Jorge Luis Borges, Die unendliche Bibliothek
„Manchmal glaube ich, dass gute Leser noch geheimnisvollere und seltenere Vögel sind als gute Autoren. Niemand wird mir bestreiten wollen, dass die Partien, die Valérie seinem Plusquamperfekt Edomont Teste zugeschrieben hat, ersichtlich weniger wert sind als die seiner Gattin und seiner Freunde. Lesen ist jedenfalls eine Tätigkeit, die dem Schreiben den Vortritt lässt: sie ist entsagender, höflicher, intellektueller.“ (S. 11)
Der Sammelband „Die unendliche Bibliothek“ versammelt sämtliche Erzählungen des großen argentinischen Schriftstellers und Mitbegründers der lateinamerikanischen Phantastik Jorge Luis Borges. In seinen Erzählungen vermengt Borges geschickt Historisches, Biographisches sowie echte Zitate mit Fiktionen und reinen Erfindungen und verwischt dabei die Grenzen zwischen Realität und Fantasie.
Hier oben am Nordpol und dann noch ein Stück nach links steht eine seit vielen Jahren verlassene Polarstation. Doch wenn etwas so lange leer steht, findet sich irgendwann ein neuer Bewohner. Weis, ein Eisbär, hatte es sich bereits vor einiger Zeit in der Station gemütlich gemacht.“
„Edward Ferrars ist ein Gentleman, aber ich sehe keine brennende Liebe zwischen euch.“ „Du irrst dich. Ich schätze ihn und halte viel von ihm.“ „Ihn schätzen! Viel von ihm halten! Man muss doch für seine Liebe Feuer und Flamme sein, für sie sterben!“ „Ich will mich nicht leichtsinnig in meine Gefühle steigern.“ „Liebst du ihn? Oder liebst du ihn nicht? Was sagt dein Herz?“ „Ich höre lieber auf meinen Verstand und Edward ist weit davon entfernt, von seiner Familie unabhängig zu sein.“ (S. 10 f)
„Mora baumelt kopfüber am Kronleuchter und döst. Plötzlich kitzelt es in ihrem Gesicht. Sie reißt die Augen auf. Ihr kleiner Bruder Ivo schwebt vor ihr und grinst. Mora weiß sofort, woher das Kitzeln kommt. Sie zupft sich Ivos Spinne von der Wange.“ (S. 10 f)
„Warum ich vor Rektor Pembrokes Büro sitze, ist mir ein Rätsel. Den Unterricht habe ich diesmal bestimmt nicht gestört. Wie auch, wenn ich tief und fest geschlafen habe? In Ordnung, eine Ahnung habe ich, weshalb ich auf dem ungemütlichen Plastikstuhl hocke. Es könnte damit zu tun haben, dass ich in der Pause mit Oscar Peterson aneinandergeraten bin. Zumindest würde das die schroffe Durchsage erklären, mit der Pembroke mich zu sich zitierte: »Jonathan Riddle. In mein Büro! Sofort!«“ (S. 5)
Früher soll es unter gebildeten Schichten lästige Kinder gegeben haben, die dem Hauslehrer oder der Gouvernante ein Loch in den Bauch gefragt haben sollen. Seit KI lösen die Kids unabhängig von ihrem sozialen Stand die Fragen mit einer App.
„Hier ist zwar alles fremd, aber offenbar habe ich mich in diesen anderthalb Monaten eingelebt. So schön nach dem Nebel! Zu Hause. Der Fels und das Meer im goldenen Rahmen. Die Bücher im Schrank. Nur ist der Sofabezug so kratzig, wie man sich auch hinlegt, das Kissen hart, so hart ... Aufstehen geht aber auch nicht. Diese Trägheit! Die Hand heben ist schon zu viel. Seit einer halben Stunde sage ich mir, ich sollte den Arm ausstrecken, das Aspirinpulver vom Stuhl nehmen, strecke ihn aber nicht aus ...“ (S. 12)
„Weit im Norden des Waldes, am höchsten Punkt der Krone eines Flügelfruchtbaums, befand sich ein großes Nest. In diesem Nest lebte eine Familie von Störchen. Die Storchmutter Lilly kümmerte sich dort um drei quengelnde hungrige Küken. Lilly hatte glänzend schwarze Augen, einen spitzen Schnabel und schneeweißes Gefieder. Die Federn ihrer Flügel waren Schwarz und ihre schlanken langen Beine waren rot.“ (S. 11)
„Es war einmal ein kleiner Samthase, und am Anfang sah er wirklich toll aus. Er war dick und flauschig, wie so ein Hase sein soll. Sein Fell war braun-weiß getupft, er hatte einen richtigen Schnurrbart aus Garn, und seine Ohren waren mit rosa Seide gefüttert. Es sah zauberhaft aus, wie er da am Weihnachtsmorgen mit einem Stechpalmenzweig zwischen den Pfoten ganz oben im Strumpf des Jungen steckte.“ (S. 5)
„Ja, der Tag ist wirklich schön. Gust kann froh zur Arbeit gehen. Dort kommt Rico ganz allein. «Gust, mein Sattel ist zu klein!» Gust hat noch ein paar Sachen stehen. «Bitte sehr – und gern geschehen!»“