Erika Wimmer Mazohl, Geburt. Öl
Lyrik klärt die Dinge durch Mehrdeutigkeit, womit sie der Wahrheit oft näher kommt als der scheinbar eindeutige Schnappschuss. ‒ Allein schon die Verbindung der Begriffe Geburt und Öl lässt ganze Kosmologien rund um das Leben entstehen, und sei es nur durch die Verknüpfung individuellen Lebens mit dem großen Schmiermittel unserer Zeit, dem Öl.
Der Gedichtband „Geburt. Öl“ von Erika Wimmer Mazohl fußt auf drei Erkenntnisebenen.
Die Nachspielzeit zieht meist ein Gefühl der Unzufriedenheit hinter sich her: Ein Match konnte zur regulären Zeit nicht bewältigt werden und musste in eine Nachspielzeit, das Vorspiel einer erotischen Aktion war nicht erfolgreich, sodass es ein Nachspiel hat, und auch historische Aktionen haben selten den gewünschten Erfolg und ziehen böse Folgen als Nachspiel nach sich.
Ein kluger Titel verkündet das Programm, indem er zum Unterschied von Werbebotschaften einfach neugierig macht. Die mehrfach sinnverknüpfte Anordnung der drei Wörter „Alles“ / „Aus“ / „Reden“ lässt das Leseauge gleich die Begriffe Ausreden und Reden zusammenziehen, ehe im Untertitel der Begriff „Jahrzweit“ wieder zum Auseinanderlegen der Bedeutungsschattierungen zwingt. Gemeint sein könnte eine schlichte Übersetzung einer Biennale, wie sie in der Kunstszene öfters vorkommt, es könnte auch in der Hofrat-Sprache einen Gehaltssprung bedeuten oder gar die psychologische Ferndiagnose eines Zwiespalts, wenn eine gewisse „Entzweiung“ in der Luft liegt.
Ein fettes Buch gleicht in der Literatur im Idealfall einem Dom, an dem unaufhörlich gebaut wird. Im Alltag hingegen geht es bei diversen Gesprächen über Leibesfülle darum, den Umfang schön zu reden und auf ein medizinisch erträgliches Maß zurückzuschrauben.
Wenn sich Gedichte auf einen Erzähler einlassen, liegt ein Genrewechsel zwischen Lyrik und Prosa in der Luft.
Eine erregende Form von Lyrik befasst sich mit dem Verdichten von Philosophie, wobei die Fußnoten und Metaebenen zu dieser Theorie selbst zu Gedichten werden. Beim Projekt „Wüten im Symbolischen“, wie der Arbeitstitel des Unterfangens lautet, handelt es sich um eine deklariert künstlerische Arbeit mit Text, Bild und Form. Das Symbolische bedeutet jenen Raum, in dem wir zum Subjekt werden. „Es ist kein neutraler Raum, sondern ein Feld, in dem Macht, Begehren und Identität ständig verhandelt werden.“ (3)
„Frische, knusprige Brötchen zum Frühstück. Mal ehrlich, es gibt nichts Besseres. Aber während Bäcker die Nächte durcharbeiten, damit wir frisch gebackene Brötchen auf dem Frühstückstisch haben, wollen wir keine Minute zu früh aufstehen, aber trotzdem nicht darauf verzichten. Damit das problemlos klappt, gibt es genau dieses Rezept. Abends zubereiten, morgens nur noch formen und backen.“ (S. 64)
Was ist eigentlich mit Kafkas Lippenstift passiert? – Hatte er überhaupt einen, und wenn ja, gibt es ihn noch in einem Archiv?
Aria – etwas zwischen Luft und Lied. Denk dir, die Sonne war da, heißt es zudem im Eingangsspruch zu den Gedichten. Anne Marie Pircher lässt knapp siebzig Gedichte auffliegen aus ihrem Band, sie sitzen locker und springen aus dem Untergrund, dem Wetter, dem Gehölz heraus, oder versammeln sich vogelähnlich in der Windströmung, ehe sie sich dann zu einem lyrischen Motiv verklumpen und als Blatt zu Boden segeln.
Noch Generationen nach der sogenannten Option bricht in Südtirol an patriotischen Tagen die große Wunde auf: Wem gelingt die Heimat besser, den Dableibern oder den Weggehern?