Gesellschaft | Kultur

Peter Sloterdijk, Der Kontinent ohne Eigenschaften

Andreas Markt-Huter - 14.09.2026

Peter Sloterdijk, Der Kontinent ohne Eigenschaften„Unter all den Vorwürfen, die gegen das seltsame politische Gebilde namens Europa und seine Bewohner in jüngeren Tagen laut geworden sind, […] dürfte der mildeste jener sein, wonach es durch seine telefonische Unerreichbarkeit auffalle. Man hat dem altgedienten, im November 2023 verstorbenen Politologen Henry Kissinger, einem vormaligen Außenminister der USA, das Scherzwort zugeschrieben, er wisse nicht, welche Nummer er wählen könnte, falls er Europa an die Leitung bekommen wollte.“ (S. 9)

Peter Sloterdijk geht der tiefgründigen Frage nach, was „Europa“ in seinem Fundament, in seiner Identität eigentlich ausmacht. Ausgehend von der historischen Entwicklung Europas, werden die grundlegenden religiösen, moralischen und sozialen Werte Europas analysiert und die historischen und gegenwärtigen Herausforderungen aufgezeigt und in einer Zeit, in der sich Europa seiner eignen Grundlagen und Eigenschaften unsicher geworden ist, kritisch diagnostiziert.

Sabine Pitscheider, Arbeitseinsatz im Reich. Zwangsarbeit in Tirol 1939 – 1945

Andreas Markt-Huter - 14.09.2026

Sabine Pitscheider, Arbeitseinsatz im Reich. Zwangsarbeit in Tirol 1939 – 1945.„Den maßgeblichen Rahmen, wer wie zu behandeln war, bot die »Rassenhierarchie«, wonach das NS-Regime Menschen je nach Herkunft oder Religion in bessere und schlechtere, wertvolle und »minderwertige« einteilte.“ (S. 51)

Das nationalsozialistische Deutschland musste alle verfügbaren menschlichen Ressourcen und wirtschaftlichen Kapazitäten in die Fortsetzung des Krieges stecken. Reichte zu Beginn des Krieges noch die Anwerbung aus verbündeten und besetzten Staaten, so griff man im weiteren Verlauf immer stärker auf Zwangsarbeit und Kriegsgefangene zurück.

Julian Sharp, Dahinter

h.schoenauer - 04.09.2026

Julian Sharp, DahinterIm Daumenkino wird mit dem Daumen ein Packen Papier durchgeblättert, auf dem wie durch die Kader eines Filmes minimale Bewegungsabläufe sichtbar werden. Julian Sharp greift für seine Erzählung „Dahinter“ diese Idee auf, nur dass bei ihm die Bewegung existenziell sichtbar wird. Statt der gezeichneten Bilder verwendet er monomane Sätze, die die erzählte Geschichte wie die Spitzen einer Choreographie sichtbar werden lassen.

Als literarisches Ur-Muster dieses knapp siebzig Seiten langen Textes dient Rilkes Klassiker „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, der in das pure Pochen des Blutdrucks mündet: „Reiten reiten reiten“.

Stefan Soder, Schorsch

h.schoenauer - 21.08.2026

Stefan Soder, SchorschWenn die Stimmung im Land wieder einmal bedrückend wird, hilft manchmal ein Roman nach der Vorlage von Kleists Michael Kohlhaas, damit man sich mit dem Helden identifizieren, mit ihm kämpfen und mit ihm in Würde untergehen kann.

Stefan Soder stiftet der Literatur mit dem „Schorsch“ einen sympathischen Helden, der in einer Welt des wirtschaftlichen Umbruchs mit der bewährten Tradition des Bauer-Seins Schiffbruch erleidet. Der Plot ist speedy wie das Netz, ständig zweigen aus dem Hauptstrang elementare Reibereien ab, die den Roman in seiner Dramaturgie bald zu einem gedachten Film werden lassen, den weder Personal noch Regie stoppen können.

Oren Kessler, Palästina 1936

Andreas Markt-Huter - 12.08.2026

Oren Kessler, Palästina 1936„Mein Ziel ist es, die erste umfassende, sorgfältig recherchierte, aber allgemein verständliche Geschichte des Großen Aufstands zu schreiben: eine Schilderung des Aufstands selbst, seiner Auswirkungen auf die jüdischen und arabischen Nationalbewegungen Palästinas, der geopolitischen Maßnahmen, die er auslöste, und seines anhaltenden Vermächtnisses.“ (S. 13)

Der Nahostkonflikt hat eine lange Geschichte, der Anfänge mehr als einhundert Jahre zurückreichen und im Jahr 1936 mit dem großen Aufstand einen ersten Höhepunkt erreichen. Dennoch ist dieser Aufstand durch die Ereignisse rund um die Staatsgründung Israels und den ersten arabisch-israelischen Krieg 1948 weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei bilden die Ereignisse rund um den Aufstand 1936 einen zentralen Meilenstein in der Bildung einer israelischen und der palästinensischen Nationalbewegung.

Simon Loidl, Der Weg zum Zirkus

h.schoenauer - 03.08.2026

Simon Loidl, Der Weg zum ZirkusEin echter Zirkus verwandelt jene Glücksvorstellungen, die im Laufe einer Kindheit aufgekeimt sind, in raren Fällen bei Erwachsenen zu einem realen Paradies. Der Weg zum Zirkus ist jedenfalls wie die meisten Bildungswege holprig und absonderlich.

Simon Loidl erzählt in seinem Roman „Der Weg zum Zirkus“ von zwei Alltagshelden, die ihr Glück durch Verschwinden und Beobachten des Verschwindens einhegen. Daniel, der Angestellte einer antiquarischen Buchhandlung, bemerkt eines Tages, dass sein Jugendfreund Markus verschwunden ist.

Raimund Schulz, Odysseus - Mythos und Wahrheit

Andreas Markt-Huter - 15.07.2026

Raimund Schulz, Odysseus - Mythos und Wahrheit„Im epischen Schicksal des Odysseus bündeln sich somit wie in einem Prisma von zwei Seiten wertvolle Informationen: vornehmlich aus der Zeit des Dichters, aber sicherlich auch vage Kunde von einem Mann, der einst Erinnerungswürdiges getan hatte. Aus dem episch verklärten Ensemble Historisches herauszukristallisieren und das Leben des Helden vor dem Hintergrund dieser Bezüge nachzuzeichnen, ist eine mögliche und wichtige Aufgabe und Ziel dieses Buches.“ (S. 16)

Die Odyssee zählt neben der Ilias zum ältesten literarischen Denkmal der europäischen Literatur und hat bereits in der Antike auf zahlreiche Kulturen in Griechenland und später in Rom ausgestrahlt. Damit zählt auch der große Held des Epos zu jenen großen, anregenden Figuren, der nichts an Ausstrahlungskraft verloren hat und in literarischen Werken und Filmen aber auch im Bereich der bildenden Kunst bis in die Gegenwart immer wieder neu thematisiert wird.

Maria-Sibylla Lotter, Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild

Andreas Markt-Huter - 10.07.2026

Maria-Sibylla Lotter, Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild„Es gab einmal Zeiten, manche erinnern sich noch, da wurden die Konflikte durch Erklärungen, Entschuldigungen oder klitzekleine Racheaktionen beigelegt – oder es wurde der Rechtsweg beschritten. In den vergangenen Jahrzehnten jedoch hat sich eine Konfliktkultur mit völlig neuen Strukturen und Dynamiken herausgebildet.“

Maria-Sibylla Lotter geht der Veränderung im gesellschaftlich-psychologischen Diskurs nach, die zunehmend von einem Antagonismus zwischen Gruppen, mit einem sensibilisierten Verständnis von Leid und Opfer, und einer Gegenbewegung aus, die sich gegen einen überhöhten moralischen Anspruch und eine Einengung der Rede- und Meinungsfreiheit ausspricht.

Christian Kössler, 50 - Zwischen Bällen und Bergen, Büchern und Bibliotheken

h.schoenauer - 08.07.2026

Christian Kössler, 50 - Zwischen Bällen und Bergen, Büchern und BibliothekenMit fünfzig hält ein sensibler Künstler meist öffentlich inne, um sein Werkeln zu reflektieren und seinem Publikum fallweise darzulegen, welche Entwicklungskurven seine Kunst genommen hat. Denn in der Kunst ist nichts geradlinig.

Christian Kössler führt in seinem „Essay über sich selbst“ seine drei Betätigungsfelder auf, in denen er seit Jahrzehnten künstlerisch und alltagstauglich zu Gange ist. Seit es Literatur gibt, wird versucht, ihre Schnittstellen mit der sogenannten prosaischen Welt ausfindig zu machen und innovativ zu nützen. Dabei entstehen nicht nur fließende Übergänge zwischen der alltäglichen und der künstlerischen Welt, sondern auch zwischen den Kunstwelten schlechthin, wenn sie als solche angesteuert sind.

Angelika Reitzer, Blauzeug

h.schoenauer - 06.07.2026

Angelika Reitzer, BlauzeugWie Sand im Stundenglas pendelt jedes Gedicht zwischen Theorie und Anwendung hin und her und häuft dabei Zeit als Gutschrift für die Ewigkeit an.

Angelika Reitzer spielt in ihren Gedichten stets mit offenen Karten, indem sie die Kompositionstheorie permanent durchschimmern lässt. Man nehme eine durchschlagende Farbstimmung und bearbeite sie mit dem passenden Werkzeug. „Blauzeug“ entwickelt sich dabei als durchschlagendes Motiv, das sich durch Tage, Jahreszeiten oder Lebensabschnitte ziehen kann.