Aktuelle Buchtipps

 

Joseph Zoderer, Der Himmel über Meran

h.schoenauer - 02.10.2005

Buch-CoverManche Buchtitel summen wie eine Kaufhaus-Melodie durchs Ohr des Lesers, Himmel über Berlin, Himmel über Meran, es bahnt sich etwas Schönes an.

Tatsächlich hat Joseph Zoderer in seinem Erzählband nichts Schöneres vor, als seine individuellen Geschichtserlebnisse aufgeklart und abgeklärt aufzuschreiben. Zu Beginn wird gleich jenes Ungemach aus der Optionszeit erzählt, das letztlich die ganze Familie aus der Bahn geworfen hat. "Wir gingen" ist bereits als eigenständiger Erzählband erschienen.

Elfriede Kehrer, lichtschur

h.schoenauer - 01.10.2005

kehrer_lichtschur.gifAlso vorsichtig formuliert sind diese geschorenen Gedichte dünn, kurz, oft gibt es nur ein paar Wörter und Wortteile zu sehen und zu verstehen. Verstehen ist vielleicht gar nicht so wichtig, die semantischen Pflugscharen im Sprachacker sind oft nur abgestellte Geräte, mit denen in einer besseren Jahreszeit etwas passieren könnte.

So wird "lichtschur" zu einem guten Motto: die Begriffe sind ihrer überschüssigen Bedeutungswolle entledigt und gehen kahl geschoren lichtem Sinn entgegen. Manchmal werden die Kompositionen ziemlich stark strapaziert, wenn etwa "in scheiterndem grün" (84) Kassandra lächelt. Manchmal werden auch die Gesetze der Optik etwas heraus gefordert, wenn es um farbvolle Schatten geht (62) oder etwas aufwärts dunkeln muss (47).

Anna Stecher, zouba!

h.schoenauer - 30.09.2005

Buch-CoverWas wir im Tirolerischen Dialekt als sachte Anmache empfinden, etwa "Ruck zouba!", ist in diesem Buch chinesisch und heißt "Gehen wir!"

Die Südtiroler Autorin Anna Stecher hat ihre bisherigen Studien in Peking auch dazu genützt, uns in den Tälern hinten Gebliebenen etwas im chinesischen Stil zu erzählen. Zu diesem Zwecke verwendet sie das Vehikel der Sanwen-Prosa, das sind lose Schriften, die mal als Tagebucheintragung daherkommen, als schlichte Prosazelle oder als phantastische Traumnotation ohne dramaturgisches Korsett.

Linda Wolfsgruber / Gino Alberti, 10 kleine Engelein

andreas.markt-huter - 28.09.2005

Titelbild wolfsgruber, engeleinEin guter Auszählreim ist immer von Nutzen. Mehrmals am Tag gibt es Situationen, wo man mit der Logik nicht mehr weiter kommt und sich aufs Auszählen verlassen muss. Zumindest deuten manche Personal- und Sachentscheidungen in Politik und Wirtschaftswelt darauf hin, dass Probleme oft mit Singsang bewältigt werden.

Linda Wolfsgruber und Gino Alberti haben den Auszählreim ironisch bearbeitet und den Engeln gebrochene Herzen, Stimmbrüche und allzu süße Alkoholika verpasst, so dass sie sich der Reihe nach vertschüssen müssen. Am Schluss hängen dann alle gefallenen Engel am Weihnachtsbaum und funkeln zwischen Kitsch und Wahnsinn aus den Tannennadeln heraus.

Dine Petrik, Bibliotheca Alexandrina

h.schoenauer - 28.09.2005

Buch-CoverWie kann ein einzelnes Ich das Universum des Lesens aushalten? Wie stürzt die ewige Geschichte durch das Nadelöhr der Gegenwart? Wie klettert man in Begeisterung über Kontinente von Schrift, ohne die Orientierung zu verlieren?

Dine Petrik hat als reisendes Ich die Bibliothek von Alexandria besucht und in einem Reise-Essay die Geschichte der Bibliothek, die Magie von Schrift und die Erlebniskraft einer Reise zu Buche gebracht.

Stanislav Struhar, Eine Suche nach Glück Roman

h.schoenauer - 26.09.2005

Buch-Cover

Im Schloss von Franz Kafka treten ab und zu zwei Trottel auf, die den Landvermesser in seiner Suche nach dem Glück im Schloss stören. An diese zwei Deppen muss man denken, wenn in Stanislav Struhars Roman zwei ausgerastete Männer aus dem Verlagswesen eine Frau belästigen, die gerade auf offener Straße geistig ein wertvolles Buch lektoriert.

An dieser Stelle wird es für den Ich-Erzähler Zeit, einzugreifen. Er rettet die Frau vor der Belästigung und bringt sich selbst ins Spiel, indem er sich zwei Finger bricht.

Andrea Grill, Der gelbe Onkel Ein Familienalbum

h.schoenauer - 25.09.2005

Buch-CoverEs gibt bekanntlich nichts Witzigeres als ein Familienalbum. Die Angehörigen sind meist in verlogenen oder überdimensionierten Posen aufgestellt, und während man als Mitverwandter vorne devot an der Fassade ihrer Gesichter hängen bleibt, erzählt man sich hintenrum die schrägsten Geschichten.

Der gelbe Onkel leidet, wie es sich für einen echten Onkel gehört, an einem schweren Leberschaden und ist ganz gelb im Gesicht. In Andrea Grills Familienalbum nimmt er sicher einen Spitzenplatz an Extravaganzen ein, zumal er noch auf das Wort ?beige? abfährt, offensichtlich ist das die Eigenbeschreibung für sein gelbes Gesicht.

Wolfgang Brunner, manifesto vigilancia

h.schoenauer - 25.09.2005

Buch-CoverManifesto vigilancia kann man vielleicht als lyrisches Überwachungsprotokoll übersetzen. Wolfgang Brunners Gedichte sind nämlich vom Schriftbild her gesehen als Protokoll angefertigt, das ein rasch tippender Polizist nach einem Ereignis in Echtzeit zu bewältigen versucht. Die Szenerie ist oft recht unaufällig, aber eine Kleinigkeit ist dann unsachgemäß installiert und evoziert ein Gedicht.

Raucher stehen bei schrecklichen Minusgraden am Balkon und fühlen sich berauscht, aber sie überschätzen die Lage und kennen sich plötzlich nicht mehr aus. Eine Bar zum Liebhaben wird eingerichtet und schon zeiht sich eine Bratenspur aus Altöl bis hinauf zur Staumauer, dahinter hat sich das Brennnesselland versteckt.

Günther Kaip / Angelika Kaufmann, Der Schneemann

andreas.markt-huter - 21.09.2005

Buch-CoverSo ein Schneemann ist eigentlich eine tolle literarische Figur. Aus dem Nichts und aus reinem Spieltrieb basteln ihn die Kinder zusammen, dann wird er aufgeputzt und schön gemacht und anschließend vergessen.

Bei Günther Kaip fängt dieser vergessene Schneemann allerdings an, nachzudenken und aus dem ziemlich frostigen Schneemannleben etwas zu machen. Die Kinder haben nämlich einige Utensilien vergessen, die liegen verstreut in der Gegend herum. Was spricht also dagegen, diese Kleidungsstücke und Spielsachen den Kindern zurückzubringen?

Gerhard Kofler, Selbstgespräch im Herbst

h.schoenauer - 20.09.2005

Buch-CoverVierzig Gedichte sind bei Gerhard Kofler natürlich mindestens hundertzwanzig. Man muss die Gedichte einmal in den beiden Sprachen Italienisch und Deutsch zählen und dann noch als Atmosphäre, die zwischen diesen Sprachen herrscht.

Immer wieder wird in Fußnoten auf die feinen Anspielungen hingewiesen, die zwischen den Zeilen und Sprachen herumsurren, der italienische Dichter Torquato Tasso etwa kann auch ein Baum oder ein Dachs sein. (25)