ich diesmal bestimmt nicht gestört. Wie auch, wenn ich tief und fest geschlafen habe? In Ordnung, eine Ahnung habe ich, weshalb ich auf dem ungemütlichen Plastikstuhl hocke. Es könnte damit zu tun haben, dass ich in der Pause mit Oscar Peterson aneinandergeraten bin. Zumindest würde das die schroffe Durchsage erklären, mit der Pembroke mich zu sich zitierte: »Jonathan Riddle. In mein Büro! Sofort!«“ (S. 5)

Der 13-jährige Jonathan Riddle gerät ständig in Streitereien und fällt durch Ärger in der Schule auf, bis er eines Tages von seiner Schule suspendiert wird. Die enttäuschte Mutter schickt deshalb für eine Weile aufs Land, wo er bei seinem bisher unbekannten Onkel Aelfric und seiner Cousine Vic bis zu den Schulferien auf Spilsbury House leben und die Schule besuchen soll. Er ahnt nicht, dass das Abenteuer seines Lebens auf ihn wartet.

Eleonore Weber, Und wir sind sie. And us are them

h.schoenauer - 23.10.2026

Eleonore Weber, Und wir sind sie. And us are themEine erregende Form von Lyrik befasst sich mit dem Verdichten von Philosophie, wobei die Fußnoten und Metaebenen zu dieser Theorie selbst zu Gedichten werden. Beim Projekt „Wüten im Symbolischen“, wie der Arbeitstitel des Unterfangens lautet, handelt es sich um eine deklariert künstlerische Arbeit mit Text, Bild und Form. Das Symbolische bedeutet jenen Raum, in dem wir zum Subjekt werden. „Es ist kein neutraler Raum, sondern ein Feld, in dem Macht, Begehren und Identität ständig verhandelt werden.“ (3)

Eleonore Weber beruft sich in dieser raffinierten Arbeit „Und wir sind sie“ häufig auf Lacan, der als Quelle, Zitat und sogar Gott überraschend auftauchen darf. Der Titel lässt sich prima vista als Anwendungsformel deuten: Wir Subjekte sind das, was in der Sprachbeschreibung als „sie“ einen Platzhalter gefunden hat.

Rudyard Kipling, Wie der Leopard zu seinen Flecken kam und andere Tiergeschichten

h.schoenauer - 22.10.2026

Rudyard Kipling, Wie der Leopard zu seinen Flecken kam und andere TiergeschichtenFrüher soll es unter gebildeten Schichten lästige Kinder gegeben haben, die dem Hauslehrer oder der Gouvernante ein Loch in den Bauch gefragt haben sollen. Seit KI lösen die Kids unabhängig von ihrem sozialen Stand die Fragen mit einer App.

Rudyard Kipling hat sein Dschungelbuch wohl aus kolonialistisch-pädagogischen Gründen geschrieben, die Fauna des indischen Dschungels wurde straff anglisiert und mit Spielregeln der britischen Upperclass unterlegt. Geblieben ist ein Stoff, der sich scheinbar unverfänglich einsetzen lässt wie etwa Cäsars Gallischer Krieg, der aber den Nachteil hat, dass man die politische Komponente nie mehr aus dem Lesegedächtnis bekommt, wenn man einmal aufklärerisch damit abgeduscht worden ist.

Marian Moschen, Brot für jeden Tag

Andreas Markt-Huter - 21.10.2026

Marian Moschen, Brot für jeden Tag„Frische, knusprige Brötchen zum Frühstück. Mal ehrlich, es gibt nichts Besseres. Aber während Bäcker die Nächte durcharbeiten, damit wir frisch gebackene Brötchen auf dem Frühstückstisch haben, wollen wir keine Minute zu früh aufstehen, aber trotzdem nicht darauf verzichten. Damit das problemlos klappt, gibt es genau dieses Rezept. Abends zubereiten, morgens nur noch formen und backen.“ (S. 64)

Es gibt wahrscheinlich wenig Befriedigenderes als sein eigenes Brot zu backen und gemeinsam mit anderen zu genießen. Marian Moschen bietet einen informativen Einblick in die Grundlagen des Brotbackens und zahlreiche verschiedene Rezepte, die vom Frühstückbrötchen, über das Kartoffelbrot bis hin zum Wurzelbrot und Roggenvollkornbrot reichen.

Michail Bulgakow, Gesammelte Werke

Andreas Markt-Huter - 20.10.2026

Michail Bulgakow, Gesammelte Werke„Hier ist zwar alles fremd, aber offenbar habe ich mich in diesen anderthalb Monaten eingelebt. So schön nach dem Nebel! Zu Hause. Der Fels und das Meer im goldenen Rahmen. Die Bücher im Schrank. Nur ist der Sofabezug so kratzig, wie man sich auch hinlegt, das Kissen hart, so hart ... Aufstehen geht aber auch nicht. Diese Trägheit! Die Hand heben ist schon zu viel. Seit einer halben Stunde sage ich mir, ich sollte den Arm ausstrecken, das Aspirinpulver vom Stuhl nehmen, strecke ihn aber nicht aus ...“ (S. 12)

Der Sammelband umfasst drei Erzählungen aus dem Zeitraum zwischen 1922 und 1925 sowie Bulgakows wichtigstes und bekanntestes Werk den Roman „Der Meister und Margarita“ der heute als Klassiker der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts gilt. In diesem setzt er sich auf satirische Weise mit der Bürokratie und dem Überwachungsstaat der Sowjetunion auseinander.

Bastian Schneider, Umschreibung

h.schoenauer - 19.10.2026

Bastian Schneider, UmschreibungWas ist eigentlich mit Kafkas Lippenstift passiert? – Hatte er überhaupt einen, und wenn ja, gibt es ihn noch in einem Archiv?

Bastian Schneider erzählt während der Vorstellung seines Romans „Umschreibung“ unbekümmert von einem Spaziergang vor Jahren, auf dem ihm diese Fragen eingeschossen sind. Als professioneller Schriftsteller hat er beschlossen, zuerst den Roman auszuführen und erst dann zu überlegen, ob es dafür überhaupt ein Publikum braucht. Was auf den ersten Blick wie eine Marotte des Literaturbetriebs wirkt, nämlich dass jemand seine Gedanken beim Spazierengehen füttert, ist wahrscheinlich das größte Motiv für das Schreiben überhaupt: Die Schreibenden müssen es einfach herauslassen, ob es dafür ein Publikum gibt oder nicht.

Chen Jiatong, Wild Stork - Beschützer des Waldes

Andreas Markt-Huter - 17.10.2026

Chen Jiatong, Wild Stork - Beschützer des Waldes„Weit im Norden des Waldes, am höchsten Punkt der Krone eines Flügelfruchtbaums, befand sich ein großes Nest. In diesem Nest lebte eine Familie von Störchen. Die Storchmutter Lilly kümmerte sich dort um drei quengelnde hungrige Küken. Lilly hatte glänzend schwarze Augen, einen spitzen Schnabel und schneeweißes Gefieder. Die Federn ihrer Flügel waren Schwarz und ihre schlanken langen Beine waren rot.“ (S. 11)

In einem Nest in den Wipfeln eines Urwaldbaumes kommt Einar gemeinsam mit seinen beiden Geschwistern Trio und Bino zur Welt. Quin ist der kleinste und schwächste der Storchkinder, der es hasst, mit seinen größeren Geschwistern um das Futter kämpfen zu müssen. Da Einar im Vergleich zu seinen Geschwistern einfach nicht wachsen will, wird er von seiner Mutter brutal aus dem Nest geworfen.

Anne Marie Pircher, Aria

h.schoenauer - 16.10.2026

Anne Marie Pircher, AriaAria – etwas zwischen Luft und Lied. Denk dir, die Sonne war da, heißt es zudem im Eingangsspruch zu den Gedichten. Anne Marie Pircher lässt knapp siebzig Gedichte auffliegen aus ihrem Band, sie sitzen locker und springen aus dem Untergrund, dem Wetter, dem Gehölz heraus, oder versammeln sich vogelähnlich in der Windströmung, ehe sie sich dann zu einem lyrischen Motiv verklumpen und als Blatt zu Boden segeln.

Als Gliederung und Orientierungsbojen sind vier Vignetten eingelagert, die sich als fragile Naturmotive in den Text hineinschieben und als Geäst, Uferteich, Windblüten oder Zittergras Akzente setzen.

Margery Williams, Der kleine Samthase

Andreas Markt-Huter - 15.10.2026

Margery Williams, Der kleine Samthase„Es war einmal ein kleiner Samthase, und am Anfang sah er wirklich toll aus. Er war dick und flauschig, wie so ein Hase sein soll. Sein Fell war braun-weiß getupft, er hatte einen richtigen Schnurrbart aus Garn, und seine Ohren waren mit rosa Seide gefüttert. Es sah zauberhaft aus, wie er da am Weihnachtsmorgen mit einem Stechpalmenzweig zwischen den Pfoten ganz oben im Strumpf des Jungen steckte.“ (S. 5)

Ein kleiner Junge hat unter seinen Geschenken auch einen kleinen, lieblichen Samthasen, der für kurze Zeit auch geliebt wird, bis die zahlreichen neuen Geschenke der Onkel und Tanten den Samthasen vergessen machen. Weggeräumt und vergessen fühlt sich der Hase selbst ganz unbedeutend und spielt selbst unter den anderen Spielsachen keine Rolle, die sich als wichtiger, teurer oder moderner aufspielen.

Gottlieb Pomella, Aufbrechen und bleiben

h.schoenauer - 14.10.2026

Gottlieb Pomella, Aufbrechen und bleibenNoch Generationen nach der sogenannten Option bricht in Südtirol an patriotischen Tagen die große Wunde auf: Wem gelingt die Heimat besser, den Dableibern oder den Weggehern?

Gottlieb Pomella gibt seinen elf Erzählungen die Überschrift „Aufbrechen und bleiben“, um die scheinbar unlösbare Frage aufzulösen, die Jahrzehntelang allzu dichotomisch diskutiert worden ist. Dem Buch hat er ein aufwühlendes Motto der türkisch-deutschen Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar vorangestellt: „Wenn man von seinem eigenen Land einmal weggegangen ist, dann kommt man in keinem neuen Land mehr an. Dann werden nur manche besondere Menschen dein Land.“