irene diwiak, liebweisOpernfiguren brauchen vor allem eines: Viel Luft rund um sich, damit sie sich stimmlich ausbreiten und ihre Persönlichkeit entfalten können.

Irene Diwiak kümmert sich in ihrem grotesken Anti-Künstler Roman um diese viele Luft, die die Helden auf ihren Wegen an der Peripherie der Gesellschaft umgibt. Als Höhepunkt kommt es zu einer Aufführung des unheimlich kasteiten und kastrierten Werkes „Die Gräfin der Stille“.

hans-peter siebenhaar, österreich„Österreich wird zum Testfall in Europa, an dem sich zeigen wird, ob am Ende Menschlichkeit, Aufrichtigkeit und Mut in einer lebendigen Demokratie siegen werden. In der Alpenrepublik wird über die Symptome der neuen Unbehaglichkeit heftig gestritten.“ (S. 14)

Hans-Peter Siebenhaar beurteilt die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in Österreich mit dem Blick des unabhängigen Beobachters, der sich über die Veränderungen seit den Präsidentschaftswahlen und der Flüchtlingskrise Sorgen macht und dabei mögliche Auswirkungen auf die Politik und Gesellschaft in Europa unter die Lupe nimmt.

gregoire delacourt, die dichter der familieÜblicherweise muss ein Dichter von Kindesbeinen an gegen eine feindliche Umwelt kämpfen und alle seriösen Berufsangebote ausschlagen, damit er sein Leben der Literatur opfern kann. werden kann.

Grégoire Delacourt zeigt ironisch bitter, wohin es führt, wenn ein zarter Knabe zum „Dichter der Familie“ ausgerufen wird. Der Ich-Erzähler lässt schon mit sieben, kaum, dass er das Schreibgerät halten kann, die ersten Reime heraus.

tina pruschmann, lostageWem die Natur zu wenig dramatisch ist, der baut in der Landwirtschaft gerne sogenannte Lostage darin ein. Lostage verstärken einen Zustand ins Unermessliche und wirken wie eine Zauberkraft. Wer an Lostagen alles richtigmacht, kann die Natur vielleicht überlisten. So sind Lostage Wünsche und augenzwinkernde Logik in einem.

Tina Pruschmann nimmt diese geheimnisvollen Lostage zum Anlass, um das gewöhnliche Leben aufzuschlüsseln. Jeder von uns erinnert sich an sogenannte Schlüsseltage, an denen sich das Leben entscheidend verändert hat. Wenn man nun Macht über diese besonderen Tage hätte, hätte man auch Macht über das Leben. Der Witz ist nur, dass sich oft erst lange hintennach entscheidet, ob ein Ereignis damals ein Lostag gewesen ist.

tom burgis, fluch des reichtums„Ich begann, den roten Faden zu sehen, der ein Massaker in einem abgelegenen afrikanischen Dorf mit den Freuden und Bequemlichkeiten verbindet, die wir in den reicheren Teilen der Welt genießen. Er zieht sich durch die globalisierte Wirtschaft, von Kriegsgebieten bis zu den Gipfeln von Macht und Reichtum […]. Dieses Buch ist mein Versuch, diesem Faden zu folgen. (S. 11)

Afrika gilt als der reichste Kontinent der Welt, doch für die große Mehrheit der Bevölkerung hat sich dieser Reichtum als Fluch erwiesen. Die üppigen Ressourcen bewirken, dass die Regierenden und Herrschenden nicht auf die Steuereinnahmen ihrer Bevölkerung angewiesen sind und damit für das Regieren auch nicht auf ihre Zustimmung benötigen, um an der Macht zu bleiben.

kat kaufmann, Die Nacht ist laut, der Tag ist finsterGigantische Begriffe wie laut und finster lassen sich nur schwer beschreiben, denn jede einzeln beschriebene Teilmenge daraus dämpft ja die Lautstärke oder die Finsternis.

In Kat Kaufmanns Roman geht es chaotisch zu. Als Leser hat man beide Hände voll zu tun, den Text im Zaum und auf dem Display oder Papier zu halten, die Sätze sind flüchtig und hauen sofort in die Lese-Umgebung ab, wenn man eine Seite aufschlägt.

paulus hochgatterer, Der Tag, an dem mein Großvater ein Held warIn Ausnahmezeiten zeigen sich die tiefsten Schichten der Persönlichkeit auf der Außenseite der Helden, während das übliche Gehabe oft in der Tiefe verschwindet. Wendezeiten wenden Innenwelt und Außenwelt des Individuums.

Paulus Hochgatterer erzählt im Stile jener Gutachten, die er oft über die Psyche von irritierten Kindern verfassen muss, von Menschen im Ausnahmezustand in den letzten Kriegswochen. Auf einem Bauernhof im Gelände zwischen Linz, St. Valentin und Amstetten taucht ein verstörtes Mädchen auf, das ein paar Brocken einer verschütteten Biographie ausspuckt. Aus der Innensicht erfahren wir, wie es über das Sprechen der anderen, über Seitenbemerkungen und Brocken der Erinnerung zu einer schlüssigen Identität findet. Man nennt es Nelli, es ist bei einem Bombenangriff auf die Nibelungenwerke übriggeblieben und angeblich Donauschwabe.

gerhard henschel, arbeiterromanWenn ein Held lange auf Sendung bleiben soll, muss er sich zwischendurch immer wieder häuten und neu erfinden. Martin Schlosser, der Held von Kindheits-, Abenteuer- Bildungs- oder Künstlerroman, wird im siebten Roman Arbeiter.

Gerhard Henschel zieht im „Abenteuerroman“ wieder alle Register, um eine Art zeitgenössische Alltagschronik der späten 1980er Jahre auf die Beine zu stellen. Martin Schlosser, der schon längere Zeit in einer Spedition arbeitet, zieht eines Tages die Reißleine und verändert sich.

franzobel, das floss der medusaDie Aufgabe eines ernsthaften Schriftstellers ist es, die Gesellschaft unabhängig von Moden mit aktueller Erzähltechnik vertraut zu machen und sie mit relevanten Themen in alternativen Gedankengängen zu unterstützen.

Franzobel erzählt das „Floß der Medusa“ in einem Kontext, wo in den Nachrichten stündlich gescheiterte Flöße im Mittelmeer vorkommen und „die Leichen wie Brotwürfel in der Suppe treiben“. (434) Die Magie vom Floss der Medusa besteht aus zwei Teilen, aus dem Plot und den Anstrengungen der Künste, dieses Vorkommnis als Mustergeschichte für Aufklärung zu verwenden.

noam chomsky, kampf oder untergang„Fokussieren wir uns auf das, was als »der „Westen« bezeichnet wird, und auf einige Generalisierungen, die auffallend sind. Was der Alien sehen würde, sind Gesellschaften, die eine Generation neoliberaler Politik durchlaufen haben, die den Markt zum gesellschaftlichen Zentrum erhoben hat (»business first«)“ (S. 16)

Der Journalist Emran Feroz veröffentlicht sechs Interviews, die er mit Noam Chomsky - einem der ganz großen Denker der Gegenwart - geführt hat. Der Sprachphilosoph und politische Aktivist Chomsky spricht darin über Imperialismus, Krieg und Fluchtursachen ebenso wie über Donald Trump und darüber, wie „wir die Herren der Menschheit das Fürchten lehren“.