Helwig Brunner, abdruck in weicher masse
Noch vor dem Aufschlagen des Gedichtbandes löst der Titel schon erste Bilder und assoziative Aufregungen aus. ‒ Handelt es sich bei der weichen Masse um einen Hundekot, wie er in modernen Gesellschaften massenhaft in Städten ausgelegt ist? Ist die weiche Masse vielleicht das Hirn, von dem sich ein Gegenüber einen virtuellen Abdruck verschafft hat? Oder ist gar ein Verbrechen geschehen, und ein Forensiker gießt einen Fußabdruck mit einer weichen Masse aus?
Helwig Brunner erlöst diese Erwartungen mit seinen „Blockgedichten“, indem er alle erdenklich-lyrische Konstellationen ausruft und gleichzeitig neue Spuren losschickt, die vorerst nicht weiter verfolgt werden.
Vom aufgekratzten Titel „Anlandebahnen für Geräusche“ inspiriert denkt man spontan an einen Laubbläser, der mit seinem kontinuierlichen Luftstrom alles Laub in die Ecke kehrt, von wo aus es dann leicht kompostiert werden kann.
Ein ermunternder Zuruf an Beamte – was für ein frecher Titel! Christian Steinbachers Quellgebiet sind die Archive, Geheimdepots für Geschichten, Nachlässe von Eremiten und Tiefbohrungen in Wortschutzgebieten. Seine Gedichtbände gleichen Inventarverzeichnissen verschollener Texturen und poetischen Erkundungsstollen, weshalb der Band „Hoch die Ärmel“ auch mit der Genrebezeichnung „Gedichte“ und der Forschungsmethode „Schritte“ bezeichnet ist.
Wie Lymphe ist in der Literatur neben den Texten ein zweiter Kreislauf angelegt, gleichsam ein Immun- und Heilsystem, worin all die Rezensionen und Lebenserfahrungen beim Lesen als echte Bücher vertrieben werden. Es macht nämlich einen profunden Unterschied, ob die Begleitliteratur knapp an der Grenze zum Alltagsgeschehen publiziert wird oder als Fließtext, der sich quasi über das Leben der Rezensierenden spannt.
Bücher, die ein extrem peripheres Sachgebiet abdecken, werden durch KI mittlerweile an den Mainstream angedockt, indem sachkundiges Bibliothekspersonal die entsprechenden Schlüsselbegriffe vernetzt. So tauchen scheinbar marginale Thesen eines Buches überraschend als Treffer an ganz anderer Stelle auf, wenn sie von einer Suchfunktion im Netz angesteuert werden.
Ein Gedicht versammelt tausend Weisen und auf tausend Weisen gelangt man zum Gedicht. Nach dieser großzügig formulierten Definition ist es ein nützlicher Vorgang, den Titel auf sich wirken zu lassen, damit man durch ihn in das Innere des Buches gezogen wird.
Was ist das wohl für ein seltsames Angebot, sich auf Niederlagen vorzubereiten, oder das Vorbereitete als Niederlage wahrzunehmen? Boško Tomašević stellt sein Thema ungeschminkt in die literarischen Schaufenster und Bibliotheksregale, wenn er auf den Grundton seiner Gedichte verweist, die er als 56 Gesänge komponiert hat. ‒ In seinen Langgedichten herrscht ein elegisch-existenzielles Regime, dem das Ich hoffnungslos ausgesetzt ist.
Wie Sand im Stundenglas pendelt jedes Gedicht zwischen Theorie und Anwendung hin und her und häuft dabei Zeit als Gutschrift für die Ewigkeit an.
Große Ereignisse schicken in der Mythologie oft Kometen als Vorboten, damit die Menschen nach oben schauen und wach werden für das Neue, das nun über sie herfällt.
Manche Bücher verhexen das Fachpublikum mit ihren schlauen neuen Erzählstrategien, andere wirken auf das alltägliche Sprechgeschehen ein wie der sprichwörtliche Gassenhauer für einfache Handgriffe.