Martin Baltscheit, Rolf und Rose - Der Dieb der Farben
„Heute ist ein Tag wie kein anderer. Der wichtigste im Leben von Rolf. Er muss sich beweisen und etwas stehlen. Das ist so üblich hier in Unterbach. Rolf ist der Sohn von Bullit. Und Bullit ist der Boss. Das sieht man sofort. Seht mal: Ganz schöner Brocken, was? Der kleine Rolf ist nicht so groß. Und nicht so stark. Und nicht ganz so einfarbig. Da ist ein Fleck am Bauch …“ (S. 10)
Die Welt der Rollasseln von Unterbach und die Welt der Schmetterlinge in Oberbach stehen sich diametral entgegen. Schon die jungen Schüler von Unterbach werden vor den gefährlichen Schmetterling und ihren grässlichen Farben gewarnt. Auf der anderen Seite betrachten die Schmetterlinge Unterbach als den schrecklichsten Ort der Welt, aus dem kein Licht und keine Liebe kommen.
Das Aufregende am Reisen ohne Wiederkehr besteht darin, dass man mit einem einzigen Besuch im Reisebüro auskommt. Reklamationen und Schadensmeldungen sind keine Optionen, weil es keinen Vollstreckungsort gibt, außer im Innersten seiner selbst.
„Sean, der himmlische Sean Nessel, ist der Grund, wieso wir hier sind. Sean steht auf ein Mädchen aus der Elften – Ally Greenleaf. Um sie geht es heute Abend. »Sie starrt mich die ganze Zeit an«, hat er vorhin gesagt, als wir noch bei Dev waren. »Tun wir das nicht alle?«, hätte ich am liebsten erwidert, aber das hätte seltsam geklungen.“ (S. 9f)
„Dies ist ein Buch über die Kreuzzüge: die Kriege, die christliche, päpstlich sanktionierte Heere gegen die vermeintlichen Feinde Christi und der Kirche von Rom im Mittelalter führten. Der Titel Kreuzfahrer beschreibt sowohl das Thema als auch meinen Ansatz. Im Mittelalter gab es lange Zeit kein Wort, um «die Kreuzzüge» so zu beschreiben, wie wir sie heute verstehen: eine Reihe von acht oder neun großen Expeditionen von Westeuropa ins Heilige Land, ergänzt durch eine Reihe weiterer, indirekt damit verbundener Kriege, die von den sonnenverwöhnten Städten an der nordafrikanischen Küste bis zu den kältestarren Wäldern des Baltikums geführt wurden.“ (S. 19 f)
„Die basketballgroßen Augen von Riesen- und Koloss-Kalmaren sind die größten der Welt! Mit ihnen sehen sie in der sonnenlichtlosen Tiefsee, wo sich ihr ärgster Feind herumtreibt: der Pottwal! Er selbst leuchtet zwar nicht, aber kleinere Tiefsee-Lebewesen, die mit ihm zusammenstoßen, sorgen für eine verräterisch blitzende Umgebung. Diese pottwalförmige Blitzwolke können die Kalmare aus mehr als hundert Metern Entfernung sehen und versuchen, rechtzeitig zu fliehen.“ (S. 6)
Wahrscheinlich ist die perfekte Hülle gleichsam ihr Inhalt. Diese Vermutung taucht zumindest bei der Analyse des Web auf, wo kaum noch zwischen Content und Containment unterschieden wird. Georg Hasibeder geht mit seinem listigen Essay aus der Serie „Kultur der Dinge“ der Frage nach, was eigentlich eine Dose ist. Ist sie vielleicht der heimliche Sinn eines Produktes, wenn wir es in der Hand halten und inszeniert zum Mund führen, wie etwa den berühmten Energiedrink mit dem Stier drauf?
„Die anderen Geister auf dem Hof gehen ihrer gewohnten Tätigkeit nach, ohne etwas zu bemerken, aber der Geist mit den glühend roten Augen schwebt zum Fenster, um einen Blick zu erhaschen. Allerdings passiert dann etwas, das der Geist nicht erwartet. Etwas, das er in all den Jahren, seit er den steinernen Innenhof von St. Ignatius heimsucht, noch nie gesehen hat.“ (S. 5)
„Als die Welt noch jung war, eben erst von den Nebel-Nymphen aus Sternenstaub, Bienenwachs und Rosendornen zusammengewoben, da gab es ein Land namens Ravenholm. Sanfte Hügel, grasbewachsene Ebenen, echoumtoste Berge, tiefe Wälder und glitzernde Bäche. Es war ein wunderschönes Land und es hatte eine Vielzahl unterschiedlicher Bewohner. Zwerge zum Beispiel, Riesen oder Gnome. Aber da waren auch Gurgelschlunde und Finstergrämer.“ (S. 5)
„Seit sechzig Jahren werden in den USA Propagandatechniken entwickelt und eingesetzt, mit denen erreicht wird, dass der einfache Mann zwar der Zwangsherrschaft des politischen Despotismus zu entkommen vermag, aber dennoch in kontrollierbarer Weise im Dienste anderer Interessen als seiner eigenen steht.“ (S. 48)
„Der Bär liebte Märchen. Er saß in seiner Höhle, und überall stapelten sich die Märchenbücher. »Niesen verboten«, stand auf einem Schild an der Höhlenwand. Das hatte der Bär aufgehängt, um sich selbst daran zu erinnern, dass er in der Höhle nicht niesen durfte. Einmal hat er so stark niesen müssen, dass alle Büchertürme umgeflogen waren.“ (S. 5)