Janus Zeitstein, Auf Marterpfaden
Zuerst liest man aus einer vagen Erinnerung heraus von einem Marterpfahl, aber dann schärft sich der Blick nach und es löst sich der Begriff „Auf Marterpfaden“ vom Cover.
Janus Zeitstein spielt in seinen 28 Erzählungen kunstvoll mit diesem Nachjustieren der Wörter, dem Nachsetzen des Blicks und dem Nachfassen auf eine Formulierung. Mit dieser Methode bleiben die Dinge immer in Schwebe, aber sie lassen sich geduldig aus verschiedenen Blickwinkeln erfassen, und das Geschaute ist in jenem Augenblick wahr, an dem man mit dem Schauen aufhört.
„Für die alten Griechen hatten die Naturgewalten sowie Erde und Himmel die Gestalt von Göttern. Die ersten Götter, die sogenannten Urgötter, entsprangen dem Chaos und erschufen später die Riesen und Titanen. Laut dem griechischen Dichter Hesiod gab es zu Beginn der Zeit nichts als eine formlose und unendliche Leere, die Chaos genannte wurde. Aus dieser instabilen Kraft entstanden die Göttin Nyx und ihr Bruder Erebos als dunkle Wesen.“ (S. 10)
Ein Schwenk durch die Familiengeschichte gleicht oft einer Dokumentation von Lost Places – unter einer friedlichen Decke aus bunter Vegetation schlummern die brutalen Fundamente einer schaurigen Installation.
„Hallo zusammen, ich begrüße euch zu diesem WAHNSINNIG SPANNENDEN Buch zum Thema GRÖSSE. AUFGEREGT? ALSO ICH SCHON! Als erstes brauchen wir ein paar Helfer … MARCEL! STEVE! Ihr werdet das ganz toll machen. Wir sagen den beiden schon mal DANKE. DANKE, Marcel. DANKE, Steve. Und los geht’s!“
„Große Teile dieser Linken haben sich spätestens seit dem 7. Oktober inhaltlich und ideologisch verrannt. Sie haben sich selbst verraten. Wo sind sie bloß falsch abgebogen? Oder tickten sie schon immer so und haben jetzt endlich den Mut, das sagen zu dürfen, woran sie immer glaubten?
„Florentin seufzte, und er ging nachsehen, was den Kater so nervös machte. Es war ein kleines Mädchen. Sie lag zwischen den duftenden Minzblättern, schlief ruhig und umarmte einen rötlichen Stängel der Pflanze. Alles deutete darauf hin, dass das Mädchen … über Nacht an dem Stängel gewachsen war. Florentin stand eine Weile wie angewurzelt da und betrachtete das Mädchen.“ (S. 10 f)
Das ideale Buch ist eine Insel. Alle Träume sind darin aufgeschrieben. Die Welt ist draußen und abgeklemmt. Alles Wichtige ist da und kann zu Fuß erreicht werden. Was man richtig aufschreibt, wird zur Wirklichkeit.
„Die Dashwoods waren eine alteingesessene Familie in Sussex. Sie hatten ein großes Besitztum und wohnten auf Norland Park inmitten ihrer Ländereien, wo sie seit vielen Generationen ein so achtbares Leben geführt hatten, dass sie im ganzen Bekanntenkreis in hohem Ansehen standen“ (Verstand und Gefühl, S. 9)
Tiroler gelten als Tiefwurzler, weil sie mitten in Europa verankert sind! Und obwohl in Nord- und Südtirol zweimal im Jahr massenhaft Orden über bemerkenswerte Personen ausgeschüttet werden, sind es dann immer nur wenige Solitäre, die für eine Biographie zu Lebzeiten in Frage kommen.
„Den Blick fest auf den Horizont geheftet, macht Mika einige weitere Schritte. Wenn sie jetzt ausgleitet, kann sie sich nirgends festhalten, sie würde einfach das Blech hinunterrutschen und auf die Straße stürzen. Wenn sie Glück hätte und mit den Füßen zuerst aufkäme, würde sie vielleicht überleben. Aber wahrscheinlich wäre sie sofort tot. Das Gefühl von Freiheit lässt ihr das Blut in den Adern rauschen.“ (S. 5)