Belletristik und Sachbücher

Bernd Schuchter, Kleiner Atlas der nie geschriebenen Bücher

h.schoenauer - 20.10.2025

Bernd Schuchter, Kleiner Atlas der nie geschriebenen BücherSelbstverständlich erwarten wir in der Geruchskultur, dass Parfum in Flacons abgefüllt ist und nicht im Tetrapack. In der Lesekultur freilich muten wir uns ständig lieblos abgefüllte Massenware zu, die wir in Files herumschicken oder uns als Paperback an den Kopf werfen.

Bernd Schuchter kümmert sich als Verleger darum, die hohe Kunst der Buchkultur wenigstens in raren Exemplaren am Leben zu erhalten. Mit seinem „Atlas der nie geschriebenen Bücher“ geht er zudem der These nach, wonach das Handwerk des Schriftstellers die Fiktion ist. Daraus resultiert auch das Bonmont, dass die sogenannte Literaturgeschichte insgesamt erfunden ist. Im Zeitalter der Fake-News sollte man die Unwahrscheinlichkeit von Geschichten vielleicht Flunkerei nennen, sie ist das Fundament für jede tragfähige Geschichte.

Werner Schandor, Die Sterne sehen heut‘ sehr anders aus

h.schoenauer - 17.10.2025

Werner Schandor, Die Sterne sehen heut‘ sehr anders ausEin mitreißendes Buch erkennt man nach gängiger Bibliothekskunde daran, dass die Leser während der Lektüre aufspringen und Bewegungen der Verzückung, Entspannung oder Ekstase ausführen. Werner Schandor berichtet mit seinem „Sternchen-Buch“ vom mitreißenden Abenteuer Sprache, das die Menschen immer dann in den Bann zieht, wenn sich niemand mehr auskennt, weil sich ein Trend verselbständigt hat.

Der Untertitel „Genderfolklore und Medienklischees“ deutet bereits die Methode an, mit der man dem großen Verwirrspiel beim gender-gerechten Sprechen entgegentreten könnte: Mit Kabarett-Dramaturgie nämlich.

Christine Hochgerner, Aus der Spur

h.schoenauer - 15.10.2025

Christine Hochgerner, Aus der SpurAuf der Suche nach dem Sinn des Lebens kreuzen sich meist zwei Denkschulen. Nach der einen geht es darum, seiner eigenen Spur aus Bildung, Lebensplanung und Glücksaufbereitung möglichst unbeirrt treu zu bleiben, die andere spricht davon, dass man seine eigene Spur verlassen muss, um quasi vom Zufall unterstützt die wahre Richtung zu finden, die einem guttut.

Christine Hochgerner mischt in ihrem Roman „Aus der Spur“ eine Handvoll Menschen zusammen, die es rund um den Ruhestand noch einmal ordentlich aus der Spur weht. Die Hauptlast des Erzählstrangs trägt dabei die katholisch geprägte Hedwig, bei der sich nach dem Tod ihres Mannes noch einmal die Fenster für ein neues Leben auftun. Ihr Name konnotiert, dass sie als knapp Sechzigjährige eine Kohorte vertritt, die in einem festen Koordinatensystem an Sozialisation herangereift ist. So landen wie von selbst die Schicksalsschläge der anderen Protagonisten bei ihr, gilt sie doch als stabile Seele in einem wackelig gewordenen Wertesystem.

Lucas Cejpek, Du siehst Gespenster und nichts in der Minibar

h.schoenauer - 13.10.2025

Lucas Cejpek, Du siehst Gespenster und nichts in der MinibarJeder aufregende Essay ist letztlich eingezwängt zwischen den Extrempositionen der Schwarzmalerei und der Abgeschnittenheit vom erhellenden Stoff.

Lucas Cejpek verpackt diese Beklemmung in einen wunderbaren Titel. Einerseits wird die Schwarzmalerei relativiert mit der landläufigen Fügung „Du siehst Gespenster“, andererseits wird die desaströse Stimmung angesprochen, wenn im Hotelzimmer zwar der Kühlschrank brummt, aber nichts in der Minibar ist. Wie soll das Individuum etwas Vernünftiges denken, wenn es vom Stoff abgeschnitten ist?

Ilse Kilic, Alter Ego. Mutprobe mit Zugaben

h.schoenauer - 10.10.2025

Ilse Kilic, Alter Ego. Mutprobe mit ZugabenUm sensible Daten aus dem Inneren einer Figur herauszukriegen, bieten sich zwei bewährte Methoden an: der Innere Monolog und das Alter Ego.

Ilse Kilic verwendet den Kunstgriff mit dem Alter Ego ironisch und setzt den Begriff wie in einem Lehrbuch gleich in den Titel. Das Lehrbuch ist das Lieblingsgenre der Autorin, da lässt sich der Sachverhalt schön in logischen Portionen darstellen und mit spritzigen Zeichnungen unterlegen. Das Thema ist dieses Mal das Altwerden.

Julia Knopf / Eva Wagner (Hg.), Schriftspracherwerb und Digitalisierung. Band 2 Praxis

Andreas Markt-Huter - 08.10.2025

Julia Knopf / Eva Wagner (Hg.), Schriftspracherwerb und Digitalisierung. Band 2 Praxis„Der Praxisband, den Sie in Händen halten, […] skizziert […] Herausforderungen und Potenziale digitaler Medien im Schriftspracherwerb. Dazu wird unter anderem ein Blick in die aktuelle Schulpraxis geworfen und der Ist-Stand der Digitalisierung festgestellt. Auch eine Bestandsaufnahme digitaler Angebote nehmen wir vor, sodass ausgewählte Apps auf eine Eignung für den Schriftspracherwerb hin untersucht werden. Zudem werfen wir die Frage auf, wie hybride Lernsettings im Schriftspracherwerb aussehen können, und welche Potenziale sich hieraus ergeben.“ (S. 2)

Hat sich Band 1 „Schriftspracherwerb und Digitalisierung“ mit den theoretischen Grundlagen beschäftigt, steht im 2. Band die praktische Verwendung digitaler Medien für den Schriftspracherwerb im Mittelpunkt. Dabei widmet sich ein umfangreiches Kapitel mit verschiedenen digitalen Tool und Apps für das Lesen- und Schreibenlernen in der Grundschule.

Rhea Krčmářová, Tagebruch / Instant

h.schoenauer - 06.10.2025

Rhea Krčmářová, Tagebruch / InstantLyrik ist unter anderem ein Vorgang, der zu Gedichten führt. Die Manifestation als Gedichtband ist einerseits eine Aktualisierung, die sich bei jedem Aufschlagen des Bandes neu inszeniert, andererseits eine Konservierung einer Aktion für Büchereien und Archive.

Rhea Krčmářová nennt ihr Projekt, das aus dem Zusammenführen von Aktionismus, Bildgestaltung und dramaturgischer Analyse von Abläufen besteht: „Tagebruch / Instant“. Im Vorspann ist der Hinweis angefügt, dass es sich dabei um eine Kunstform handelt, wonach Texte „on the go“ ins Handy getippt werden, um gleich darauf auf Instagram zu erscheinen.

Francesco Gubert, Weiche Butter, raue Hände

h.schoenauer - 03.10.2025

Francesco Gubert, Weiche Butter, raue HändeIn den Alpen gibt es ein ständiges Ringen darum, welches A-Wort die Kinder als erstes aussprechen: Auto oder Alm. Beides sind mythologisch hinterlegte Glücksvorstellungen, die vor allem eins sind – ein Riesengeschäft.

Francesco Gubert steuert mit seinem Erfahrungsbericht „Weiche Butter, raue Hände“ eine rare Hintersicht auf den Mythos Alm bei. Vor Jahren hat er selbst als Saison-Senner Käse und Butter gemacht und auf das anvertraute Vieh geschaut. Sein Bericht ist im literarischen Ton eines geforderten Helden gehalten, der selbst nicht weiß, wie die Sache ausgeht.

Julia Knopf / Eva Wagner (Hg.), Schriftspracherwerb und Digitalisierung. Band 1 Theorie

Andreas Markt-Huter - 01.10.2025

Julia Knopf / Eva Wagner (Hg.), Schriftspracherwerb und Digitalisierung. Band 1 Theorie„Der Theorieband, den Sie in Händen halten, beleuchtet zunächst die Herausforderungen des Schriftspracherwerbs unter den Bedingungen der Digitalität. Er lädt Sie ein, die Schlüsselkompetenzen Lesen und Schreiben neu zu denken. Dabei widmen wir uns intensiv den Lernvoraussetzungen, frühen Sprach- und Schrifterfahrungen sowie der nach wie vor bedeutsamen Rolle des Handschreibens. Auch die Frage, wie wir Lernkräfte bestmöglich auf diese neuen Herausforderungen vorbereiten können, lassen wir nicht außen vor.“ (S. 2)

Im Mittelpunkt des Theoriebandes „Schriftspracherwerb und Digitalisierung“ steht die Frage, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Grundschulen und im speziellen auf den Schriftspracherwerb hat. Weiters wird den Fragen nachgegangen, welche Gefahren die Digitalisierung für die Entwicklung grundlegender Fähigkeiten bei den Jüngsten mit sich bringt? Aber auch wie die Lösung in einem ausgewogenen Ansatz liegen kann, der das Beste aus analoger und digitaler Welt miteinander vereint.

Sophie Reyer, Leerstellenkind

h.schoenauer - 29.09.2025

Sophie Reyer, LeerstellenkindEine leere Stelle kann durchaus schmerzen, bis sie mit einem Bindemittel ausgefüllt ist. Schreibende berichten vom Schmerz der leeren Seite, der so lange anhält, bis die erste Zeile geschrieben ist. Und aus der Pädagogik werden immer wieder Fälle berichtet, wonach ein Kind mit seiner Leere die Erziehenden geradezu zu Maßnahmen herausfordert, diese Leerstelle mit Sinn, Wünschen oder Gehorsam auszufüllen.

Sophie Reyer stellt mit der Figur des Leerstellenkindes ein unverbrauchtes lyrisches Ich vor, das sich mit der Welt auseinandersetzt, indem es verschiedene Füllpasten von Sinn ausprobiert.