jonathan perry scherbenScherben sind ein faszinierendes Gebilde voller Widerstand und Querköpfigkeit. Meist sind sie Elemente aus einem größeren Ganzen, das zu Bruch gegangen ist, oft liegen sie in trockenem Gelände herum und lösen bei gutem Sonnenlicht heftige Waldbrände aus. Und kaum geht man barfuß, tritt man sich trittsicher etwas ein, was sich spontan in einem Schmerzseufzer entlädt.

Jonathan Perry hat poetische Scherben ausgelegt, die durchaus scharfkantig wie ihre physikalischen Wiedergänger als Poetische Scherben aufstacheln und irritieren sollen. Dabei hält sich der Autor durchaus an das Sprichwörtliche nach dem Motto „Scherben bringen Glück“.

helmuth schönauer pension„Jeder, der von Helmuth Schönauers fünftausend Buchbesprechungen erfährt, fragt sich, wie schreibt man fünftausend Buchbesprechungen, und wieso tut man das.“ (S. 5)

Auch nach seiner Pensionierung beschäftigt sich der Tiroler Schriftsteller Helmuth Schönauer mit literarischen Neuerscheinungen zwar mit einem besonderen Blick auf den Tiroler Literaturbetrieb ohne aber internationale Besonderheiten aus dem Auge zu verlieren.

Hier schläft das Tier mit ZöpfenLyrik ist nur im Hardcore ein poetisches Gebilde, das aus seltsamen Wortkonstellationen besteht. In der dynamischen Gedichte-Welt der Gegenwart sitzt die Poesie als Humor, Wissenschaft, Dramaturgie oder Drehbuch zwischen den Zeilen. Manche Gedichte dieser Bauart sind nur durch Zufall ein Gedicht geworden, genauso gut könnten sie ein Spielfilm oder ein Theaterstück sein.

Margret Kreidl wählt für die Gedichtsammlung den seltsamen Titel „Hier schläft das Tier mit Zöpfen“. Das geht auf das Sprichwort zurück: Hüte dich vor dem Tier, das Zöpfe hat. (55)

zur lage lyrikIm Sprachgebrauch sind anschwellende Wortwellen vorgesehen, die auf etwas Unheimliches, Gigantisches oder Katastrophales hinweisen. „Zur Lage“ wird durchaus als pathetische Einstimmung verwendet, wenn es um die Lage der Nation, die Lage der Finanzen oder die Lage an einer Grenze geht.

Petra Ganglbauer versetzt das Universum in einen Zustand, der nur durch einen poetisch-dramatischen Lagebericht beschrieben werden kann. Zu diesem Zweck ist die Welt wie bei einem echten Schöpfungsbericht aufgeschnitten in drei Teile, unten lebt das Terrestrische, in der Mitte, quasi als Schutzschicht, tut sich das Sprachliche auf, und oben gibt es das Extraterrestrische.

Erzähl mir vom MistralDa muss jemand schon eine seltsame Reise getätigt haben, wenn die Leute zu Hause vielleicht warten und sich wünschen: Erzähl mir vom Mistral. Üblicherweise werden die Hinterbliebenen mit Selfies überpixelt und die Reise ist bald einmal vom Display gewischt.

Reinhard Lechner baut seine Gedichte von der französischen Mittelmeerküste wie Erlebnisziegel auf und verfugt sie dann noch zu einer Poesie-Festung. Die Gedichte sind nach einem geheimen Bauplan längs und quer gedruckt, dadurch entsteht ein textuelles Mauerwerk mit intensiver Verfugung.

Tiefschwarz zu unsichtbarDas Geheimnis magischer Wörter liegt oft in ihrem Verhältnis, wie sie zueinanderstehen. Tiefschwarz und unsichtbar ist nicht mit einer Gleichwertigkeit verbunden, sondern das unsichtbar ist zu übersteigert, sodass es vielleicht auch das Tiefschwarz mit sich reißt ins Unsichtbare.

Isabella Feimer stellt in ihren Gedichten poetische Schlüsselbegriffe immer in einen seltsamen Zusammenhang, manchmal frisst ein Begriff den umstehenden auf, dann übersteigert er ihn wieder, ehe sich dann etwas völlig Unerwartetes auftut wie in der Eingangszeile des ersten Gedichtes „erstickende Eintracht“. (7)

die schrift, die mitte, der trostIn der Literatur ist eine Kette nicht schwach wie am schwächsten Glied, sondern stark wie am stärksten Begriff. Die Schrift, die Mitte, der Trost ist daher eine tröstliche Unternehmung, weil der Trost der stärkste Begriff ist.

Bastian Schneider nennt seine Mikro-Texte Stadtstücke, weil sie meist auf der Bühne einer Stadt aufgeführt werden. Nach größeren Kapiteln wird deshalb immer ein Adressbuch eingeblendet, worin zu sehen ist, wo die Stücke spielen oder ihre Uraufführung erlebt haben.

schachteltexteAm Scharnier zwischen Leben und Tod trifft nicht nur das Individuum seltsame Äußerungen, indem etwa ein Gedankengang im Diesseits beginnt und im Jenseits endet, auch die dabei geschaffenen künstlerischen Werke entwickeln einen moribunden Zustand, indem Teile davon nicht mehr von dieser Welt sind.

Peter Paul Wiplinger geht mit seinen Schachteltexten an diese Todesgrenze, teils aus Gründen autobiographischer Erfahrungen, teils mit der Hoffnung, durch diese Kunstform selbst der Literatur ein Schnippchen zu schlagen und den Tod zumindest zu verblüffen. Die Schachteltexte nämlich sind monumental und fragil und sprengen die Vertriebssysteme der Literatur.

Die Erfindung der SehnsuchtAbrundungslyrik nennt man jene Gedichte, die zwischen den Bücher-Klusen des Hauptwerks beiläufig entstanden sind und das Gedächtnis an den Autor wachhalten, wenn dieser gerade sonst nichts schreibt.

Joseph Zoderer lässt mit filigranen Sehnsuchtsgedichten von sich hören. Seine Gedichte sind Ausdruck eines Lebenszustandes, er steht nämlich ständig unter Schreib-Strom, im Minutentakt kommen ihm Sätze aus der alten Feder, die er zelebriert, anbetet und überall herumträgt.

christian steinbacher, gräser im windDas Trivialste und Geilste, das man sich in der Literatur vorstellen kann, ist Gras. Nicht nur, der biblische Vers, „alles Fleisch wird Gras“, weist auf die Besonderheit von Gras hin, auch der Top-Roman des Nobelpreisträgers Claude Simon heißt schlicht „Das Gras“.

Christian Steinbacher nimmt das Gras zum Ausgangspunkt für seine poetische Abhandlung, die bei ihm Abgleich heißt. Als Vorspann ist dem Gräser-Werk eine zweifache Übersetzung einer Szene aus Simons Gras vorangestellt. Selbst der Laie erkennt, dass Gras bei jedem Anblättern anders wird. Im Roman dient das Gras einerseits als Stoff für ineinander Verwachsenes und als Unterlage für Seitensprünge, die manche Helden mitten im Absatz durchführen.