Gesellschaft | Kultur

Elias Schneitter, Zu guter Letzt

h.schoenauer - 14.05.2006

Buch-CoverDie wahren Geschichten krabbeln heimlich und geduckt durch die glatt polierte Gesellschaft wie die sprichwörtlichen Kakerlaken durch die Küche.

Wer am Rande der Gesellschaft steht, muss deshalb nicht gescheitert sein, lautet so eine Erkenntnis des literarischen „Arme-Leute-Anwaltes“ Elias Schneitter. In seinen jüngsten Erzählungen geht es folglich um Helden, die sich verrückt geduldig mit den Ungereimtheiten des Lebensstroms auseinandersetzen müssen.

Javier Salinas, E

h.schoenauer - 08.05.2006

Buch-Cover

Was vorerst wie ein aus einem größeren Schriftzug gefallener Buchstabe vom Cover herunterglotzt, ist dieses E, eine Hauptperson, die sich zu einem einzigen Zeichen verschrumpelt hat.

Javier Salinas geht in seinem spritzigen Roman vom großen E der Frage nach, wie eine Identität entsteht, wann eine Person als solche ihre Grenzen erreicht und wie Weltstoff auf ein einziges Hirn herunter gebrochen werden kann.

Margit Hahn, Totreden

h.schoenauer - 30.04.2006

Buch-Cover

Es gab einmal eine Literatur der Arbeitswelt, die war noch viel bitterer als die Arbeitswelt selbst und wurde nach dem kohleschwarzen Industrieort der DDR „Bitterfelder Weg“ genannt. Mittlerweile ist die Arbeitswelt tief-dirty geworden, aber die Literatur begegnet diesem Höllenphänomen mit Witz und Skurrilität, man denke nur an Kathrin Rögglas über-wachen Roman „Wir schlafen nicht“.

Margit Hahn postiert in ihren gut zwanzig Erzählungen Figuren rund um die Arbeitswelt, die entweder schon tot sind, und darüber noch reden, oder ihr Leben gerade kaputt reden. Ausgepumpte Menschen zwischen vierzig und geht nicht mehr legen uns Lesern ihre Herzen auf den Tisch mit der Bitte, sie irgendwie zu reanimieren oder doch so zu tun, als sei es noch nicht so schlimm.

Bernd Cailloux, Das Geschäftsjahr 1968/69

h.schoenauer - 22.04.2006

Buch-Cover

Nirgendwo wird so getrickst wie in den Bilanzen eines Geschäftsjahres. Scheinbar nüchterne Berichte sind hintennach betrachtet oft die größte fiktionale Kunst. Was liegt also näher, als aufregende Emotionsschübe einer Pop-Flop-Spot-Welt von 1968 in das Kleid eines Geschäftsjahres zu stecken.

Bernd Cailloux knüpft seinen Helden von damals Manschettenknöpfe einer wirtschaftlich seriösen und prosperierenden Lebensstrategie in die aufgekrempelten Ärmel.

Peter Plattner, Von Grün und anderen Touristen

h.schoenauer - 18.04.2006

Buch-Cover

Die griffigste Sehnsucht entsteht durch eine einfache Landkarte, worauf magisch-reale Orte wie vergrabene Schätze verzeichnet sind. In Peter Plattners Reiseroman vom „Grün“ ist eine solche Sehnsuchtskarte im Vorspann eingelegt.

Die Karte zeigt in Abenteuer-Manier einen Ausriss aus Südamerika, in Kolumbien ist etwa Bahia Solana eingezeichnet, in Venezuela Ciudad Bolivar, in Bolivien Potosi. Zwischen den Orten wuchern Gebirge, wilde Wasser und Dschungel, Dschungel, Dschungel.

Dimitré Dinev, Ein Licht über dem Kopf

h.schoenauer - 01.04.2006

Buch-CoverAlle guten Dinge sind drei, und über die Aktion ?Innsbruck liest? sind mittlerweile drei Bücher kostenlos an die Bevölkerung verteilt worden, die alle das Prädikat wunderbar, ergreifend, aufwühlend tragen. Nach Thomas Glavinic?s Roman "Der Kameramörder" und Sepp Mall's Roman "Wundränder" ist heuer Dimitré Dinev mit seinen Erzählungen "Ein Licht über dem Kopf" in allen Händen und in aller Munde.

Es gibt in der Literatur die ergreifende Erkenntnis, dass wir alle Emigranten sind, denn zumindest aus der Kindheit musste jeder von uns einmal aussiedeln und hat somit die elementare Erfahrung der Emigration am eigenen Leibe erfahren können. In den Erzählungen Dinevs sind die Figuren ständig unterwegs mit einer Selbstverständlichkeit, als ob Unruhe, Wanderschaft, Emigration und Flucht das Selbstverständlichste der Welt wären.

Vladimir Sorokin, Bro

h.schoenauer - 28.03.2006

Buch-Cover

Wie erklärt ein 1955 geborener russischer Schriftsteller um 2005 seinen Lesern, wie das mit dem Stalinismus gewesen ist? – Ganz einfach, er bedient sich eines literarischen Januskopfes aus den Erfolgsserien Universum und Verheißung.

Der Roman Bro legt plastisch, dynamisch und russisch-realistisch los, wie man es sich von Puschkin oder Dostojewski erwarten würde, müssten sie heute noch immer schreiben. 1908 wird der Ich-Erzähler geboren und zur gleichen Zeit geht in Sibirien ein Giga-Meteor nieder. Das Kind erlebt alles easy und ist umspült von satt-bunter Leichtigkeit, wie eben die Kindheiten ausschauen, wenn sie von gesetzten Dichtern als pure Kindheit rekonstruiert werden.

Bernhard Aichner, Nur Blau

h.schoenauer - 26.03.2006

Buch-Cover

Kunst kann verrückte Lebenswege auslösen und auch die Wege zur Kunst sind oft ziemlich verrückt. Im Mittelpunkt des Kunst-Road-Movies von Bernhard Aichner steht ein blaues Bild von Yves Klein.

Dieser Yves Klein, 1928 in Nizza geboren und 1962 in Paris gestorben, wurde in seiner kuren Karriere vor allem mit dem IKB (International Klein Blue) berühmt. Dabei werden Pigmente ohne Öl mit einem Fixativ aufgetragen und entwickeln ein unnachahmlich inniges Blau.

Paula Fox, Der kälteste Winter

h.schoenauer - 15.03.2006

Buch-Cover

Die Erinnerung ist ein komisches Ding, sie setzt oft unvermittelt ein und hält sich auch nicht immer an die Spielregeln der Logik.

Paula Fox erzählt in ihren Erinnerungen an das befreite Europas von diesen Geröllmassen, über die das Gehirn stolpert, wenn es im Rösselsprung von der Gegenwart in die Nachkriegszeit hüpft. ?Die Erinnerung setzt oft mitten in einer Geschichte ein.? (15)

Susanne Schaber, Herr Hofer und sein Hosenträger

h.schoenauer - 11.03.2006

Buch-Cover

Gute Geschichten müssen immer wieder neu erzählt werden, bis entweder das Kind zu Hause eingeschlafen oder das Festpublikum im Gemeindesaal eingenickt ist, ehe dieses von Applaus und jenes vom Harndrang zur Unzeit geweckt wird.

Susanne Schaber erzählt die Tiroler Einschlafgeschichten, bei denen normalerweise das Festpublikum wegdöst, so frech und spritzig, dass man als Leser unbedingt wissen will, wie sie weitererzählt, obwohl diese Geschichten ja jedem Patrioten schon bekannt sind.