Kira Gembri, Nelly Emberwing - Die verbotenen Wesen von Rustgate
„Wie jeden Morgen erwachte ich mit dem Gefühl, als hätte mich ein Fuhrwerk überrollt. Stöhnend reckte ich mich auf der verbeulten Strohmatratze, dann schwang ich die Füße aus dem Bett. Auf Zehenspitzen huschte ich zum Fenster der Dachkammer und blickte hinaus. Trotz meiner schmerzenden Glieder liebte ich die Morgendämmerung. Rustgate wirkte im ersten Sonnenlicht beinahe friedlich.“ (S. 7)
Die vierzehnjährige Nelly Emberwing hat ihre gesamte Kindheit in einem heruntergekommenen Waisenhaus verbracht und arbeitet seit drei Monaten im Haushalt der reichen Familie Cunningham, wo sie von der unfreundlichen Haushälterin Mrs Briggs mit Arbeiten im Haushalt eingedeckt wird und Lavinia, der verwöhnten Tochter des Hausherrn, rund um die Uhr zu Diensten sein muss.
„Meine Mandantin wird beschuldigt, den Ex-Freund ihrer Schwester getötet zu haben. Tatsächlich wird sie nicht nur beschuldigt, sie war es.“ (46)
„Damit fing alles an – mit einem bloßen Geruch. Kennt jemand dieses Wort? Ich habe es von Akilah Jones gelernt. Akilah, Akilah, Akilah … Zum ersten Mal sah ich sie in Französisch in der Neunten. Sie konjugierte sich damals mit ihrem ersten unregelmäßigen Verb die Seele aus dem Leib und trug einen weichen gelben Pullover, als mir klar wurde, dass ich in sie verliebt war.“ (S. 13)
Ein lyrisch überzeugender Titel zieht das Publikum an, indem er ihm eine Aufgabe stellt, ein vorgebliches Rätsel zum Lösen. – „Ortsauflösung“ ist so eine Aufgabe, die man leichtfertig in Angriff nimmt, indem man den Namen eines Ortes für ein Ratespiel erschließt, indem man einen konkreten Ort auflöst wie eine Verlassenschaft oder indem man ein lyrisches Ortsbild dekonstruiert in emotionale Pixel.
„In der Nacht, in der die Uhren zurückgestellt wurden, stieg Isaac Turner zu Big Ben hinauf, um seinem Vater dabei zuzuschauen, wie er die Zeit anhielt. Es gab dreihundertvierunddreißig Stufen im Inneren des Elizabeth Tower und als Isaac über das Geländer schaute, schien sich die Wendeltreppe unter ihm wie ein Teleskop in die Tiefe zu ziehen. Sofort wurde ihm schwindlig.“ (S. 9)
„Dieses Buch trägt den Titel Ketzer, dabei galten nicht alle Glaubensvorstellungen, die hierin dargelegt werden, als ketzerisch – ganz im Gegenteil. Einige waren schismatisch, andere wurden lediglich missbilligt – und viele der überraschenden Geschichten, von denen hier berichtet wird, waren (auch wenn die Kirche das mitunter nicht allzu gern sah) jahrhundertelang ein akzeptierter Teil des christlichen Kultes.“ (S. 25)
„Ich war ein Taschendieb und ich war ein zweites Mal gefangen worden. Das erste Mal, wenn die Stadtpolizei einen Dieb fängt, wird er im Hof der Polizeiwache ausgepeitscht und wieder laufen gelassen. Das war mir im Jahr zuvor passiert. Da war ich vierzehn. Die zwölf langen Narben auf meinem Rücken juckten jedes Mal, wenn ich nur daran dachte. Das Erste, was die Polizei macht, wenn sie einen Dieb fängt, ist, sein Hemd auszuziehen oder es einfach aufzureißen. Dabei ist die Polizei nicht zimperlich. An den Narben auf dem Rücken sieht man sofort, ob es das erste oder zweite Mal ist.“
Sprache als Waffe: Wie Demagogen den Diskurs vergiften. Es gibt Sachbücher, die vielfach polemisch verwendete Schlagwörter in einen präzisen Begriff überführen. Demagogie von Paul Sailer-Wlasits gehört in diese Kategorie.
Seit es Aufzeichnungen gibt, spielt die Rhetorik im Umgang der Menschen untereinander eine Rolle. Von den Tontafeln aufwärts bis hinein in die Welt der Apps gibt es jede Menge Tipps und Ratschläge, wie man mit guter Rhetorik überleben oder gar reüssieren kann. Das mündliche Handwerk ist seit Jahrtausenden mit einem verschriftlichten Regelwerk hinterlegt.
„Natürlich warf Tom sich später vor, dass er nicht sofort begriffen hatte, dass mit diesem Baum etwas ganz und gar nicht stimmte. Aber später war man immer klüger und es war schließlich nicht leicht, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen, wenn Weihnachtsmusik durch alle Räume dröhnte – Frank Sinatra wie jedes Jahr, obwohl Lola diesmal Taylor Swift dazwischenmischte.“ (S. 15)