Geschichte | Politik

Tim Parks, Stille

andreas.markt-huter - 08.01.2007

Buch-CoverWieder einmal ist das Gebirge jenes Trampolin, in das sich Mittfünfzigjährige voller Erschlaffung fallen lassen in der Hoffnung, dass noch etwas Tolles wird aus dem Leben.

Tim Parks schickt seinen Helden Harold Cleaver ins putzig verrückte Südtirol, um den angeschlagenen Starjournalisten und Versagervater ein wenig für die nächsten Lebensjahre aufzumotzen, Stille ist angesagt.

Walter Kempowski, Alles umsonst

andreas.markt-huter - 15.12.2006

Buch-CoverEfeu, Georgenhof, drei Kühe, drei Schweine, Blaubeeren, ein nachdenklicher Pole und zwei muntere Ukrainerinnen – wir befinden uns punktgenau 1945 unweit von Mitkau, einer kleinen Stadt in Ostpreußen.

Zugegeben, so setzen romantisch große Romane ein, mit jeder Fügung ist klar, dass es sich hier um den großen Erzählgestus von würdiger Erinnerungsliteratur handelt, zwischen den Zeilen schaut uns der Text mit großen Germanistenaugen an und nickt uns zu: Du bist ein guter Leser, wenn du diesen Roman liest!

Alek Popov, Mission: London

andreas.markt-huter - 25.10.2006

Buch-CoverBotschafterromane haben immer etwas Skurriles an sich. Da ist zum einen die abgehobene Sprache, mit der sich Diplomaten gegenseitig die Nasenkrümel aus der Semantik ziehen, und zum anderen das Elitebewusstsein, wo immer ein Botschafter auch ist, er hält sich in einem sozial besonders ätherischen Areal auf.

Frisch wie Gemüse aus Bulgarien trifft Varadin Dimitrov in seiner Botschaft in London ein. Er soll den kulturellen Anschluss Bulgariens an die westliche Welt ermöglichen und hat eine Wahnsinnserrungenschaft in seinem Gepäck. Das erste WC der Welt wurde in Bulgarien entwickelt. Quasi als Einstandsgeschenk soll diese Leistung der Kunstwelt des Westens in einer Hommage-Installation dargeboten werden.

Michael Glawogger, Working Man's Death

andreas.markt-huter - 12.10.2006

Buch-CoverWarnung: Arbeit kann zu Ihrem Tod führen! – Dieses Schild steht natürlich nirgends, aber es müsste an vielen Schauplätzen der Arbeit angebracht sein.

Michael Glawogger zeigt in seinem Film ein paar groteske Höhepunkte vernichtender Arbeit. Ein Schlachthof unter freiem Himmel in Nigeria, eine Demontage-Werft in Pakistan, eine aufgelassene Mine in der Ukraine, Phosphoradern auf den Philippinen und Stahlwerke vollautomatisiert und als Erinnerungsgarten für die Kids.

Juri Andruchowytsch, Moscoviada

h.schoenauer - 20.07.2006

Buch-Cover„Diese Stadt hat nichts mehr zu verschenken. Es ist eine Stadt der Verluste. Es ist die Stadt der tausendundeinen Folterkammer. Stadt von Syphilis und Hooligans. Es wäre gut, sie dem Erdboden gleichzumachen. Wieder die dichten finnischen Wälder zu pflanzen, die es früher hier gab.“ (89/90)

Klar, diese Stadt kann nur Moskau sein, unregierbar längs zur Geschichte und quer zum Zeitgeist positioniert, anarchistisch üppig und dogmatisch kastriert, ein Unding, das letztlich nur eines produziert: Stoff und Stoff und Stoff für die Literatur.

Gerhard Fritsch, Katzenmusik

h.schoenauer - 04.07.2006

Buch-Cover

Wollte man in der Kürze eines SMS-Dreizeilers das Wesen Österreichs beschreiben, so würde man wahrscheinlich die Wörter „rosa“, „süß“ und „Punschkrapfen“ verwenden.

Die präziseste Darstellung in der österreichischen Literatur stammt aus dem Romanfragment Katzenmusik von Gerhard Fritsch:

Agota Kristof, Die Analphabetin

h.schoenauer - 17.05.2006

Buch-Cover

„Ich lese. Das ist wie eine Krankheit. Ich lese alles, was mir in die Hände, vor die Augen kommt: Zeitungen, Schulbücher, Plakate, auf der Straße gefundene Zettel, Kochrezepte, Kinderbücher. Alles, was gedruckt ist. Ich bin vier Jahre alt. Der Krieg hat gerade angefangen.“ (7)

Manche Bücher fahren gleich mit dem ersten Absatz ins Herz der Leser, da wird nicht lange gefackelt. Agota Kristofs Hommage an ein durchgelesenes Leben fängt mit so einer Kampfansage an die Dummheit und Trägheit an, Lesen ist wie eine Krankheit, die zur heftigen Gesundheit führt!

Paula Fox, Der kälteste Winter

h.schoenauer - 15.03.2006

Buch-Cover

Die Erinnerung ist ein komisches Ding, sie setzt oft unvermittelt ein und hält sich auch nicht immer an die Spielregeln der Logik.

Paula Fox erzählt in ihren Erinnerungen an das befreite Europas von diesen Geröllmassen, über die das Gehirn stolpert, wenn es im Rösselsprung von der Gegenwart in die Nachkriegszeit hüpft. ?Die Erinnerung setzt oft mitten in einer Geschichte ein.? (15)

Susanne Schaber, Herr Hofer und sein Hosenträger

h.schoenauer - 11.03.2006

Buch-Cover

Gute Geschichten müssen immer wieder neu erzählt werden, bis entweder das Kind zu Hause eingeschlafen oder das Festpublikum im Gemeindesaal eingenickt ist, ehe dieses von Applaus und jenes vom Harndrang zur Unzeit geweckt wird.

Susanne Schaber erzählt die Tiroler Einschlafgeschichten, bei denen normalerweise das Festpublikum wegdöst, so frech und spritzig, dass man als Leser unbedingt wissen will, wie sie weitererzählt, obwohl diese Geschichten ja jedem Patrioten schon bekannt sind.

Carlo Romeo, Flucht ohne Ausweg

h.schoenauer - 23.02.2006

Buch-Cover

Historische Romane sind vielleicht die Urform des Erzählens, unter dem Deckmantel der historischen Wahrscheinlichkeit kann dabei der Autor Alternativen, Fiktionen, Gerüchte oder schlichtweg Flunkereien ausführen, die aus jedem noch so kleinen Schicksal einen ordentlichen Helden machen.

Im Falle des so genannten „Banditen“ Karl Gufler aus dem Passeier kommt hinzu, dass Carlo Romeo den Roman in Italienisch verfasst hat, also dem bodenständig deutsch röchelnden Abenteurer eine andere Landessprache verpasst hat. Dieser Roman auf Italienisch ist erst jetzt nach zwölf Jahren ins Deutsche übersetzt worden.