Belletristik und Sachbücher

Erika Wimmer Mazohl, Geburt. Öl

h.schoenauer - 04.11.2026

Erika Wimmer Mazohl, Geburt. ÖlLyrik klärt die Dinge durch Mehrdeutigkeit, womit sie der Wahrheit oft näher kommt als der scheinbar eindeutige Schnappschuss. ‒ Allein schon die Verbindung der Begriffe Geburt und Öl lässt ganze Kosmologien rund um das Leben entstehen, und sei es nur durch die Verknüpfung individuellen Lebens mit dem großen Schmiermittel unserer Zeit, dem Öl.

Der Gedichtband „Geburt. Öl“ von Erika Wimmer Mazohl fußt auf drei Erkenntnisebenen.

Mariusz Lata, Nachspielzeit

h.schoenauer - 02.11.2026

Mariusz Lata, NachspielzeitDie Nachspielzeit zieht meist ein Gefühl der Unzufriedenheit hinter sich her: Ein Match konnte zur regulären Zeit nicht bewältigt werden und musste in eine Nachspielzeit, das Vorspiel einer erotischen Aktion war nicht erfolgreich, sodass es ein Nachspiel hat, und auch historische Aktionen haben selten den gewünschten Erfolg und ziehen böse Folgen als Nachspiel nach sich.

Mariusz Lata kümmert sich freilich um die persönliche Nachspielzeit, die verschiedene Aktionen nach sich ziehen, in der Hauptsache sind es Nachspiele der verkaterten Art, wenn eine bacchantische Orgie ungeahnte Folgen nach sich zieht.

Friedrich Hahn, Alles Aus Reden

h.schoenauer - 30.10.2026

Friedrich Hahn, Alles Aus RedenEin kluger Titel verkündet das Programm, indem er zum Unterschied von Werbebotschaften einfach neugierig macht. Die mehrfach sinnverknüpfte Anordnung der drei Wörter „Alles“ / „Aus“ / „Reden“ lässt das Leseauge gleich die Begriffe Ausreden und Reden zusammenziehen, ehe im Untertitel der Begriff „Jahrzweit“ wieder zum Auseinanderlegen der Bedeutungsschattierungen zwingt. Gemeint sein könnte eine schlichte Übersetzung einer Biennale, wie sie in der Kunstszene öfters vorkommt, es könnte auch in der Hofrat-Sprache einen Gehaltssprung bedeuten oder gar die psychologische Ferndiagnose eines Zwiespalts, wenn eine gewisse „Entzweiung“ in der Luft liegt.

Ein konkretes „Lyrikprogramm“ lässt sich aus dem ersten Gedicht herauslesen, das sich als didaktische Ermunterung empfinden lässt, sich auf die Gedichte, Ausreden und Zeitsprünge genauer einzulassen.

Klaus Ebner, GLUT / Roman und Reflexion

h.schoenauer - 28.10.2026

Klaus Ebner, GLUT / Roman und ReflexionEin fettes Buch gleicht in der Literatur im Idealfall einem Dom, an dem unaufhörlich gebaut wird. Im Alltag hingegen geht es bei diversen Gesprächen über Leibesfülle darum, den Umfang schön zu reden und auf ein medizinisch erträgliches Maß zurückzuschrauben.

Ein Bibliothekar wird bei seiner Arbeit als Ombudsmann für die Leser beide Aspekte im Auge haben:
a) Grenzenlose Bewunderung für ein haptisch, zeitlich und thematisches Projekt, und
b) Maßnahmen, wie man dieser Masse und Menge begegnen kann, bis hin zur Magenverkleinerung fürs Lesen.

Daniela Chana, Affäre mit einem Erzähler

h.schoenauer - 26.10.2026

Daniela Chana, Affäre mit einem ErzählerWenn sich Gedichte auf einen Erzähler einlassen, liegt ein Genrewechsel zwischen Lyrik und Prosa in der Luft.

Daniela Chana erweckt ihre Gedichte fallweise als Personen zum Leben, die miteinander kommunizieren können. So gibt es die sonst menschlichen Facetten zwischen Liebe, Eifersucht und Ignoranz plötzlich auch zwischen den Texten. Das Programm dieser Lyrik ist im Begleittext zur „Affäre mit einem Erzähler“ angeschoben: Für die Presse schreibt sie [Daniela Ghana] regelmäßig Essays über Themen des Alltags und der Literatur.

Eleonore Weber, Und wir sind sie. And us are them

h.schoenauer - 23.10.2026

Eleonore Weber, Und wir sind sie. And us are themEine erregende Form von Lyrik befasst sich mit dem Verdichten von Philosophie, wobei die Fußnoten und Metaebenen zu dieser Theorie selbst zu Gedichten werden. Beim Projekt „Wüten im Symbolischen“, wie der Arbeitstitel des Unterfangens lautet, handelt es sich um eine deklariert künstlerische Arbeit mit Text, Bild und Form. Das Symbolische bedeutet jenen Raum, in dem wir zum Subjekt werden. „Es ist kein neutraler Raum, sondern ein Feld, in dem Macht, Begehren und Identität ständig verhandelt werden.“ (3)

Eleonore Weber beruft sich in dieser raffinierten Arbeit „Und wir sind sie“ häufig auf Lacan, der als Quelle, Zitat und sogar Gott überraschend auftauchen darf. Der Titel lässt sich prima vista als Anwendungsformel deuten: Wir Subjekte sind das, was in der Sprachbeschreibung als „sie“ einen Platzhalter gefunden hat.

Marian Moschen, Brot für jeden Tag

Andreas Markt-Huter - 21.10.2026

Marian Moschen, Brot für jeden Tag„Frische, knusprige Brötchen zum Frühstück. Mal ehrlich, es gibt nichts Besseres. Aber während Bäcker die Nächte durcharbeiten, damit wir frisch gebackene Brötchen auf dem Frühstückstisch haben, wollen wir keine Minute zu früh aufstehen, aber trotzdem nicht darauf verzichten. Damit das problemlos klappt, gibt es genau dieses Rezept. Abends zubereiten, morgens nur noch formen und backen.“ (S. 64)

Es gibt wahrscheinlich wenig Befriedigenderes als sein eigenes Brot zu backen und gemeinsam mit anderen zu genießen. Marian Moschen bietet einen informativen Einblick in die Grundlagen des Brotbackens und zahlreiche verschiedene Rezepte, die vom Frühstückbrötchen, über das Kartoffelbrot bis hin zum Wurzelbrot und Roggenvollkornbrot reichen.

Bastian Schneider, Umschreibung

h.schoenauer - 19.10.2026

Bastian Schneider, UmschreibungWas ist eigentlich mit Kafkas Lippenstift passiert? – Hatte er überhaupt einen, und wenn ja, gibt es ihn noch in einem Archiv?

Bastian Schneider erzählt während der Vorstellung seines Romans „Umschreibung“ unbekümmert von einem Spaziergang vor Jahren, auf dem ihm diese Fragen eingeschossen sind. Als professioneller Schriftsteller hat er beschlossen, zuerst den Roman auszuführen und erst dann zu überlegen, ob es dafür überhaupt ein Publikum braucht. Was auf den ersten Blick wie eine Marotte des Literaturbetriebs wirkt, nämlich dass jemand seine Gedanken beim Spazierengehen füttert, ist wahrscheinlich das größte Motiv für das Schreiben überhaupt: Die Schreibenden müssen es einfach herauslassen, ob es dafür ein Publikum gibt oder nicht.

Anne Marie Pircher, Aria

h.schoenauer - 16.10.2026

Anne Marie Pircher, AriaAria – etwas zwischen Luft und Lied. Denk dir, die Sonne war da, heißt es zudem im Eingangsspruch zu den Gedichten. Anne Marie Pircher lässt knapp siebzig Gedichte auffliegen aus ihrem Band, sie sitzen locker und springen aus dem Untergrund, dem Wetter, dem Gehölz heraus, oder versammeln sich vogelähnlich in der Windströmung, ehe sie sich dann zu einem lyrischen Motiv verklumpen und als Blatt zu Boden segeln.

Als Gliederung und Orientierungsbojen sind vier Vignetten eingelagert, die sich als fragile Naturmotive in den Text hineinschieben und als Geäst, Uferteich, Windblüten oder Zittergras Akzente setzen.

Gottlieb Pomella, Aufbrechen und bleiben

h.schoenauer - 14.10.2026

Gottlieb Pomella, Aufbrechen und bleibenNoch Generationen nach der sogenannten Option bricht in Südtirol an patriotischen Tagen die große Wunde auf: Wem gelingt die Heimat besser, den Dableibern oder den Weggehern?

Gottlieb Pomella gibt seinen elf Erzählungen die Überschrift „Aufbrechen und bleiben“, um die scheinbar unlösbare Frage aufzulösen, die Jahrzehntelang allzu dichotomisch diskutiert worden ist. Dem Buch hat er ein aufwühlendes Motto der türkisch-deutschen Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar vorangestellt: „Wenn man von seinem eigenen Land einmal weggegangen ist, dann kommt man in keinem neuen Land mehr an. Dann werden nur manche besondere Menschen dein Land.“