Phil Klay, Wir erschossen auch Hunde
Wenn Sprache zur Kommunikation dient, dann muss sie folglich durchdrehen, wenn ihre Anwender ständig Menschen töten anstatt mit ihnen zu kommunizieren.
Phil Klay, der seine Biographie am Cover auf seinen Einsatz als US-Marine im Irak reduziert, stellt in seinen zwölf Erzählungen Ereignisse vor, die auf den ersten Blick nicht von dieser Welt sind. Das beginnt mit dem ersten Satz eines Ich-Erzählers, der wie selbstverständlich davon berichtet, dass sie auch Hunde erschossen haben, die sie fachmännisch umbringen wie echte Feinde, mit drei Schuss hintereinander, sodass die Schockwellen der Gewehrkugeln das feindliche Gewebe zerstören, noch ehe das Herz getroffen ist.
Da sucht man als Leser jahrelang einen Begriff für jene Dinge, die noch fragmentarisch in der Erinnerung da sind, aber im öffentlichen Leben schon verschwunden sind, und da kommt glücklicherweise Beppo Beyerl daher und hat ihn: Verschwindung.
Die Frage nach dem sogenannten Erzählstandpunkt führt Autoren oft direkt ins Meldeamt, wo sie beinahe amtlich festlegen, wo sie wohnen.
Historische Romane bieten eine gute Gelegenheit mit den Vorfahren zu sprechen, denn wir sind nicht nur durch deren Gene geprägt sondern auch von den Vorurteilen und Glaubensideen der Altvorderen.
Wenn jemand abgekoppelt von allen Mitteln, die zum Leben notwendig sind, sein Dasein fristen muss, lebt er quasi an der Nullstufe der Existenz.
„Dennoch glaube ich, dass Forscher aus den Sozialwissenschaften wie allen anderen Disziplinen, Journalisten und Kommentatoren sämtlicher Medien, Gewerkschaftler und politische Aktivisten aller Richtungen, und vor allem sämtliche Bürger ernsthaft über Geld nachdenken sollten […]. Diejenigen, die viel davon haben, werden gewiss nicht vergessen, ihre Interessen zu verteidigen. Von den Zahlen nichts wissen zu wollen, dient selten der Sache der Ärmsten.“ (793)
Städte historischer Verdichtung sind immer auch mit Gewalt konfrontiert. Die ukrainische Stadt Lviv ist im letzten Jahrhundert stets auch ein Ort brachialer Vernichtung gewesen, so dass man Übersetzungen aus dieser Stadt gerne etwas abmildert. Aus dem „Tango des Todes“ ist im Deutschen jetzt das Proust-sachte „Im Schatten der Mohnblüte“ geworden.
Am eindringlichsten lassen sich Orte porträtieren, wenn Heldinnen und Helden als Fremde von diesen sozialen Gebilden angenommen oder abgestoßen werden. Die Protagonisten vereinen dabei in ihrer kombinierten Innen- und Außensicht fixe Eindrücke der Einheimischen mit elastischen Gedankengängen aus anderen Kulturen.
Die Geschichte ist insgesamt ein grobmaschiges System, durch das letztlich mehr Menschen unbehelligt bleiben als von ihr wahrgenommen werden. Vielleicht ist es der geheime Sinn von Menschen in Randlage, dass sie ihre Geschichte individuell verwalten und sie nicht als Baustein irgendeines Gefüges ausgenutzt werden.
Man muss die Literaturwissenschaft nur wörtlich nehmen, dann hat man stets genug Stoff für Unterhaltung.