Geschichte | Politik

Paul Flora, Wie's halt so kommt

andreas.markt-huter - 05.07.2007

Buch-Cover

Interessante Biographien haben entweder einen Lebensinhalt, der den Leser vom Sessel haut, oder eine Erzählweise, die jedes Publikum mit offenem Mund in den Bann zieht.

In Paul Floras Geburtstagsbiographie, der Jubilar wird 85, kommen beide Elemente einer gelungenen Biographie zum Tragen. Felizitas von Schönborn hat aus Gesprächen, Aufsätzen und Notizen einen Abenteuerroman eines Künstlers zusammengestellt, und Paul Flora, der Meister der verschmitzten Untertreibung, hat große Sachen bescheiden, und kleine Anekdoten süffisant unterdimensioniert zum Besten gegeben.

Jeffrey Metzner, Strich für Strich

andreas.markt-huter - 27.06.2007

Buch-CoverAngenommen wir hätten nur die Kunst der archaischen Höhlenzeichnung zur Verfügung, könnten wir dann unsere scheinbar so komplexe Welt darstellen?

Zumindest Jeffrey Metzner kann es. In einem verrückt einfachen Stil, bei dem das so genannte Strichmännchen bereits eine üppige Figur ist, zeichnet er sowohl dramatische Vorgänge als auch psychologische Tiefgänge.

Walter Pucher, Marsgeografie

andreas.markt-huter - 20.06.2007

Buch-CoverVom Umschlag blinzelt das Rote Haus aus Dornbirn herunter, eine kleine Referenz an den roten Planeten, wie der Mars wegen seiner Feurigkeit und Lust auf ferne Emotionen genannt wird.

In Walter Puchers Novelle „Marsgeografie“ geht es um Sehnsucht, Wissenschaft, Herzausschüttung und die Vermessung der scheinbar unermessbaren Gefühlsgeographie. Schmachtender Held ist der italienische Astronom Giovanni Virginio Schiaparelli (1835-1910), der als der Entdecker der Marskanäle gilt.

Ludwig Laher, Und nehmen was kommt

andreas.markt-huter - 11.04.2007

Buch-CoverManchmal knüpft der erste Absatz eines Romans bereits einen dermaßen vertrauenswürdigen Knoten mit dem Leser, dass man von der ersten Zeile an weiß, man ist in guten Erzähl-Händen.

Ludwig Laher ist für eingeweihte Leser ein Paradoxon, er erzählt nämlich die schmerzhaftesten Biographien mit einer mitreißenden Diskretion. Natürlich verheißt dieses verwucherte Gartenstück am Beginn dieses Romans nichts Gutes.

Johann-Günther König, Die Lobbyisten

andreas.markt-huter - 02.04.2007

Buch-CoverIrgendwie sind sie ja die geborenen Geheimagenten, halb im Schatten sitzend, halb auf dem Sprung zu einer Türklinke eines Mächtigen. Die Lobbyisten sind immer da, wenn auch meist unsichtbar. Und wenn bei ihrer Arbeit die Vordertüre versperrt ist, nehmen sie den sprichwörtlichen Hintereingang des Mandatars.

Ihr Name leitet sich von der Lobby eines Hotels ab, worin seit Jahrhunderten diverse Interessensvertreter warten, bis der Mächtige vorbeikommt, um ihm dann die eine oder andere Entscheidung abzuringen.

Dimitri Prigow, Moskau-Japan und zurück

andreas.markt-huter - 01.04.2007

Buch-CoverWenn ein ehemaliger Untergrund-Autor so großen Wert darauf legt, dass sein Roman „non-fiction“ ist, dann spricht daraus bereits eine gewisse Lebenserfahrung im Umgang mit der so genannten Wahrheit.

Vordergründig handelt es sich bei Dimitri Prigows Text um einen Reisebericht. Der Ich-Erzähler landet in Japan und hat den starken Wunsch, das alles niederzuschreiben. So gibt es einen Start, der schlicht ‚Beginn’ heißt und die Lebensweisheit aus der Sowjetunion für Jugendliche zusammenfasst: Wenn Schlägertypen auftauchen, sagt man einfach geht weg, und die Typen gehen weg.

Hofer / Lienhart , idealistisch und wagemutig

andreas.markt-huter - 05.03.2007

Buch-CoverDie markanteste These vorweg: Obwohl das SOS-Kinderdorf in der Praxis von Frauen aufgebaut worden ist, dreht sich letztlich alles um einen Männermythos, den Übervater Hermann Gmeiner.

Bettina Hofer und Christina Lienhart wagen sich als Insider von SOS-Kinderdorf an die heikle Aufgabe, den Pionierinnen der Bewegung in herzlicher Weise gerecht zu werden sich dabei an wissenschaftliche Standards historischer Würdigung zu halten.

Ronald Pohl, Die algerische Verblendung

andreas.markt-huter - 22.02.2007

Buch-CoverJeder Roman hat ja einen höheren Sinn, vielleicht ist der Sinn der „algerischen Verblendung folgender: Albert Camus wollte einst mit dem „Fremden“ einen grellen Algerienroman der Kolonialzeit schreiben.

Herausgekommen ist das Schicksal eines mysteriösen, fast mythisch verschlossenen Fremden, der am Höhepunkt des Romans einen Araber erschießt, damit wenigstens etwas geschieht.

Gerhard Ulbrich, Geh mit Gott und stirb

andreas.markt-huter - 14.02.2007

Buch-CoverDie wahren historischen Ereignisse handeln alle vom Sterben der Menschen. Erzähle mir was vom Tod und ich weiß alles über die Zeit.

Sieben Jahre nach dem Publikationsstart von Gerhard Ulbrichs Sterbe-Triologie, der erste Teil „Stillfried“ spielt um 1991und erzählt das elende, radioaktiv verseuchte Sterben kurz nach Tschernobyl, erscheint jetzt der Mittelteil. In „Geh mit Gott und stirb“ geht der Vertreter der nächsten Generation nach Ruanda, gerät in den Bürgerkrieg, und bringt sich wegen des daraus entstehenden Wirrwarrs im Kopf um.

Richard Wall, Rom

andreas.markt-huter - 08.02.2007

Buch-CoverGanz Rom ist ein Palimpsest, Geschichten, Gebäude, Kulturen und Wetterlagen sind dermaßen in einander verschachtelt, dass man nie die einzelnen Schichten als Ganzes los lösen kann. Wie wenn man ein Stück Wurzel aus der Erde zieht, ist immer noch etwas von früher und von woanders dran.

In der Kultur- und Literaturtheorie ist ein Palimpsest ein Text, in welchen aus pragmatischen Gründen ein anderer hineingeschrieben worden ist. Das berühmteste Palimpsest der Literaturgeschichte gibt es bei Thomas Pynchon, wo Agenten unter dem Schnauzer die geheime Botschaft eingeschrieben haben, sichtbar nur für jenen, der die richtige Rasur kennt.