Belletristik und Sachbücher

Ewald Baringer, Stunde der Wintervögel

h.schoenauer - 23.09.2026

Ewald Baringer, Stunde der WintervögelDas Unerfüllbare / fülle ich / mit Unerfüllbarem. (16) ‒ Selten ist die Absicht der Lyrik so klar formuliert wie in der „Stunde der Wintervögel“. Dieser magische Titel kreist scheinbar um das gängige Hauptmotiv der Gegenwartslyrik, den Vögeln, in Wirklichkeit aber ist ein poetischer Teppich über das Land gelegt, aus dem wie in alten Zeiten des Teppich-Klopfens Gebrauchspartikel der unmittelbaren Gegenwart geschüttelt werden.

Ewald Baringer spannt zu Beginn mit seinem Text über die kunstsinnige Stadt Soltau seinen lyrischen Kosmos aus, worin die einzelnen Bilder als individuelle Puzzleteile ineinander gesteckt sind und am Ende ein beiläufig episch breites Bild ergeben.

Manfred Moser, Sprachmann

h.schoenauer - 21.09.2026

Manfred Moser, SprachmannGegen Jahresende greift man die Bücher mit besonderer Ehrfurcht an, allzu oft überfällt einen dabei das letzte Aufzucken einer Epoche, von der man noch einen Zipfel Aktualität ergattert.

Beim Sprachphilosophen Manfred Moser ist diese Eile nicht vonnöten. „Wir kommen immer zu spät“ heißt es im Vor-Spruch zum Roman „Sprachmann“. Dieses Buch ist gleichzeitig sein Vermächtnis, an dem er wohl über Jahrzehnte gearbeitet hat. Folglich liegt der Roman dick in den Händen wie sonst „Der Mann ohne Eigenschaften“, dessen Autor Robert Musil zumindest die ersten Lebensmonate in der Nähe eines Grundstücks verbracht hat, auf dem später die Uni Klagenfurt hochgezogen worden ist. Logischerweise wurde „Sprachmann“ im Dezember 2025 im Musil-Institut am Hauptbahnhof vorgestellt.

Alexander Kluy, Der Bleistift

h.schoenauer - 18.09.2026

Alexander Kluy, Der BleistiftDer Bleistift hat es geschafft – er ist von einem Alltagsgegenstand zu einem Kultgerät geworden. Schriftsteller und Zeichner betreiben Podcasts und Foren, um sich über neueste Rituale rund um den Bleistift zu informieren.

Alexander Kluy schöpft bei seiner „kleinen Kulturgeschichte“ über den Bleistift aus dem Vollen. Als Verfasser zahlreicher Schriftsteller-Biographien stößt er immer wieder auf Künstler, die das Schreiben geradezu kultisch betreiben, indem sie rund um den Bleistift eine magische Aura aufbauen.

Cornelius Hell, Lesezeichen & Lebenszeiten

h.schoenauer - 16.09.2026

Cornelius Hell, Lesezeichen & LebenszeitenWie Lymphe ist in der Literatur neben den Texten ein zweiter Kreislauf angelegt, gleichsam ein Immun- und Heilsystem, worin all die Rezensionen und Lebenserfahrungen beim Lesen als echte Bücher vertrieben werden. Es macht nämlich einen profunden Unterschied, ob die Begleitliteratur knapp an der Grenze zum Alltagsgeschehen publiziert wird oder als Fließtext, der sich quasi über das Leben der Rezensierenden spannt.

Cornelius Hell nennt sich selbst einen öffentlichen Leser, sein literarisches Leben lang nämlich ist er unterwegs, im öffentlichen Raum über Presse und Rundfunk den Diskurs über das Leben am Laufen zu halten. Was dabei in seinem Lektüre-Inneren vorgeht hat er in einem dichten Band mit den vier Begriffen zusammengefasst: Lese-Zeichen-Lebens-Zeiten.

Peter Sloterdijk, Der Kontinent ohne Eigenschaften

Andreas Markt-Huter - 14.09.2026

Peter Sloterdijk, Der Kontinent ohne Eigenschaften„Unter all den Vorwürfen, die gegen das seltsame politische Gebilde namens Europa und seine Bewohner in jüngeren Tagen laut geworden sind, […] dürfte der mildeste jener sein, wonach es durch seine telefonische Unerreichbarkeit auffalle. Man hat dem altgedienten, im November 2023 verstorbenen Politologen Henry Kissinger, einem vormaligen Außenminister der USA, das Scherzwort zugeschrieben, er wisse nicht, welche Nummer er wählen könnte, falls er Europa an die Leitung bekommen wollte.“ (S. 9)

Peter Sloterdijk geht der tiefgründigen Frage nach, was „Europa“ in seinem Fundament, in seiner Identität eigentlich ausmacht. Ausgehend von der historischen Entwicklung Europas, werden die grundlegenden religiösen, moralischen und sozialen Werte Europas analysiert und die historischen und gegenwärtigen Herausforderungen aufgezeigt und in einer Zeit, in der sich Europa seiner eignen Grundlagen und Eigenschaften unsicher geworden ist, kritisch diagnostiziert.

Julian Sharp, Dahinter

h.schoenauer - 04.09.2026

Julian Sharp, DahinterIm Daumenkino wird mit dem Daumen ein Packen Papier durchgeblättert, auf dem wie durch die Kader eines Filmes minimale Bewegungsabläufe sichtbar werden. Julian Sharp greift für seine Erzählung „Dahinter“ diese Idee auf, nur dass bei ihm die Bewegung existenziell sichtbar wird. Statt der gezeichneten Bilder verwendet er monomane Sätze, die die erzählte Geschichte wie die Spitzen einer Choreographie sichtbar werden lassen.

Als literarisches Ur-Muster dieses knapp siebzig Seiten langen Textes dient Rilkes Klassiker „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, der in das pure Pochen des Blutdrucks mündet: „Reiten reiten reiten“.

Stefan Soder, Schorsch

h.schoenauer - 21.08.2026

Stefan Soder, SchorschWenn die Stimmung im Land wieder einmal bedrückend wird, hilft manchmal ein Roman nach der Vorlage von Kleists Michael Kohlhaas, damit man sich mit dem Helden identifizieren, mit ihm kämpfen und mit ihm in Würde untergehen kann.

Stefan Soder stiftet der Literatur mit dem „Schorsch“ einen sympathischen Helden, der in einer Welt des wirtschaftlichen Umbruchs mit der bewährten Tradition des Bauer-Seins Schiffbruch erleidet. Der Plot ist speedy wie das Netz, ständig zweigen aus dem Hauptstrang elementare Reibereien ab, die den Roman in seiner Dramaturgie bald zu einem gedachten Film werden lassen, den weder Personal noch Regie stoppen können.

Oren Kessler, Palästina 1936

Andreas Markt-Huter - 12.08.2026

Oren Kessler, Palästina 1936„Mein Ziel ist es, die erste umfassende, sorgfältig recherchierte, aber allgemein verständliche Geschichte des Großen Aufstands zu schreiben: eine Schilderung des Aufstands selbst, seiner Auswirkungen auf die jüdischen und arabischen Nationalbewegungen Palästinas, der geopolitischen Maßnahmen, die er auslöste, und seines anhaltenden Vermächtnisses.“ (S. 13)

Der Nahostkonflikt hat eine lange Geschichte, der Anfänge mehr als einhundert Jahre zurückreichen und im Jahr 1936 mit dem großen Aufstand einen ersten Höhepunkt erreichen. Dennoch ist dieser Aufstand durch die Ereignisse rund um die Staatsgründung Israels und den ersten arabisch-israelischen Krieg 1948 weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei bilden die Ereignisse rund um den Aufstand 1936 einen zentralen Meilenstein in der Bildung einer israelischen und der palästinensischen Nationalbewegung.

Simon Loidl, Der Weg zum Zirkus

h.schoenauer - 03.08.2026

Simon Loidl, Der Weg zum ZirkusEin echter Zirkus verwandelt jene Glücksvorstellungen, die im Laufe einer Kindheit aufgekeimt sind, in raren Fällen bei Erwachsenen zu einem realen Paradies. Der Weg zum Zirkus ist jedenfalls wie die meisten Bildungswege holprig und absonderlich.

Simon Loidl erzählt in seinem Roman „Der Weg zum Zirkus“ von zwei Alltagshelden, die ihr Glück durch Verschwinden und Beobachten des Verschwindens einhegen. Daniel, der Angestellte einer antiquarischen Buchhandlung, bemerkt eines Tages, dass sein Jugendfreund Markus verschwunden ist.

Raimund Schulz, Odysseus - Mythos und Wahrheit

Andreas Markt-Huter - 15.07.2026

Raimund Schulz, Odysseus - Mythos und Wahrheit„Im epischen Schicksal des Odysseus bündeln sich somit wie in einem Prisma von zwei Seiten wertvolle Informationen: vornehmlich aus der Zeit des Dichters, aber sicherlich auch vage Kunde von einem Mann, der einst Erinnerungswürdiges getan hatte. Aus dem episch verklärten Ensemble Historisches herauszukristallisieren und das Leben des Helden vor dem Hintergrund dieser Bezüge nachzuzeichnen, ist eine mögliche und wichtige Aufgabe und Ziel dieses Buches.“ (S. 16)

Die Odyssee zählt neben der Ilias zum ältesten literarischen Denkmal der europäischen Literatur und hat bereits in der Antike auf zahlreiche Kulturen in Griechenland und später in Rom ausgestrahlt. Damit zählt auch der große Held des Epos zu jenen großen, anregenden Figuren, der nichts an Ausstrahlungskraft verloren hat und in literarischen Werken und Filmen aber auch im Bereich der bildenden Kunst bis in die Gegenwart immer wieder neu thematisiert wird.