kerstin gulden, fair play„Trotzdem haben wir nach den Sommerferien beschlossen, etwas zu opfern: unsere Freiheit. Zumindest für drei Monate. Wir kriegen etwas Besseres für das, was wir aufgeben, dachten wir. Das war das große Ziel, klar, das offizielle: Die Welt retten, wenigsten ein bisschen. Vielleicht wäre das Experiment nicht außer Kontrolle geraten, wenn es dabei geblieben wäre.“ (S. 5)

Vier Schülerinnen und Schüler entwickeln eine App, die helfen soll, so zu leben, dass die Bedrohung durch die Klimakrise gestoppt werden könnte. Alle haben ihre ganz persönlichen und eigenen Interessen, am Projekt teilzunehmen und bald schon beginnen die Dinge aus dem Ruder zu geraten.

paul theroux, mutterlandMutterland klingt ähnlich wie Muttertag sehr kämpferisch gutmeinend und kann letztlich nur mit Sarkasmus beschrieben werden. Mutterland ist auf den ersten Blick auch das gegenderte Vaterland, das mit einem patriotischen Weichzeichner porträtiert wird.

Paul Theroux platziert um eine Über-Mutter herum eine fette Familiensaga. Insgesamt sieben Kinder sitzen wie die sieben Zwerge um die Mutter herum und stellen einen Ausschnitt von der Welt dar. Die Berufe Advokat, Lehrerin, Diplomat, Krankenpfleger, Professor und Schriftsteller sind artig vertreten, alle wirken und werken im Geiste der Mutter, um die sie regelmäßig aufgepflanzt sind. Das Lieblingskind der Mutter freilich ist Angela, sie ist schon verstorben und mit ihr kann man so herrlich schön ins Jenseits beten. Am Ende der Beliebtheitsskala steht naturgemäß der Ich-Erzähler, der als Schriftsteller nicht immer alles für bare Münze nimmt. Und außerdem legt er sich immer mit seinem Professoren-Bruder an, der in Stunden der Depression mit Lyrik herumdilettiert und schlechten Geschmack verbreitet.

marja baseler, hotel zum oberstübchen„Nicht weit vom Meer und den Dünen entfernt liegt das Hotel zum Oberstübchen. An diesem Wochenende versammelt sich hier die ganze Familie Stein, denn es gibt etwas zu feiern. Opa und Oma sind fünfzig Jahren verheiratet.“ (S. 8)

Die Mitglieder der Familie Stein machen sich auf den Weg und werden vor dem Hotel zum Oberstübchen von Oma und Opa begrüßt. Das Hotel zum Oberstübchen ist nichts anderes als das menschliche Gehirn, das die Familie nun gemeinsam besuchen und erkunden wird.

daniela chana, sagt die dameGedichte können ohne jegliche Ordnung auskommen und wie gefallene Blätter durch den Garten strömen. Wenn man sie dann einzeln aufklaubt, merkt man, dass sie sich alle einem Baum, Zweig, ja sogar Andock-Punkt zuordnen lassen.

Daniela Chana lässt ihre Gedichte wild herum wehen, sie sind frei und ungezähmt, aber als Sammlung ergeben sie dann so etwas wie die verwehte Biographie eines lyrischen Ichs. Schon im Vorspann ist eine Widmung eingefügt, wonach diese Gedichte für jene Singer-Songwriter sind, „deren Werke mich als Teenager berührt und die Liebe zur Lyrik in mir geweckt haben.“

francois moutou, matti und das Leben im Wald„In einem verlassenen Krähennest hoch oben in einer Astgabel thront ein schokoladenbraunes Fellknäuel. Das Fellknäuel heißt Matti und ist ein Baummarder. Im Unterschied zu anderen Marderarten ist sein Kehlfleck nicht weiß, sondern leuchtend gelb.“

Mit Matti dem Baummarder gibt es im Wald viel zu entdecken und zu erforschen. Die Bäume sind voller Leben und werden von zahlreichen Tierarten bewohnt, die entweder besonders geschickt klettern oder fliegen können.

john barton, die geschichte bibel„In diesem Buch erzähle ich die Geschichte der Bibel von ihren ersten Anfängen in Volkssagen und Mythen bis zu ihrer Rezeption und Auslegung heute. Ich beschreibe die Entstehung, Weitergabe und Verbreitung der Bibel und zeige, wie sie in der Antike bis zur Gegenwart gelesen und genutzt wurde und wird, sowohl in ihren Ursprungssprachen wie auch in Übersetzungen.“ (S. 15)

Beginnend mit der Umwelt der ältesten Teile des Alten Testaments im 9. und 8. Jahrhundert wird erzählt, wie die Hebräische Bibel nach und nach die uns bekannte Form angenommen hat. Mit dem aufkommenden Christentum erfährt das Alte Testament einen neuen Blickwinkel der Betrachtung, nämlich als Vorspiel für das Neue Testament, das nach an den Glaubensinhalten des Christentums interpretiert wird. Die Sichtweisen auf das Alte und Neue Testament werden von Juden und Christen im Laufe der Geschichte immer wieder den sich ändernden Ideen und Vorstellungen angepasst.

cornelia funke, reckless„Was der Spiegel ihm gezeigt hatte, gehörte ihm. Ihm allein. Zwölf Jahre lang würde das die Wahrheit sein. Bis zu dem Tag, an dem Jacob sich wünschte, dass er seinen Bruder in jener Nacht vor dem Spiegel gewarnt hätte und vor all dem, was das dunkle Glas ihm bescheren würde. Aber die Nacht verging und er bewahrte sein Geheimnis. Es war einmal … so beginnt es immer.“ (S. 13)

Der zwölfjährige Jacob Reckless lebt mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder Will im siebten Stock eines Hochhauses. Sein Vater John war eines Tages plötzlich spurlos verschwunden und seine Mutter seit dieser Zeit in eine tiefe Traurigkeit verfallen. Mit zwölf Jahren entdeckt Jacob im Arbeitszimmer seines Vaters den merkwürdigen riesigen Spiegel, den sie gemeinsam im Keller des Apartmenthauses entdeckt hatten. Jacob ahnt nicht, welche Welten sich hinter dem magischen Spiegel öffnen sollten.

zsuzsa seleym, regen in moskauWenn einem eine Geschichte schon Haltegriffe in Gestalt von Ortsnamen und Zeitangaben in den Beipackzettel steckt, dann sollte man diese Angaben nicht ignorieren. Diese äußeren Angaben sind kleine Guckfenster, um dadurch ins Innere der Erzählung zu schauen, die unter hohem Druck steht und wie in einem Reaktor mannigfaltige historische Prozesse ablaufen lässt.

Zsuzsa Selyem beschreibt unter dem poetischen Titel „Regen in Moskau“ eine Geschichte von Zwangsmobilität, Glückssuche und Sich-zurechtfinden mit dem Faktischen. Allein schon der Erzählstandpunkt ist irritierend, neben betroffenen Aussiedlern, Wachpersonal und historischen Funktionären ist es das Ungeziefer, das erzählt. Immer wieder berichtet jemand von der Eiablage, und wie er oder sie dann von der Wand herunter sind und diesen oder jenen gestochen haben, um ihm ein wenig Blut abzusaugen.

övind torseter, ein mann für alle fälle„Ich hatte den Job als Mann für alle Fälle beim Präsidenten bekommen. Der Präsident war ein vielbeschäftigter Mann. Wenn er nicht gerade den Rasen vor seinem Palast mähte, war er auf Paraden, Sitzungen oder Reisen unterwegs. Sein wichtiger Koffer war immer dabei.“

Es gibt keine Aufgabe, die der Mann für alle Fälle für den Präsidenten übernehmen würde. Von der Reparatur der zerrissenen Polsterung des Bürosessels, über das Kleben von Schuhsohlen bis zur Reparatur der Wasserleitungen im Palast hat er alles im Griff.

liviu rebreanu, der wald der gehenktenAufsehenerregende Romane sind oft für eine einzige Szene bekannt. Diese ist an und für sich überschaubar, breitet sich dann aber über ein ganzes Jahrhundert aus.

Liviu Rebreanus „Der Wald der Gehenkten“ aus dem Jahre 1922 versucht aufs erste einmal Atem zu holen und das Desaster des Weltkriegs in halbwegs greifbaren Bildern darzustellen. Weltberühmt ist der Roman inzwischen wegen der Hinrichtung im ersten Kapitel. Das Besondere dieser Aktion am Rande der Geographie und des Kriegsgeschehens ist die groteske Hilflosigkeit, mit der die Beteiligten die Sache hinter sich bringen wollen, inklusive des Delinquenten, der nur einen Wusch hat, dass diese vermurkste Hinrichtung möglichst bald vorbei ein möge. Bei dieser speziellen Hinrichtung handelt es sich um eine österreichische Amtsaktion unter Kriegsbedingungen. Das ist so das Schlimmste, was man sich als Soldat, Beamter, Mensch oder Österreicher wünschen kann.