Belletristik und Sachbücher

Rudolf Kraus, wenn ich am morgen schon abends

h.schoenauer - 28.11.2025

Rudolf Kraus, wenn ich am morgen schon abendsLyrik ist immer auch eine Zeitmaschine, in den Gedichten geschieht geradezu selbstverständlich, dass etwas in die Zukunft gehoben wird, das noch gar nicht die Gegenwart erreicht hat. Rudolf Kraus überschreibt seine Gedichte mit dem schönen Zeitschieber-Satz: „wenn ich am morgen schon abends“. Das lyrische Ich scheint die Gedanken nachhaltig zu fassen, zumindest für einen ganzen Tag sollten sie Gültigkeit haben.

Mit dieser Tagesklammer zwischen „am Morgen und abends“ ist auch die Thematik abgesteckt, das lyrische Ich wirft den Tag an und lässt den Gedanken freien Lauf. In dieser lyrischen Zentrifugalkraft schleudert sich das Poetische erst in den Abend hinein, wodurch das Gedicht zu einem harmonisierenden Abschluss kommt.

Werner Schandor, Flüchtiges Spiel

h.schoenauer - 26.11.2025

Werner Schandor, Flüchtiges SpielMarkante Buchtitel haben oft das Zeug dazu, unerwartet eine ganze Epoche zu beschreiben. Der Gesellschafts-Thriller „Flüchtiges Spiel“ fasst diese Verdunstung von Beziehungen, den oberflächlichen Umgang mit der Wahrheit und die Selbstauflösung von Regeln während des Spiels zu einer Stimmung zusammen, die über der Business-Welt Österreichs zu liegen scheint.

Werner Schandor verwendet für seine Analyse von Werbetricks, politischen Machenschaften, Casino-Mentalität und unverbindlichen Beziehungen einen Plot, der die Leser quasi von der ersten Seite an aus dem erwartbaren Muster einer prosperierenden Konsumwelt reißt.

Udo Kawasser, tarquinia – gespräche mit schatten

h.schoenauer - 21.11.2025

Udo Kawasser, tarquinia – gespräche mit schattenLyrik sucht zwischendurch sogenannte lost places auf, worin sie mit den Augen einer überreizten Gegenwart in den Bildern abgeschlossenen Verfalls wühlt. Udo Kawasser siedelt sein Poem rund um die etruskische Stadt Tarquinia an, die neben den Gebilden der Gegenwart vor allem aus Ausgrabungen, Mythos, historischen Befunden und Artefakten des Totenkultes besteht. Wo immer eine lyrische Messstation im Gelände aufgestellt wird, versammelt sich sofort poetische Materie drum herum.

Das Projekt ist mit dem Untertitel versehen: „Gespräche mit Schatten“. Sobald die Sendequelle ihren fragenden Schall in die Vergangenheit richtet, reagieren diverse Echos, Zeitbrüche, Rotverschiebungen und mineralische Verwerfungen auf die anfragende Stelle.

Tony Allan u.a., Philosophie – Menschen, die unsere Welt prägten

Andreas Markt-Huter - 19.11.2025

Tony Allan u.a., Philosophie – Menschen, die unsere Welt prägten„Die in diesem Band vorgestellten Personen hatten eine sehr unterschiedliche Sicht auf die Welt, auf uns und davon, wie wir unser Leben führen sollten. Zuweilen stellt sie Denkkonstrukte auf, von denen einige Bestand haben und andere der Zeit, dem Licht neuer Erfahrungen oder weiterer Überlegungen zum Opfer fielen. Doch alle waren sich der Bedeutung ihrer Aufgabe bewusst.“ (S. 9)

Mehr als 100 berühmte Philosophen von den Anfängen der Philosophie im Altertum bis in die Gegenwart werden in ausführlichen Beiträgen vorgestellt und die zentralen Aussagen ihres philosophischen Denkens erläutert. Wer sich einen anschaulichen schnellen Überblick über die einflussreichsten Philosophen in der Geschichte der Philosophie machen will, ist mit diesem Sachbuch gut bedient.

Irene Schrattenecker, Das Leben der Wörter

h.schoenauer - 17.11.2025

Irene Schrattenecker, Das Leben der WörterVielleicht sollten wir neben den Tieren und Pflanzen auch die Wörter als Lebewesen würdigen, die uns zwar täglich hilfreich zur Seite stehen, die wir aber regelmäßig zum Aussterben verdammen. Irene Schrattenecker geht mit ihren knapp dreißig Miniatur-Erzählungen Gedanken nach, die im Laufe eines Tages so daherkommen, die man aber meist unbeachtet weiterziehen lässt. Die einzelnen Texte könnte man als impressionistische Petitessen bezeichnen, wie sie seit Robert Walser als Inbegriff für das Flanieren durch den eigenen Kopf gelten.

Die Konsistenz dieses Wörter-Denkens wird in den ersten drei Impressionen vorgestellt, wenn es um „Das Leben der Wörter“, „Wörterbuchreise“ und „Lesen“ geht. Aus diesen schlichten Überschriften leiten sich jeweils träumerische Gedankenschleifen ab, die zu einem Spaziergang durch das Sprachgelände einladen, worin vielleicht alte Geschichten aus der Stadt aufgestellt sind wie Rastbänke am Wegesrand.

Andreas Pargger, Wie wir leben wollen

h.schoenauer - 14.11.2025

Andreas Pargger, Wie wir leben wollenDer sogenannte Lebensstil lässt sich oft kunstvoll zu einem Stillleben zusammenfassen, das sich als Bild oder Gedicht präsentiert. Andreas Pargger unternimmt im Lyrikband „Wie wir leben wollen“ gut fünfzig Anläufe, um sogenannte Lebensentwürfe auszuprobieren. Dabei poppen die Gedichte als Momentaufnahmen auf, in denen sich ein dramatischer Prozess ablesen lässt wie bei einem Poster, das einen besonderen Gestus einer Rolle in den Vordergrund stellt.

An einen Dreiakter erinnert auch die schlichte Gliederung in Abschnitt I (7), II (31) und III (87). Für die optische Wahrnehmung sind die Gedichte zugleich weit und konzentriert aufbereitet. Generell stehen die Gedichte auf der ungeraden „Aufmerksamkeit heischenden“ Seite rechts, währen die linke Seite fast durchgehend leer bleibt. Es herrscht also Rechtsverkehr, während links die Signale stehen in Gestalt einer binären Seitennummerierung, die leere Seite wird genauso gezählt wie die volle.

Sirka Elspaß, hungern beten heulen schwimmen

h.schoenauer - 12.11.2025

Sirka Elspaß, hungern beten heulen schwimmenWas sich wie die Grundrechenarten für eine aufgelöste Seele anhört, ist ein lyrisches Konzept, das sich wie ein Stützkorsett um das zerbrechliche Individuum legt. Sirka Elspaß verfasst Gedichte über existentielle Gefühle und emotionale Kämpfe, die sich als variantenreiche lyrische Grundrechenarten an den Begriffen „hungern beten heulen schwimmen“ ablagern.

Als Einstimmung sind diese vier Aktionen monumental dargestellt, ohne Angst vor großen Worten und wuchtigem Habitus. Unter hungern heißt es: „Natürlich habe ich wieder / angefangen zu beten / ich lüge nie habe / damit aufgehört schau mich an / ich kann lange knien“. Der Hunger setzt schließlich während des Betens ein, wahrscheinlich werden ähnliche lyrische Endorphine eingesetzt wie beim Schwimmen.

Josef Gelmi, Das große Buch der Päpste - Von Petrus bis Leo XIV

Andreas Markt-Huter - 10.11.2025

Josef Gelmi, Das große Buch der Päpste - Von Petrus bis Leo XIV„Dieses Buch möchte eine wissenschaftlich fundierte, aber leicht lesbare Geschichte der Päpste für jedermann bieten. Es wird nichts schöngeredet, nicht nur in eine Richtung gedacht und auch nicht polemisiert, sondern versucht, möglichst objektiv die Geschichte der »Stellvertreter Christi auf Erden«, die durchaus eine Reihe von fragwürdigen, umstrittenen und zweifelhaften Gestalten aufweist, darzustellen.“ (S. 7)

Seit fast zweitausend Jahren verbindet das Amt des Papstes die Anfänge des Christentums mit der Gegenwart. Der Papst als Nachfolger des Apostels Petrus spielt im katholischen Glauben eine ganz besondere Rolle und übt als oberster Lehrer, Priester und Gesetzgeber einen Primat der Jurisdiktion in der Kirche aus. So gelten seine ex cathedra Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehre als unfehlbar.

Karl Iro Goldblat, Ludwig reist zu sich selbst

h.schoenauer - 06.11.2025

Karl Iro Goldblat, Ludwig reist zu sich selbstDas Aufregende am Reisen ohne Wiederkehr besteht darin, dass man mit einem einzigen Besuch im Reisebüro auskommt. Reklamationen und Schadensmeldungen sind keine Optionen, weil es keinen Vollstreckungsort gibt, außer im Innersten seiner selbst.

Karl Iro Goldblat erzählt von einem gewissen Ludwig, der eine Einwegreise zu sich selbst antritt. Dabei wird die Wohnung zu einem sich stets verdichtenden Kosmos, der den Reisenden immer dichter umhüllt, bis das Ziel, einem schwarzen Loch nicht unähnlich, erreicht ist. Der Held ist dann bei sich und implodiert.

Dan Jones, Kreuzfahrer

Andreas Markt-Huter - 05.11.2025

Dan Jones, Kreuzfahrer„Dies ist ein Buch über die Kreuzzüge: die Kriege, die christliche, päpstlich sanktionierte Heere gegen die vermeintlichen Feinde Christi und der Kirche von Rom im Mittelalter führten. Der Titel Kreuzfahrer beschreibt sowohl das Thema als auch meinen Ansatz. Im Mittelalter gab es lange Zeit kein Wort, um «die Kreuzzüge» so zu beschreiben, wie wir sie heute verstehen: eine Reihe von acht oder neun großen Expeditionen von Westeuropa ins Heilige Land, ergänzt durch eine Reihe weiterer, indirekt damit verbundener Kriege, die von den sonnenverwöhnten Städten an der nordafrikanischen Küste bis zu den kältestarren Wäldern des Baltikums geführt wurden.“ (S. 19 f)

Dan Jones erzählt in seiner Monographie „Kreuzfahrer“ die Geschichte der Kreuzzugsbewegung von seinen Voraussetzungen und Anfängen seit den 1060-er Jahren über den endgültigen Zusammenbruch des Königreichs Jerusalem im Jahr 1291 hinaus bis zum Abschluss der Reconquista in Spanien im Jahr 1492. Konzipiert ist das Buch als chronologische Aufeinanderfolge von Episoden von Personen, die an den Kreuzzügen auf verschiedenen Seiten, ober Männer oder Frauen, Christen oder Muslimen, beteiligt waren. Die daraus resultierenden unterschiedlichen Blickwinkel, machen den ganz besonderen Reiz der Darstellung aus.