Rudolf Kraus, wenn ich am morgen schon abends

h.schoenauer - 28.11.2025

Rudolf Kraus, wenn ich am morgen schon abendsLyrik ist immer auch eine Zeitmaschine, in den Gedichten geschieht geradezu selbstverständlich, dass etwas in die Zukunft gehoben wird, das noch gar nicht die Gegenwart erreicht hat. Rudolf Kraus überschreibt seine Gedichte mit dem schönen Zeitschieber-Satz: „wenn ich am morgen schon abends“. Das lyrische Ich scheint die Gedanken nachhaltig zu fassen, zumindest für einen ganzen Tag sollten sie Gültigkeit haben.

Mit dieser Tagesklammer zwischen „am Morgen und abends“ ist auch die Thematik abgesteckt, das lyrische Ich wirft den Tag an und lässt den Gedanken freien Lauf. In dieser lyrischen Zentrifugalkraft schleudert sich das Poetische erst in den Abend hinein, wodurch das Gedicht zu einem harmonisierenden Abschluss kommt.

Die knapp sechzig Gedichte sind als kurze, beinahe aphoristische Statements auf das Papier gesetzt, im Layout haben sie etwas von der visuellen Lyrik an sich. Man sieht quasi dem Entstehen zu, wenn graphische Zeichen sich über die Seite schlängeln wie eine Bakterienkultur in der Petrischale bei Idealtemperatur.

Der Beginn ist verlässlich märchenhaft und einladend: „es war einmal / winter // es schneit unaufhörlich // endlich / winter spüren // die worte werden kürzer / die abende endloser // an der eibe reiben / der schnee rieselt / macht dich / munter“ (9)

Diesem Startgedicht, mit dem eine wohldosierte Assoziationskette von lyrischen Einsprengseln im Alltag ausgelöst wird, ist ein passender Korken an das Ende gesetzt, der den poetischen Gärprozess unter Verschluss hält wie Wein im Fass.

„wenn am ende / nur ein gedicht / die seele eines menschen berührt / dann kann ich / mich ja in ruhe / verziehen“ (67)

Das Feld, auf dem die einzelnen Gedanken als Sämlinge ausgesetzt sind, wird emsig bewässert mit den wichtigen Themen unserer Existenz. Kindheit, Alleinsein, Verlust, Herbst, Versteck, Krach, Venedig, Frühstück, Sonntag im Februar sind so einige Erregungen, die aufpoppen und einen frischen Geruch hinterlassen wie animierte Luft nach einem Gewitter.

Rund um diese Anlässe ist vor allem Zeit angesiedelt, der Verlust von Zeitgefühl, das Unbarmherzige des Ablaufs, die melancholische Vergärung in Richtung Herbst.

„so vergehen / die tage achtlos / das leben tröpfelt / vor sich hin / keine liebste / die den tag versüßt // mein alter freund / herbst / ist angekommen“ (10)

In den Ablauf der Gedichte ist ein zweites Kunstwerk versteckt, es handelt sich um eine Hommage an Kurt Giovanni Schönthaler. Zum einen wird sein Porträt sinnlich umschrieben mit der Annotation „Zum Künstler“. Zum anderen wird der Gedichtband durch drei seiner epochalen Bilder gegliedert in die artifiziellen Zustände „achtlos“ (7), „vergessene steine“ (27) und „ruhe zuweilen“ (49). Diese Grundstimmungen sind wie Emoticons in pastösen Konturen ausgeführt. Achtlos bewacht eine abgedunkelt sitzende Person mit verschränkten Händen eine Pflanze im Hintergrund, unter dem Geäst eines von außen in das Bild wuchernden Baumes baut sich eine Drei-Strichlandschaft auf als „vergessene Steine“. Neben einem entrindeten Stamm säugt eine Wildmutter ihr Kleines und verströmt „Ruhe zuweilen“.

Das Werk im Werk ist als Projekt „Tausend Rosen“ ausgewiesen, durch den Tod des Künstlers ist es zu einem Nekrolog geworden. Gleichzeitig zeigt es „angewandte Kunst“, indem die Gedichte ein befreundetes Werk begleiten, während die Bilder oft die Gedichte erst auslösen.

Das Projekt der Zusammenarbeit gibt dem Buchtitel eine zusätzliche Schärfe. „wenn ich am morgen schon abends“ lässt erahnen, dass es die Tage sind, die unser Leben gestalten, und nicht das Leben, das Tage daraus macht.

Rudolf Kraus, wenn ich am morgen schon abends. Gedichte. Bilder
Wien: Verlagshaus Hernals 2025, 78 Seiten, 23,90 €, ISBN 978-3-903442-59-7

 

Weiterführende Links:
Verlagshaus Hernals: Rudolf Kraus, wenn ich am morgen schon abends
Wikipedia: Rudolf Kraus

 

Helmuth Schönauer, 28-09-2025

Bibliographie
Autor/Autorin:
Rudolf Kraus
Buchtitel:
wenn ich am morgen schon abends
Erscheinungsort:
Wien
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
Verlagshaus Hernals
Seitenzahl:
78
Preis in EUR:
23,90
ISBN:
978-3-903442-59-7
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Rudolf Kraus, geb. 1961 in Bad Fischau, ist Schriftsteller und Bibliothekar in Wien.

Kurt Giovanni Schönthaler, geb. 1963 in Wiener Neustadt, starb 2023 in Rohr/Gebirge.