Gesellschaft | Kultur

Michael Melville, Fallschirmseide

h.schoenauer - 02.10.2026

Michael Melville, FallschirmseideDürfen Widerstandskämpfer ihren Kampf als Abenteuer erleben, darin eine schöne Skitour einbauen und am Schluss gar heiraten?

Michael Melville lässt drei historisch belegte Helden am Ende des Weltkriegs auf die gute Seite der Geschichte fallen und mithelfen, die Stadt Innsbruck „unblutig“ an die Amerikaner zu übergeben. Die Fallschirmseide, mit der die Protagonisten über den Alpen abgesprungen sind, wird dabei zu einer Metapher für das Glück, wenn man daraus ein Hochzeitskleid macht. Der Roman ist daher in einen märchenhaft berührenden Rahmen eingehängt: Zeitgenossen besuchen in der Nähe von Innsbruck eine Zeitzeugin, die ihnen als Höhepunkt der Authentizität des Erzählten ihr Brautkleid zeigt, das aus Fallschirmseide genäht ist.

Heinz Kröpfl, Tollwut

h.schoenauer - 30.09.2026

Heinz Kröpfl, TollwutVielleicht sollte man es schlicht Tollwut nennen, was sich da auf engem Raum in einer Wohnsiedlung während eines Polizeieinsatzes abspielt.

Heinz Kröpfl lässt in bewährter sozial-chaotischer Manier verschiedene Kleinschicksale aufeinandertreffen und macht eine große Sache daraus. In einer Wohnanlage, die durchaus Elemente einer heißen Western-Kulisse in die Schwüle eines Samstagnachmittags aufragen lässt, kommt es zu einer Verdichtung der Gefühle bis hin zu Explosionsgefahr. Deeskalation ist nicht in Sicht, denn die beteiligten Helden können sich noch so bemühen, die Sache harmlos zu sehen, es steuert alles auf einen brutalen Klimax zu.

Bernhard Hüttenegger, Die Ameise Amelie

h.schoenauer - 28.09.2026

Bernhard Hüttenegger, Die Ameise AmelieMeist steckt eine doppelte Botschaft hinter dem sogenannten Spätwerk eines Autors. Einmal ist es die literarische Information, die von den Texten ausgeht, und zum anderen der späte Glanz, der beim Schreiben in jener Aura entsteht, in der eigentlich schon alles gesagt ist.

Bernhard Hüttenegger greift die Fabel als Erzählform ferner Kindertage auf, um mit einem abgeklärten Plot das erfüllte Leben eines nahezu bedeutungslosen Schicksals zu erzählen. Die Ameise ist eine treue Schicksalsgefährtin des Menschen, denn auch sie ist jeden Tag gefordert, zwischen individuellem Schicksal und Staatsauftrag hindurch zu lavieren.

Eric Erhardt, Im Klauhof

h.schoenauer - 25.09.2026

Eric Erhardt, Im KlauhofDie Literatur lässt die schöne Annahme zu, dass unendlich viele Welten ineinander gesteckt auf uns einwirken. Jede Welt, die wir aufrufen, begegnet uns mit eigener Sprache, die manchmal mit unserer Erfahrung zur Deckung gebracht werden kann, oft aber auch ein Eigenleben entwickelt, dem wir nur bedingt hinterher huschen können.

Eric Ehrhardt nimmt sich „Im Klauhof“ die Welt der Waren, des Scheins und der damit verknüpften Emotionen vor. Der „Roman“ handelt von „Warenbegebenheit“, also Begebenheiten, wie sie täglich unbegrenzt am Globus verteilt vorkommen.

Ewald Baringer, Stunde der Wintervögel

h.schoenauer - 23.09.2026

Ewald Baringer, Stunde der WintervögelDas Unerfüllbare / fülle ich / mit Unerfüllbarem. (16) ‒ Selten ist die Absicht der Lyrik so klar formuliert wie in der „Stunde der Wintervögel“. Dieser magische Titel kreist scheinbar um das gängige Hauptmotiv der Gegenwartslyrik, den Vögeln, in Wirklichkeit aber ist ein poetischer Teppich über das Land gelegt, aus dem wie in alten Zeiten des Teppich-Klopfens Gebrauchspartikel der unmittelbaren Gegenwart geschüttelt werden.

Ewald Baringer spannt zu Beginn mit seinem Text über die kunstsinnige Stadt Soltau seinen lyrischen Kosmos aus, worin die einzelnen Bilder als individuelle Puzzleteile ineinander gesteckt sind und am Ende ein beiläufig episch breites Bild ergeben.

Manfred Moser, Sprachmann

h.schoenauer - 21.09.2026

Manfred Moser, SprachmannGegen Jahresende greift man die Bücher mit besonderer Ehrfurcht an, allzu oft überfällt einen dabei das letzte Aufzucken einer Epoche, von der man noch einen Zipfel Aktualität ergattert.

Beim Sprachphilosophen Manfred Moser ist diese Eile nicht vonnöten. „Wir kommen immer zu spät“ heißt es im Vor-Spruch zum Roman „Sprachmann“. Dieses Buch ist gleichzeitig sein Vermächtnis, an dem er wohl über Jahrzehnte gearbeitet hat. Folglich liegt der Roman dick in den Händen wie sonst „Der Mann ohne Eigenschaften“, dessen Autor Robert Musil zumindest die ersten Lebensmonate in der Nähe eines Grundstücks verbracht hat, auf dem später die Uni Klagenfurt hochgezogen worden ist. Logischerweise wurde „Sprachmann“ im Dezember 2025 im Musil-Institut am Hauptbahnhof vorgestellt.

Alexander Kluy, Der Bleistift

h.schoenauer - 18.09.2026

Alexander Kluy, Der BleistiftDer Bleistift hat es geschafft – er ist von einem Alltagsgegenstand zu einem Kultgerät geworden. Schriftsteller und Zeichner betreiben Podcasts und Foren, um sich über neueste Rituale rund um den Bleistift zu informieren.

Alexander Kluy schöpft bei seiner „kleinen Kulturgeschichte“ über den Bleistift aus dem Vollen. Als Verfasser zahlreicher Schriftsteller-Biographien stößt er immer wieder auf Künstler, die das Schreiben geradezu kultisch betreiben, indem sie rund um den Bleistift eine magische Aura aufbauen.

Cornelius Hell, Lesezeichen & Lebenszeiten

h.schoenauer - 16.09.2026

Cornelius Hell, Lesezeichen & LebenszeitenWie Lymphe ist in der Literatur neben den Texten ein zweiter Kreislauf angelegt, gleichsam ein Immun- und Heilsystem, worin all die Rezensionen und Lebenserfahrungen beim Lesen als echte Bücher vertrieben werden. Es macht nämlich einen profunden Unterschied, ob die Begleitliteratur knapp an der Grenze zum Alltagsgeschehen publiziert wird oder als Fließtext, der sich quasi über das Leben der Rezensierenden spannt.

Cornelius Hell nennt sich selbst einen öffentlichen Leser, sein literarisches Leben lang nämlich ist er unterwegs, im öffentlichen Raum über Presse und Rundfunk den Diskurs über das Leben am Laufen zu halten. Was dabei in seinem Lektüre-Inneren vorgeht hat er in einem dichten Band mit den vier Begriffen zusammengefasst: Lese-Zeichen-Lebens-Zeiten.

Peter Sloterdijk, Der Kontinent ohne Eigenschaften

Andreas Markt-Huter - 14.09.2026

Peter Sloterdijk, Der Kontinent ohne Eigenschaften„Unter all den Vorwürfen, die gegen das seltsame politische Gebilde namens Europa und seine Bewohner in jüngeren Tagen laut geworden sind, […] dürfte der mildeste jener sein, wonach es durch seine telefonische Unerreichbarkeit auffalle. Man hat dem altgedienten, im November 2023 verstorbenen Politologen Henry Kissinger, einem vormaligen Außenminister der USA, das Scherzwort zugeschrieben, er wisse nicht, welche Nummer er wählen könnte, falls er Europa an die Leitung bekommen wollte.“ (S. 9)

Peter Sloterdijk geht der tiefgründigen Frage nach, was „Europa“ in seinem Fundament, in seiner Identität eigentlich ausmacht. Ausgehend von der historischen Entwicklung Europas, werden die grundlegenden religiösen, moralischen und sozialen Werte Europas analysiert und die historischen und gegenwärtigen Herausforderungen aufgezeigt und in einer Zeit, in der sich Europa seiner eignen Grundlagen und Eigenschaften unsicher geworden ist, kritisch diagnostiziert.

Julian Sharp, Dahinter

h.schoenauer - 04.09.2026

Julian Sharp, DahinterIm Daumenkino wird mit dem Daumen ein Packen Papier durchgeblättert, auf dem wie durch die Kader eines Filmes minimale Bewegungsabläufe sichtbar werden. Julian Sharp greift für seine Erzählung „Dahinter“ diese Idee auf, nur dass bei ihm die Bewegung existenziell sichtbar wird. Statt der gezeichneten Bilder verwendet er monomane Sätze, die die erzählte Geschichte wie die Spitzen einer Choreographie sichtbar werden lassen.

Als literarisches Ur-Muster dieses knapp siebzig Seiten langen Textes dient Rilkes Klassiker „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, der in das pure Pochen des Blutdrucks mündet: „Reiten reiten reiten“.