Aktuelle Buchtipps

 

Elisa Asenbaum (Hg.), nie als allein

h.schoenauer - 23.02.2026

Elisa Asenbaum (Hg.), nie als alleinBücher, die ein extrem peripheres Sachgebiet abdecken, werden durch KI mittlerweile an den Mainstream angedockt, indem sachkundiges Bibliothekspersonal die entsprechenden Schlüsselbegriffe vernetzt. So tauchen scheinbar marginale Thesen eines Buches überraschend als Treffer an ganz anderer Stelle auf, wenn sie von einer Suchfunktion im Netz angesteuert werden.

Elisa Asenbaum kuratiert unter dem Titel „nie als allein“ ein Projekt, worin das Phänomen Dialog im Konnex mit lyrischen Interferenzen poetisch-wissenschaftlich abgehandelt wird. Die Initiatorin des Projekts fragt sich eines Tages, mit wem und womit sie eigentlich während des Tages dienstlich korrespondiert. Dabei stechen ihr zwei Themenbereiche ins Auge:

Anitra Rowe Schulte, Der kleine Hase und die alte Weide

Andreas Markt-Huter - 21.02.2026

Anitra Rowe Schulte, Der kleine Hase und die alte Weide„Der kleine Hase liebte den großen, weiten Wald. Jeder Tag war voller Abenteuer, von Sonnaufgang bis zum Mondschein. Eines Tages hörte er ein Knistern im Unterholz und dann eine Stimme: »Lauf! Finde einen sicheren Platz zum Großwerden.« Der kleine Hase wäre gerne geblieben, aber er vertraute der Stimme.“

Auf der Suche nach einem sicheren Platz wandert der kleine Hase durch den Wald, bis er an eine Lichtung gelangt, wo er eine alte große Weide entdeckt. Müde von seiner Reise bittet das Häschen die Weide um Unterschlupf. Die Weide öffnet ihre Zweige und das Häschen findet zwischen den Blättern ein neues Zuhause.

Julian Sharp, Dahinter

h.schoenauer - 20.02.2026

Julian Sharp, DahinterIm Daumenkino wird mit dem Daumen ein Packen Papier durchgeblättert, auf dem wie durch die Kader eines Filmes minimale Bewegungsabläufe sichtbar werden. Julian Sharp greift für seine Erzählung „Dahinter“ diese Idee auf, nur dass bei ihm die Bewegung existenziell sichtbar wird. Statt der gezeichneten Bilder verwendet er monomane Sätze, die die erzählte Geschichte wie die Spitzen einer Choreographie sichtbar werden lassen.

Als literarisches Ur-Muster dieses knapp siebzig Seiten langen Textes dient Rilkes Klassiker „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, der in das pure Pochen des Blutdrucks mündet: „Reiten reiten reiten“.

Judith Weber, Sherlock Holmes & Dr. Watson - Die Jagd nach dem Geisterzug

Andreas Markt-Huter - 19.02.2026

Judith Weber, Sherlock Holmes & Dr. Watson - Die Jagd nach dem Geisterzug„Willkommen in der Baker Street 221b! Wenn Ihr zu Sherlock Holmes möchtet: Hinten anstellen! Die anderen warten auch alle auf ihn. Kein Wunder, er ist ja auch der berühmteste Detektiv der Welt – und mein bester Freund. Gestatten: John Watson, Geschichtenerzähler und Erfinder von Dingen, die die Welt nicht braucht. Kommt, ich nehme euch mit rein!“

Sherlock Holmes Haus wird ständig von Leuten mit ihren kleinen Problemen belagert, während der große Detektiv gelangweilt auf einen großen Fall wartet und sich die Zeit mit Sudokus totschlägt. Als ein Elefant gerade sein Problem mit Katzen vorträgt, beginnen die Wände zu wackeln und ein Zug rauscht in die Baker Street. Holmes beschließt dem Rätsel um den geheimnisvollen Zug nachzugehen.

Ulrike Titelbach, augen im hoiz

h.schoenauer - 18.02.2026

Ulrike Titelbach, augen im hoizEin Gedicht versammelt tausend Weisen und auf tausend Weisen gelangt man zum Gedicht. Nach dieser großzügig formulierten Definition ist es ein nützlicher Vorgang, den Titel auf sich wirken zu lassen, damit man durch ihn in das Innere des Buches gezogen wird.

Ulrike Titelbach gibt ihren Kurzgedichten in zwei Klangfarben den Titel „augen im hoiz“. Diese drei Wörter sind bereits in mehrfacher Hinsicht Programm. Die Gedichte sind nämlich zu einem Dreiklang aufgebaut: Titel, Haiku in leicht abgeschrägtem Dialekt, Haiku in verschriftlichter Gebrauchssprache. Alles ist in Kleinbuchstaben gesetzt, der Mundart-teil in der Mitte tritt in einem helleren Grauton auf, Titel und Schlusszeile erstrahlen in voller Druckkraft aus dem Layout.

Sarah Henning, The Blackgate Invitation – Drei tödliche Tage

Andreas Markt-Huter - 17.02.2026

Sarah Henning, The Blackgate Invitation – Drei tödliche Tage„»Mädels, mein Name ist Marsyas Blackgate. Ich würde euch beide gern anheuern, damit ihr euch als meine Enkelinnen ausgebt, und zwar bei einer Abendgesellschaft auf Hegemony Manor ... Kennt ihr das? Es liegt gleich außerhalb von Wood Rose.« Wren fallen fast die Augen aus dem Kopf. »Das Hegemony Manor? Natürlich kennen wir das! Gotische Perfektion auf einem Hügel, mit Türmchen, Erkern und der ganzen morbiden Wednesday Addams-Stimmung. Unsere Mutter war ganz verrückt danach.«“ (S. 11)

Die beiden Schwestern Ruby und Wren Jourdain leben seit dem Unfalltod ihrer Mutter bei ihrem Vater und seiner neuen Frau in Colorado. Diesen Sommer arbeiten sie auf einem Falafel-Stand auf dem Grand County Renaissance Festival, um sich Geld für ihr Studium auf die Seite zu legen. Marsyas Blackgate, eine ältere Dame, tritt an ihren Stand und bietet den beiden Mädchen an, sie für eine Dinnerparty auf Hegemony Manor zu engagieren. Die beiden Geschwister haben, als sie bei ihrer Mutter gelebt haben, das außergewöhnliche Herrenhaus immer schon voller Neugier von außen bewundert. Ein weiterer Anreiz ist aber auch die Aussicht auf einen luxuriösen Abend, ein aufregendes Abenteuer und je zweitausend Dollar, die ihnen die alte Dame für ihre Begleitung zusagt.

Stefan Soder, Schorsch

h.schoenauer - 16.02.2026

Stefan Soder, SchorschWenn die Stimmung im Land wieder einmal bedrückend wird, hilft manchmal ein Roman nach der Vorlage von Kleists Michael Kohlhaas, damit man sich mit dem Helden identifizieren, mit ihm kämpfen und mit ihm in Würde untergehen kann.

Stefan Soder stiftet der Literatur mit dem „Schorsch“ einen sympathischen Helden, der in einer Welt des wirtschaftlichen Umbruchs mit der bewährten Tradition des Bauer-Seins Schiffbruch erleidet. Der Plot ist speedy wie das Netz, ständig zweigen aus dem Hauptstrang elementare Reibereien ab, die den Roman in seiner Dramaturgie bald zu einem gedachten Film werden lassen, den weder Personal noch Regie stoppen können.

Marc Rosenberg, Eliot Holtby und das Universum der Vergangenheit

Andreas Markt-Huter - 13.02.2026

Marc Rosenberg, Eliot Holtby und das Universum der Vergangenheit„Durch die Eisblume am Fenster fiel schwach das Mondlicht auf Eliot, der warm eingemummelt unter seinem Federbett lag und tief schlief. Hilarius Winterbird strich ihm vorsichtig eine widerspenstige Haarsträhne aus dem schmalen Gesicht. Noch deutete nichts darauf hin, dass dieser Tag ihr Leben für immer verändern würde – seines und das von Eliot Holtby.“ (S. 11)

Der dreizehnjährige Eliot ahnt nicht, dass während er friedlich schläft, sein Ziehvater Hilarius sich auf den Weg macht, um Eliots Schicksal zu entscheiden und sein Leben zu retten. In einer Kirche trifft er Pastor Gregorius van Braafleid, der Hilarius drängt, Eliot endlich über seine Eltern und die Bevorstehende Bedrohung durch seine Tante aufzuklären, die mit seiner Hilfe die Herrschaft über die Welt erringen will.

Ina Hattenhauer, Das verrückte ABC der Verben

Andreas Markt-Huter - 11.02.2026

Ina Hattenhauer, Das verrückte ABC der Verben„a … wie anziehen: alles anziehen / langsam anziehen / warm anziehen / andere anziehen / super-cool allein anziehen / nix anziehen / elegant anziehen / falsch herum anziehen / bunt anziehen“

Das ABC lernen durch reden. Ina Hattenhauers Kinderbuch „Das verrückte ABC der Verben“ präsentiert für jeden Buchstaben des Alphabets ein Verb, dessen Bedeutung durch zahlreiche Anwendungs-Beispiele spielerisch vorgestellt wird und damit als Vorbild für andere Verben dient.

Wolfgang Pollanz, Ein durch und durch durchschnittliches Leben

h.schoenauer - 08.02.2026

Wolfgang Pollanz, Ein durch und durch durchschnittliches LebenSobald man das Mittelmaß von etwas zu ermitteln versucht, treten die Extreme und Extravaganzen unkündbar in den Vordergrund. Ein durchschnittliches Leben zu ermitteln, führt in der Literatur verlässlich zu einem Heldenepos, in dem sich die Protagonisten nicht gegen ihre wahrhaftige Bedeutung zur Wehr setzen können.

Wolfgang Pollanz beschreibt im Duktus einer Autobiographie das Leben in Österreich, wie es ein vermeintlich durchschnittlicher Protagonist auf dem steirischen Lande von den 1950er Jahren bis herauf in die Gegenwart geführt haben könnte. Denn obwohl alles mit dem Selbstbewusstsein eines Schelmenromans erzählt ist, wird für den Musiker und Schriftsteller Wolfgang Pollanz das eigene Leben wie von selbst zur eigenständigen Literatur, die sich quasi zu einem individuellen Genre entwickelt hat.