Aktuelle Buchtipps

 

Judith Mohr, Stadt der Magier und Diebe

Andreas Markt-Huter - 18.04.2026

Judith Mohr, Stadt der Magier und Diebe„Ich war ein Taschendieb und ich war ein zweites Mal gefangen worden. Das erste Mal, wenn die Stadtpolizei einen Dieb fängt, wird er im Hof der Polizeiwache ausgepeitscht und wieder laufen gelassen. Das war mir im Jahr zuvor passiert. Da war ich vierzehn. Die zwölf langen Narben auf meinem Rücken juckten jedes Mal, wenn ich nur daran dachte. Das Erste, was die Polizei macht, wenn sie einen Dieb fängt, ist, sein Hemd auszuziehen oder es einfach aufzureißen. Dabei ist die Polizei nicht zimperlich. An den Narben auf dem Rücken sieht man sofort, ob es das erste oder zweite Mal ist.“

Als der 15-jährige Taschendieb Cor bereits zum zweiten Mal von der Polizei erwischt wird, droht ihm entweder der Galgen oder der Verkauf in die Sklaverei. Mit einer Schlinge um den Hals wird er zur Auktion geführt und zu seinem Glück von einem Herrn mit Zylinder ersteigert. Als Zeichen für seinen neuen Sklavenstatus wird ihm ein S in den Oberarm gebrannt.

Paul Sailer-Wlasits, Demagogie

Andreas Markt-Huter - 16.04.2026

Paul Sailer-Wlasits, DemagogieSprache als Waffe: Wie Demagogen den Diskurs vergiften. Es gibt Sachbücher, die vielfach polemisch verwendete Schlagwörter in einen präzisen Begriff überführen. Demagogie von Paul Sailer-Wlasits gehört in diese Kategorie. 

Die gegenwärtige politische Tonlage ist nicht nur rauer geworden – sie hat sich grundsätzlich verwandelt: ein ständiges Wechselspiel zwischen Angriff und Gegenangriff. Worte, die früher Empörung ausgelöst hätten, gleiten heute nahezu beiläufig durch Debattenräume, als wären sie längst Teil des politischen Inventars. Doch die sprachliche Eskalation wirkt wie ein Verstärker und verschiebt die Grenzen des Sagbaren. Am Ende verändert sie nicht nur, wie Politik wahrgenommen wird, sondern auch, wie Menschen miteinander sprechen – im Parlament, im Netz, in unterschiedlichsten Gemeinschaften.

Viktor Baumgartner / Alexander Peer, Die Kunst des Überzeugens

h.schoenauer - 15.04.2026

Viktor Baumgartner / Alexander Peer, Die Kunst des ÜberzeugensSeit es Aufzeichnungen gibt, spielt die Rhetorik im Umgang der Menschen untereinander eine Rolle. Von den Tontafeln aufwärts bis hinein in die Welt der Apps gibt es jede Menge Tipps und Ratschläge, wie man mit guter Rhetorik überleben oder gar reüssieren kann. Das mündliche Handwerk ist seit Jahrtausenden mit einem verschriftlichten Regelwerk hinterlegt.

Während seiner Durchschnittsbiographie erlebt der User von Rhetorik alle paar Jahre ein Update, worin sich Klientel, Sprache und Rituale dem aktuellen Zeitgeist anpassen. Dabei entsteht der Zeitgeist aus Rhetorik und umgekehrt.

Cornelia Funke, Gespensterjäger und der Weihnachtsspuk

Andreas Markt-Huter - 15.04.2026

Cornelia Funke, Gespensterjäger und der Weihnachtsspuk„Natürlich warf Tom sich später vor, dass er nicht sofort begriffen hatte, dass mit diesem Baum etwas ganz und gar nicht stimmte. Aber später war man immer klüger und es war schließlich nicht leicht, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen, wenn Weihnachtsmusik durch alle Räume dröhnte – Frank Sinatra wie jedes Jahr, obwohl Lola diesmal Taylor Swift dazwischenmischte.“ (S. 15)

Tom Tomsky, der mit Hedwig Kümmelsaft und dem liebenswerten Gespenst Hugo MUG das weithin bekannte Gespensterjägertrio bildet, ist kein großer Freund von Weihnachten. Und dass seine Eltern für ihn, obwohl er bereits zwölf Jahre alt ist, immer noch einen Weihnachtsmann anstellen, verärgert ihn ganz besonders. Lieber hätte er seine Zeit mit seinen Geisterjägerfreunden verbracht. Er ahnt nicht, dass dieses Weihnachtsfest eine ganz besondere Überraschung für ihn bereithalten wird, auf die er lieber verzichtet hätte.

Norbert Gstrein, Im ersten Licht

h.schoenauer - 13.04.2026

Norbert Gstrein, Im ersten LichtLiebe, Unglück, Krieg und Frieden geschehen fürs erste einmal so vor sich hin und werden erst später benannt und eingeordnet. In der Literatur verwendet man dafür den Ausdruck „im ersten Licht“, worin etwas Frisches liegt wie die Bergkette bei Morgenlicht oder die Veranda im Strahl des Frühstückskusses.

Norbert Gstrein erzählt „Im ersten Licht“ vom vergangenen Jahrhundert, als erzählenden Lichtstrahl verwendet er einen gewissen Adrian, der pünktlich 1901 für das damals noch frische Jahrhundert geboren ist, und dem bald einmal der Erste Weltkrieg in die Biographie pfuscht. Um nicht einrücken zu müssen, schlägt ihm sein Vater, ein Sozialdemokrat und Briefträger, mit der Axt einen Hinkefuß mit der Bemerkung, „die da oben sollen sich im Krieg gefälligst selbst ausrotten“.

Davide Morosinotto, Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten

Andreas Markt-Huter - 11.04.2026

Davide Morosinotto, Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten„Greta saß abseits, auf einem Stuhl neben dem Fenster. Niemand hatte sie auch nur eines Blickes gewürdigt. Vermutlich hatten die beiden Besucher ihre Anwesenheit nicht einmal bemerkt. So wie immer. Doktor Grimaldi nahm einen Schluck Cognac. »Also, meine Herren, wo wollen wir anfangen?« Der Bürgermeister lockerte den Knoten seiner dicken Seidenkrawatte. »Ich würde mit dem Dringlichsten beginnen: der Tatsache, dass ein Leben in Gefahr ist.«“ (S. 15)

Die Geschichte spielt in Nürnberg im Jahr 1829 und verbindet historische Ereignisse rund um das Auftauchen des 16-jährigen zurückgebliebenen Kaspar Hauser, der seit seiner frühen Kindheit in einem dunklen Raum gefangen gehalten worden sein soll. Als das Leben des Jungen bedroht wird, soll Dr. Grimaldi, ein Arzt und Ermittler aus Sizilien, den Jungen retten und dem Geheimnis um seine Gefangenschaft auf die Spur kommen.

Orhan Kipcak, K – wie Kakanien

h.schoenauer - 10.04.2026

Orhan Kipcak, K – wie Kakanien„Der wirksamste Befehl sei aber jener, den man gar nicht mehr explizit erteilen müsse, sondern der sich als Zwangsläufigkeit aus den Umständen ergebe. Die aber durchaus vorab zu gestalten seien.“ (15) Es ist natürlich lange her, dass so gedacht worden ist, und wahrscheinlich trifft diese Vermutung über den Befehl uns durch Algorithmen orientierungslos Gewordene so ins Herz, weil diese Vermutung selbst zu einem Befehl geworden ist, der uns auch nach Jahrhunderten noch erreicht.

Orhan Kipcak hat eine Erzählmethode gefunden, mit der er die vom vielen Lesen abgestumpften Menschen hellwach und neugierig werden lässt. Er verwendet für seine Hingucker-Titel das Alphabet, was vor allem bei Bibliothekaren gut ankommt, welche die Welt ausschließlich nach dem Alphabet ordnen.

Sigrid Undset, Olav Audunssohn

Andreas Markt-Huter - 09.04.2026

Sigrid Undset, Olav Audunssohn„Zu der Zeit, da Harald Gilles Söhne in Norwegen herrschten, lebte in den Dörfern um den See Mjøsa eine Sippe, die von allen die »Steinfinnssöhne« genannt wurden. Ihnen gehörten achtzehn große Höfe, verteilt über die Kirchengemeinden der Gegend.“ (S. 7)

Im 13. Jahrhundert steht die Gesellschaft in Norwegen vor der großen Herausforderung den Forderungen des alten Ehrendkodex und den neuen Ansprüchen der christlichen Moral. Dabei bilden gesellschaftliche Erwartungen, familiäre Verantwortung und das persönliche Ringen um moralische Schuld den tragischen Mittelpunkt der Handlung.

Dinçer Güçyeter, Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne

h.schoenauer - 08.04.2026

Dinçer Güçyeter, Fake Gucci-Jogginghose auf der LesebühneWenn ein Buchtitel mehrfach barock-verdreht aufs Cover springt, handelt es sich meist um eine sogenannte Literaturvorlesung. Dieses seltsame Genre ermöglicht es fiktional Arbeitenden, an der Uni akademisch aufzutreten, ohne sich wissenschaftlichen Kriterien aussetzen zu müssen. Eine gute Poesie-Vorlesung ist also eine gute Unterhaltung des akademischen Personals, das einmal freie Sätze denken darf wie sonst nicht einmal in Fußnoten.

Dinçer Güçyeter stülpt seine Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens unter den Titel „Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne“. Damit spielt er auf das Phänomen an, dass im Literatur- und Musikbetrieb, vor allem aber in der Pop-Kultur, der passende Code der Kleidung unerlässlich ist. Musterland für diesen Kult ist Deutschland, wo alles in Schubladen ordentlich abgelegt wird.