Aktuelle Buchtipps

 

Judith Burger, Opas Herz

Andreas Markt-Huter - 21.03.2026

Judith Burger, Opas Herz„»Was hat Opa für eine Krankheit?«, fragt Hans während der langen Fahrt. »Hat er einen Verband? Kann er laufen? Muss er eklige Medizin nehmen?« Mama sitzt am Lenkrad, sie schweigt und zieht die Nase hoch. Papa dreht sich zu Hans um und sagt: »Opa muss bestimmt Medizin nehmen. Weil Opas Herz gestottert hat.« Hans weiß nicht, wie das ist, wenn ein Herz stottert. Ein Herz kann ja nicht sprechen. »Hoffentlich wird alles wieder gut«, sagt Mama leise.“ (S. 4 f)

Hans‘ Opa hatte einen Herzinfarkt und liegt im Krankenhaus. Hans fährt mit Mama und Papa zu Oma, um Opa zu besuchen, dem es nicht besonders gut geht. Während Papa Hans erklärt, dass Opas Herz gestottert hat, erzählt ihm Oma, dass Opas Herz gestolpert sei. Auch wenn sich Hans über Opas Krankheit nicht im Klaren ist, freut er sich darauf, ihn mit Oma im Krankenhaus zu besuchen.

Helwig Brunner, abdruck in weicher masse

h.schoenauer - 20.03.2026

Helwig Brunner, abdruck in weicher masseNoch vor dem Aufschlagen des Gedichtbandes löst der Titel schon erste Bilder und assoziative Aufregungen aus. ‒ Handelt es sich bei der weichen Masse um einen Hundekot, wie er in modernen Gesellschaften massenhaft in Städten ausgelegt ist? Ist die weiche Masse vielleicht das Hirn, von dem sich ein Gegenüber einen virtuellen Abdruck verschafft hat? Oder ist gar ein Verbrechen geschehen, und ein Forensiker gießt einen Fußabdruck mit einer weichen Masse aus?

Helwig Brunner erlöst diese Erwartungen mit seinen „Blockgedichten“, indem er alle erdenklich-lyrische Konstellationen ausruft und gleichzeitig neue Spuren losschickt, die vorerst nicht weiter verfolgt werden.

Hannes Wirlinger, Piet findet einen neuen Freund

Andreas Markt-Huter - 19.03.2026

Hannes Wirlinger, Piet findet einen neuen Freund„Piet der Dachs, kann heute das Aufstehen gar nicht erwarten. Mit einem weiten Satz springt er aus dem Bett. Er streckt sich und reckt sich und eilt zum Tisch. Dort steht eine Schüssel mit köstlichen Beeren, die er am Vorabend zubereitet hat. Denn Piet möchte gleich am frühen Morgen losmarschieren.“

Der freundliche Dachs Piet freut sich darauf, endlich seinen besten Freund Lutz den Igel wiederzusehen. Gut gelaunt und voller Schwung machte er sich auf den Weg, grüßt Theodora die Eula, die auf einem Ast den kleinen Dachs beobachtet. Doch in seiner Eile hat er keine Zeit für ein Schwätzchen mit ihr, denn der Weg zu seinem Freund ist weit. Piet ahnt nicht, dass er auf seiner Wanderung jemanden geweckt hat, der ihm nicht so wohlgesonnen ist.

Elisabeth Wandeler-Deck, Anlandebahnen für Geräusche

h.schoenauer - 17.03.2026

Elisabeth Wandeler-Deck, Anlandebahnen für GeräuscheVom aufgekratzten Titel „Anlandebahnen für Geräusche“ inspiriert denkt man spontan an einen Laubbläser, der mit seinem kontinuierlichen Luftstrom alles Laub in die Ecke kehrt, von wo aus es dann leicht kompostiert werden kann.

Und tatsächlich erzählt Elisabeth Wandeler-Deck mit voller Düse, wenn sie ihre Prosa über die Seiten bläst. Der Text beginnt mit der Fügung „erschien sie mir“ und einem englischsprachigen Zitat über unerwartete Protagonisten, und endet nach gut hundert Seiten absatzlos mit den Worten „draw 2 parallel lines and“ (102). Die Absicht für dieses Buch ist dabei gut versteckt in einem Flow von Assoziationen, Bildern und Sehgewohnheiten:

Lena Hach, Jahrmarkt der Zeitreisenden - Der gestohlene Kristall

Andreas Markt-Huter - 17.03.2026

Lena Hach, Jahrmarkt der Zeitreisenden - Der gestohlene Kristall„Mein Blick fällt auf einen schmalen Jungen in Hosenträgern, der unten am Geländer lehnt. Die Hände tief in die Taschen seiner Kniebundhose geschoben, schaut er mich direkt an. Als sich unsere Blicke treffen, legt er den Kopf kaum merklich schief. Eine blonde Strähne rutscht unter seiner Schiebermütze hervor und fällt in sein Gesicht. Und dann lächelt er.“ (S. 12)

Liv arbeitet mit ihren Eltern in einem Schaumarkt, der zwischen März und Oktober durch das Land zieht. Der Stolz der Familie ist ein altes Karussell, dessen Spitze ein sagenumwobener Kristall ziert, als Symbol für Tradition, Glück und Zusammenhalt der Schaustellergemeinschaft. Als eines Tages ein merkwürdig gekleideter Junge auftaucht, der wie aus der Zeit gefallen zu scheint, gerät Livs vertraute Welt aus den Fugen.

Inga Rottinghaus-Höfer, Lernpotenziale prosodischer Leseförderung

Andreas Markt-Huter - 16.03.2026

Inga Rottinghaus-Höfer, Lernpotenziale prosodischer LeseförderungErfolgreich Lesende verfügen über die Fertigkeit, Wörter akkurat und automatisiert in angemessener Geschwindigkeit zu dekodieren. Diese Fertigkeiten werden unter dem Begriff „Leseflüssigkeit“ zusammengefasst. Auch wenn sie notwendig sind, um ein sicheres Leseverstehen zu entwickeln, so sind sie nicht ausreichend. Trotzdem konzentriert sich die schulische Förderung von Leseflüssigkeit bisher hauptsächlich auf diese Aspekte. Das Potenzial prosodischer Kompetenzen bleibt dagegen didaktisch ungenutzt …“ (S. 13)

Die wissenschaftliche Arbeit „Lernpotenziale prosodischer Leseförderung“ geht der Frage nach, inwiefern sich die Förderung der richtigen Betonung beim Lesen auf das Verständnis des Gelesenen auswirkt und damit eine sinnvolle Erweiterung der traditionellen Leserförderung im schulischen Unterricht darstellen kann.

Danielle L. Jensen, A Curse Carved in Bone

Andreas Markt-Huter - 14.03.2026

Danielle L. Jensen, A Curse Carved in Bone„In Nordeland war Harald ein Retter. Ein Befreier und Kämpfer für die Schwachen. Ich hatte seine guten Taten mit eigenen Augen gesehen. Ich verdankte ihm mein Leben, wie so viele andere, die ihm dienten. Doch er war weder Held noch Schurke. Nur ein Mensch, und die Entscheidungen eines Menschen sind nie völlig selbstlos, schon gar nicht die eines Menschen, der mit einem kleinen Jarlstum angefangen und sich den Weg zur Spitze als König erkämpft hatte.“ (S. 17)

Freya wird von König Harald mit seinem Drachenschiff in das Reich der Nordelander gebracht. Sie ist wütend und enttäuscht über Bjorns Lügen und Täuschungen und macht ihn auch für den Tod ihrer Mutter mitverantwortlich. Obwohl sie ihn heimlich immer noch liebt, weist sie ihn bei jeder Gelegenheit schroff zurück. Freya hofft, dass die Seherin Saga, die augenscheinlich tief mit ihrem Schicksal verbunden ist, ihr Antworten auf die dunklen Prophezeiungen über ihre Zukunft geben kann.

Jan David Zimmermann, Das Himmelsnetz

h.schoenauer - 13.03.2026

Jan David Zimmermann, Das HimmelsnetzDas Groteske erscheint einem oft als eine verzerrte Welt, gesehen vielleicht durch eine verkehrt aufgesetzte Lesebrille. Selbst wenn man den irritierten Blick korrigiert, ist es nicht mehr möglich, das Schräg-Gesehene ungeschehen zu machen.

Jan David Zimmermann wirft unter dem Titel „Das Himmelsnetz“ zwölf Geschichten aus, die vorbeikommende Leser rasch umgarnen. Auf Anhieb umarmen uns die Erzählungen mit Themen aus Kindertagen, als wir atemlos Bücher über fragile Schiffe, untergegangene Berufe und Fallstricke des Alltags gelesen haben.

Monika Helfer, Geheimnis

Andreas Markt-Huter - 12.03.2026

Monika Helfer, Geheimnis„Einmal, da war ich schon in der ersten Klasse, habe ich auf der Straße etwas glitzern sehen. Ich bückte mich und hob es auf. Es war ein Ringlein. Ich trocknete es an meinem blauen Kleid ab und zog es über meinen Finger. Es war sehr schön, das Ringlein mit dem blauen Stein. Wie für mich gemacht, dachte ich, und es passte so wunderbar zu meinem blauen Kleid. Aber, dachte ich weiter, wem gehört es, wer hat das Ringlein verloren?“ (S. 11)

Monika Helfer erzählt Geschichten aus ihrer Kindheit, von Erlebnissen mit ihrer Familie, ihrer Mutter, ihrer Schwester, ihrem Vater und ihren Freunden. Die Geschichten erzählen von Erlebnissen aus dem Alltag, aus der Sicht eines Kindes, wo die meisten Dinge groß und wichtig erscheinen und oft schwer verständlich sind.

Alfred Paul Schmidt, Diese weite Welt

h.schoenauer - 11.03.2026

Alfred Paul Schmidt, Diese weite WeltWenn man die weite Welt nur eng genug fasst, hat man sie bald vollends im Griff und sie frisst einem aus der Hand. Alfred Paul Schmidt schrumpft in seinem Roman „Diese weite Welt“ das Universum auf die Stadt Graz herunter, der er den wundersamen Namen Schenn gibt, was schnell ausgesprochen etwa „schön“ bedeuten könnte. Und weil es so schön ist, heißt auch der Fluss Schenn, an den die Stadt angedockt hat.

Ich-Erzähler, Protagonist und Antreiber für exzessives Denken ist Christian Leitner, Schriftsteller und siebenundvierzig Jahre alt, was ein gewisser Anachronismus ist, denn üblicherweise sind erzählende Schriftsteller allemal in Ruhestand. Aber das ist der Held vielleicht auch, denn er geht keiner geregelten Arbeit, ja nicht einmal geregeltem Schreiben nach. In der Hauptsache streift er durch die Stadt und bleibt am Lokal Neger hängen, dessen Namen man gerade noch aussprechen darf, weil es sich um einen Traditionsbetrieb handelt, der nichts für Political Correctness kann.