Gesellschaft | Kultur

Carl Djerassi, EGO

h.schoenauer - 02.08.2004

Buch-Cover

Vermutlich jeder hat einmal als Kind davon geträumt, seinem eigenen Begräbnis zusehen zu dürfen, denn niemals ist die Freude so groß, wie wenn andere um einen weinen.

Schriftsteller träumen ein Leben lang davon, dass um sie geweint wird, vor allem, wo sie doch so tolle Sachen geschrieben haben. Das echte Ego ist also zeitlos und kommt oft erst nach dem Tod zur vollen Geltung.

Antonio Fian, Bis jetzt

h.schoenauer - 01.08.2004

Buch-Cover

Einen Jubiläumsband zum 48. Geburtstag zu ordern, das entspricht genau der Schreibverfassung Antonio Fians. Er greift die Dinge wie ernst auf und verfremdet sie durch eine zu kurze oder zu lange Einschätzung der Lage.

Bei ihm sind die Bretter generell zu kurz abgeschnitten und die Einbauschränke zu lang, aber gerade dadurch sprengt er das Korsett des gewohnten Blicks, meisterhaft ausgeführt in seinen Dramoletten.

Janusz Glowacki, Die Unterhose, die Lotterie und das Schwein

h.schoenauer - 23.07.2004

Buch-Cover

Der öffentliche Sinn besteht oft darin, dass die skurrilsten Dinge scheinbar logisch miteinander zusammenhängen.

Im Unterhosenroman von Janusz Glowacki hängen über eine Tag und Nacht neu generierte Öffentlichkeit tatsächlich so völlig verschiedene Dinge wie Wäsche, Glück und Haustier zusammen.

Felix Mitterer, Die Beichte

h.schoenauer - 21.07.2004

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So wie vergangene Schülerjahrgänge einst lernen mussten, Bert Brecht habe das epische Theater erfunden, werden kommende Jahrgänge lernen müssen, Felix Mitterer habe das chronische Theater erfunden.

Chronisches Theater bedeutet einerseits, dass die Stücke chronisch auf irgendeiner Bühne sind, und andererseits, dass der Stoff aus der allgemeinen Tiroler Chronik stammt. Alles, was einmal im Chronikteil einer Zeitung vorgekommen ist, kann Stoff für ein Stück sein.

Christian Steinbacher, Die Treffsicherheit des Lamas

h.schoenauer - 20.07.2004

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Zumindest bei Kindern ist das Lama das lustigste Tier der Welt, es darf nämlich das, was andere nicht dürfen: ordentlich spucken.

Und auch in Krimis greift während eines Verhörs die Polizei gerne auf das Lama zurück und befiehlt: Spuck
es aus!

Heinrich Klier, Etschland-Ballade Ein Südtirolroman

h.schoenauer - 20.07.2004

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"So, wer ist jetzt der Musso? Den stecken wir in das Loch und schiffen drauf. Einer muß den Musso spielen." (104)

Die Kinder spielen in allen Kulturen am unverfrorensten. Im Südtirol-Epos aus kalter Nachkriegszeit, spielen die Kinder Mussolini, die Zeitgeschichte liegt allenthalben zum Greifen auf, Worthülsen, Emotionen und Handgreiflichkeiten werden mit beiden Händen ausgefasst und ausgegeben.

Rosmarie Thüminger, Sichelmondleben

h.schoenauer - 14.07.2004

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In einer Atmosphäre, in der sich vom Bundespräsidenten abwärts alle scheiden lassen, die sich nur irgendwie trennen können, ist die "Geschiedene Gesellschaft" zum Markenzeichen der "Nuller-Jahre" des neuen Jahrtausends geworden.

Wenn die Scheidung der Normalzustand ist, was ist dann der klassische Familienbegriff noch wert, außer dass er in alten Geschichten und neuen Sonntagsreden vorkommt?

Helmut Rizy, Andreas Kiesewetters Arbeitsjournal

h.schoenauer - 13.07.2004

Buch-CoverSpannung entsteht immer an jener Auflage, wo die Fiktion auf der Landebahn der Realität aufsetzt. In Spionagefilmen löst die höchste Spannung immer jenes sagenumwobene Quietschen der Reifen aus, wenn das Flugzeug mit dem Helden an Bord auf der Landebahn des Einsatzortes aufsetzt.

Helmut Rizy hat dieses Quietschen in der Literatur zum Anlass genommen, um einen Roman über das Aufsetzen erfundener Geschichten in einer harten literarischen Realität zu beschrieben. Der Herausgeber, Textmanager und Promotor des Romans ist eher zufällig auf den Einbuchbestseller Kiesewetter gestoßen, der ein typisches Genieschicksal durchleben muss.

Rolf Dobelli, Und was machen Sie beruflich? Roman

h.schoenauer - 12.07.2004

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Ein Mensch, am jeweiligen Höhepunkt seiner Zeit, verändert sich im Fünfjahresrhythmus.

Gerade hat uns Rolf Dobelli beglückt mit einem Roman über einen 35-Jährigen, der den Knick an der Mitte seines Lebens erfährt, jetzt gibt es im neuen Roman einen Protagonisten, dem mit vierzig das Leben den Bach hinunter rinnt, auf makaber witzige Weise.

Peter Handke, Don Juan (erzählt von ihm selbst)

h.schoenauer - 28.06.2004

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Bücher lassen sich zweifach lesen, einmal als heftige Zeitgenossenschaft und einmal als Archiv. Peter Handkes Bücher haben die Eigenschaft, synchron beides zu sein, nämlich Archiv und Zeitgenossenschaft.

So gibt es durchaus Leser, die die Zeit in Handke-Bücher einteilen, 1972 war das "Wunschlose Unglück", 1982 die "Geschichte des Bleistifts", 1992 die "Stunde, da wir nichts voneinander wussten" und jetzt 2004 ist das Jahr vom "Don Juan".