fiston mwanza mujila, tanz der teufelManchmal erzählt sich ein Roman von selbst, indem er sich zu Beginn als Stück Landkarte zeigt, worin alles eine Stimme hat. Schon das erste Abtasten dieser Karte mit einem kalten Lesefinger lässt den Text aufwallen: Hier erzählen Hitze, aufsteigende Blasen, wabernde Lava, einstürzende Minen und aufgewühlte Menschen von der Geschichte der Kolonialisierung und um ihr Leben.

Fiston Mwanza Mujila, der schon lange in Graz lebt, ist etwas verrückt Schönes gelungen. Er hat mit „Tanz der Teufel“ einen österreichischen „Zaire“-Roman geschrieben. Der brodelnde Kessel ist auf zwei Herdplatten in Angola und der Demokratischen Republik Kongo aufgestellt und heiß gemacht. Die einzige Information die der europäische Leser aus dieser Konstellation ins Bewusstsein überleitet, ist ein Gefühl für unermessliche Größe, entkoppelte Peripherie, Dschungel und Bergbau und für ein eigenes Gesetz, das vielleicht über Musik verlautbart wird. Zaire ist dabei als kultureller Überbegriff zu verstehen.

sam thompson, der junge, der mit den wölfen spricht„»Ich habe das Gefühl, du hast das Tier gesehen, das wir suchen«, sagte Reynard. »Und ich glaube, du wirst uns helfen.« Silas antwortete nicht. Er war ein wenig überrascht, dass der Fuchs sprach, aber nicht so sehr, wie ihr vielleicht denkt. Ein sprechender Fuchs wirkte gar nicht so seltsam, wenn er direkt vor einem saß und einen aus freundlichen goldenen Augen anschaute.

Der junge Silas hat Schwierigkeiten beim Sprechen, wenn er aufgeregt ist und wird deshalb von Richie Long und dessen Freunden als „Stiller“ gehänselt und regelmäßig auf dem Schulhof gemobbt. Silas geht daher am liebsten seiner eigenen Wege, bis eines Tages auf dem Weg in die Schule ein Wolf vor ihm steht.

martin maier, oder soWahrscheinlich die diskreteste Relativierungsformel der deutschen Sprache heißt „oder so“. Wird dieses magische Zeichen für Mehrdeutigkeit einer Behauptung hintangestellt, so schwächt sie einerseits das Behauptete ab, indem etwas gar nicht so klar sein möchte, andererseits bekommen die verwendeten Begriffe Konkurrenz, es kann etwas „gefährlich sein oder so“, der verwendete Begriff könnte durchaus ersetzt werden.

Martin Maier überschreibt seine knapp fünfzig Texte mit diesem „oder so“ und lässt dabei das Genre offen. Manchmal glaubt man eine Parabel zu erkennen, wie sie in der Literaturgeschichte Franz Kafka mit seinem „Gibs auf“ vorgelegt hat, ältere Leser werden an Bert Brecht und seine „Keunergeschichten“ erinnert sein, wenn sich nach einer rätselhaften Problemstellung eine Art didaktischer Ausweg anbietet. Manches ist einfach eingedampfte Performance eines verschwundenen Alltags, und Anhänger des Bildes von der Doppelhelix in biologischen Zellen schwärmen von der Verschränkung, mit der Konnotation und Denotation sich in den Armen liegen.

grimms märchen„Es war vielleicht gerade Zeit, diese Märchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltener werden. […] Wir wollen in gleichem Sinne diese Märchen nicht rühmen oder gar gegen eine entgegengesetzte Meinung verteidigen: ihr bloßes Dasein reicht hin, sie zu schützen.“ (S. 8 f)

Die Märchen der Gebrüder Grimm sind schon längst allgemeines Kulturgut und Teil der Weltliteratur. Diese Neuauflage aus dem Anaconda Verlag bietet eine vollständige Ausgabe von 158 Märchen der Gebrüder Grimm aus den Jahren 1812 und 1815.

tom zürcher, liebe rockDer gute Dichter textet alles, was das Leben von ihm verlangt. Tom Zürcher hat diese literarische Hauptaussage vorsorglich in die eigene Biographie verlagert. Dort ist sie auch dann noch von Nutzen, wenn sich ein Buch mit all seinen Weisheiten nicht am Literaturmarkt bewähren sollte. Und diese literarische Programmatik bringt zudem den gegenwärtigen Literaturbetrieb auf den Punkt.

Im Sinne der Postmoderne muss der Leser mitmachen und die finale Ordnung der Lektüre besorgen, der Autor bringt das Knowhow aus der Szene der Literaturhäuser und Schreibwerkstätten mit, und die überschaubar wenigen Figuren sind aus den Verlagskatalogen abgeschrieben, wo sie die Felder Kindheit, Erziehung, Liebe, Hund, Behinderung abdecken. Und es gibt keinen Unterschied zwischen der schreibenden Figur, dem Leser und dem abgedruckten Portfolio an Handlungen und Gesprächen.

carsten steenbergen, Florance Bell und die Melodie der Maschinen„Zitternd bewegte sich die Zange durch die Vibration aus ihrer Reichweite. In diesem Moment überschritt der Druck die kritische Grenze. Metall verbog sich und riss auf, der Lärm wurde ohrenbetäubend. »Raus da, Florance!«, brüllte Monsieur Pignon. »Der Verteiler ist nischt mehr zu retten! Er wird gleisch explodieren!«“ (S. 13)

In dieser fiktiven Geschichte im historischen Ambiente des Jahres 1820 hat Kaiser Napoleon Bonaparte den Krieg gewonnen und regiert über England. Der englische König George IV. hat abgedankt und befindet sich im Hausarrest. Doch der Widerstand gegen die französischen Machthaber ist noch nicht beendet.

elke steiner, die frau im atelierKünstler müssen nicht unbedingt ein Werk abliefern, um zumindest für die Steuer als solche gewürdigt zu werden. Ohne ihr Zutun entwickeln sie sich manchmal zu Inszenierungs-, Konzept- oder Hungerkünstlern.

Elke Steiner zeigt in ihrem Künstler-Roman „Die Frau im Atelier“ einen etwas von der Welt abgekapselten Maler, der zudem alles auf die lange Bank schiebt. Als Fachausdruck bietet sich der Ausdruck Verdrängungskünstler an, oder, wie im Roman direkt angesprochen, Prokrastinations-Maler.

ralph casper, milla und die sehr gefräßige schule„Milla hat schlechte Laune. sie sitzt am Frühstückstisch und matscht mit dem Löffel durch ihr Müsli. Sie ist sechs Jahre alt und erst vor Kurzem eingeschult worden. Warum hat sie schlechte Laune? Sie will nicht zur Schule gehen.“ (S. 6f)

Mila geht in den Kindergarten und besucht den Schnuppertag der Schule, die sie im Herbst besuchen wird. Mila ist von dieser Idee alles andere als begeistert, vor allem, weil ihr die Schule einen sehr merkwürdigen Eindruck macht, in der einiges nicht mit rechten Dingen vorzugehen scheint.

kathlee stock, material girls„In diesem Buch geht es um Geschlecht und diese mysteriöse Sache, die als Gender bekannt ist. Es handelt davon, wie im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts – recht überraschend – eine philosophische Theorie über etwas namens gender identity, »Geschlechtsidentität«, das öffentliche Bewusstsein ergriff, die britischen und internationalen Institutionen erheblich beeinflusste sowie Proteste und sogar Gewalt hervorrief.“ (S. 7)

Kathleen Stock, die als Professorin an der englischen Universität Sussex unterrichtet hat und selbst Opfer transaktivistischer Anfeindungen geworden ist, analysiert die unterschiedlichen Theorien, in denen das Geschlecht eines Menschen als eine Frage der Geschlechtsidentität verstanden wird. Dabei geht sie systematisch der Geschichte und Widersprüche dieser Theorien nach und zeigt die negativen Auswirkungen vor allem für Frauen auf.

max von thun, der sternenmann„Auf einem winzig kleinen Planeten, in einer weit entfernten Galaxie, steht das Häuschen von Sternenmann. Tagsüber schläft der Sternenmann. Aber sobald es dunkel wird, steht der kleine Mann auf und macht sich bereit, die Sterne zum Leuchten zu bringen und am Abendhimmel zu verteilen.“

Gemeinsam mit seinem Hund Carlchen macht sich der Sternenmann mit seinem von den Schafen Willi und Walli gezogenen Himmelswagen auf den Weg, um den dunklen Himmel zu erleuchten.