Gesellschaft | Kultur

Giwi Margwelaschwili, Bedeutungswelten

h.schoenauer - 04.12.2019

giwi margelaschwili, bedeutungsweltenDie Heftigkeit eines Lebens lässt sich unter anderem daran messen, wie lange ein Interviewer braucht, um das Wesentliche einer Lebenskarriere darzustellen.

Bei Giwi Margwelaschwili dauert es fünf Tage im Frühjahr 2016, bis der Verleger des Verbrecherverlages Jörg Sundermeier mit den wichtigsten Fragen durch ist. Es kommt aber auch alles zusammen, was ein unglaubliches Leben ausmachen kann. Und wo die Fakten durch bloße Anrufung nicht ausreichen, werden manche Lebensstationen geschönt und zur allgemeinen Nachahmung aufbereitet.

Jan Christian Gertz (Hg.), Grundinformation Altes Testament

andreas.markt-huter - 02.12.2019

Jan christian gertz, grundinformation altes testament„Das Alte Testament ist ein durch und durch theologisches Buch und literarisches Kunstwerk. Es geht in dieser Schriftensammlung nicht darum, die Entstehung der Welt als Augenzeugenbericht vorzustellen oder die Ereignisse der Geschichte Israels und Judas als Kompendium der Palästinageschichte aneinander zu reihen, sondern darum, die eigene Vergangenheit auf dem Hintergrund von Gottes Gegenwart zu deuten, so die eigene Gegenwart zu verstehen, um die Zukunft zu gestalten.“ (S. 21)

Das Lehrbuch „Grundinformation Altes Testament“ führt in die Geschichte, Literatur und Religion des Alten Testamentes und bietet Informationen und Hintergrundwissen für sein tieferes Verständnis. Damit stellt das Sachbuch die aktuellen Forschungsergebnisse für einen sachlich angemessenen Umgang mit dem Alten Testament in der kirchlichen und schulischen Praxis vor. Dabei wird das Spannungsfeld zwischen aktueller Fachdiskussion und mitunter weit entferntem öffentlichen Wissenstand zum Thema besonders berücksichtigt.

Augusta Laar, Planet 9

h.schoenauer - 29.11.2019

augusta laar, planet 9Gedichte im Ausmaß von Planeten, das terrestrische Planetensystem, das mit der Zahl neun überschritten wird, dazu noch Fragmente und Instruktionen prägen Band zwanzig der „Neuen Lyrik aus Österreich“.

Augusta Laar hat mit „Planet 9“ Großes im Auge und bereits mit dem Motto wird jeglicher irdische Ballast abgeworfen. David Bowie: „Look up here, I am in heaven.“ In sechzig Text-Konstellationen geht es in der Folge um fertige Gedichte, die wie Planeten durch den poetischen Kosmos kreisen, um Fragmente, deren endgültige Gestalt sich nur erahnen lässt, und um Instruktionen, wie man diesem galaktischen Treiben begegnen könnte.

Christine Zucchelli, Wie tut ein wildes Wandern wohl

h.schoenauer - 27.11.2019

christine zucchelli, wie tut ein wildes wandern wohlDer Tourismus benötigt jeweils hundert Prozent der Fläche eines Landes. Es gibt keine Ritze und keine Kluse, worin nicht im Verlaufe eines Jahres ein Tourist stecken würde. Tirol ist mittlerweile so erschlossen und touristisch bombardiert, dass man selbst die Literatur nur mehr dann an das Publikum bringt, wenn sie nach touristischen Grundsätzen produziert und aufbereitet ist.

Christine Zucchelli erschließt mit ihrem Wanderführer Landschaft und Literatur gleichsam. Im Gehen lässt es sich am besten denken, wissen wir seit Thomas Bernhard, und über den Gipfeln ist Ruh‘, wenn man Goethe Glauben schenkt. Wenn man zweihundert Jahre im Gebirge zurückblättert, so gibt es keinen Stein, keinen Pfad und keine Kapelle, die nicht von irgendeinem Dichter im Gebirge besungen worden wäre.

Rainer Mausfeld, Angst und Macht

andreas.markt-huter - 25.11.2019

bild: rainer mausfeld, angst und macht„Die historisch stets enge Beziehung von Angst und Macht soll dabei unter dem Aspekt behandelt werden, wie sich gesellschaftliche Machtverhältnisse in kapitalistischen Demokratien stabilisieren und sichern lassen. Die dazu erforderlichen Herrschaftstechniken müssen insbesondere dazu geeignet sein, das unauflösliche Spannungsverhältnis von Kapitalismus und Demokratie zu verschleiern.“ (S. 12)

In vier Beiträgen setzt sich Rainer Mausfeld mit gegenwärtigen Herrschaftstechniken auseinander, die in kapitalistischen Demokratien angewandt werden, um durch Angsterzeugung gesellschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen, zu steuern oder zu stabilisieren und zu sichern.

Helmut Luther, Mussolinis Kolonialtraum

h.schoenauer - 22.11.2019

helmuth luther, mussolinis kolonialtraumEin nicht zu unterschätzendes Motiv für Migrationsströme ist der sogenannte „Gegenbesuch“. Viele Völker, deren Vorfahren einst von Europäern aufgesucht und heimgesucht worden sind, treten jetzt höflich den Gegenbesuch nach Europa an.

Der Reiseschriftsteller Helmut Luther geht in seinem Abessinien-Buch den Spuren Mussolinis nach, die dessen faschistische Expedition in den heutigen Ländern Äthiopien und Eritrea hinterlassen hat.

Gerhard Ruiss, Kanzlernachfolgegedichte

h.schoenauer - 20.11.2019

gerhard ruiss, kanzlernachfolgegedichteSeit es keinen Kaiser mehr in Österreich gibt, muss der Kanzler für alles Ferne und Entrückte herhalten.

Gerhard Ruiss hat für diese politische Skurrilität das Genre Kanzlergedichte kreiert. In Kanzlergedichten wird der ferne Kanzler angebetet, mit eigenen Worten gefeiert und seine möglichen Gedanken werden ihm selbst ins poetische Gehirn projiziert. Je nach Standpunkt und Ergriffenheit können diese Gedichte als wagemutig, frech und witzig empfunden werden. Sie sind aber auch immer eine leise Verhöhnung des Kanzlerwesens, weil sie ex kathedra intelligenter sind als der Kanzler.

Heathcote Williams, Die Windsors - Eine schrecklich nette Familie

andreas.markt-huter - 18.11.2019

bild: heatcote williams, die windsors„Wenn du zur Königsfamilie gehörst, ist England praktisch dein Privatanwesen, / Aus dem du, nachdem du majestätisch durch prachtvolle Häuser gerauscht bist, / Heraustrittst, um der allgemeinen Bevölkerung zuzuwinken / Und sodann Titel und Blechmedaillen an die Gutsarbeiter auszuteilen.“ (S. 56)

Der Dramatiker und Lyriker Heathcote Williams offenbart in seiner, im Geiste der Aufklärung und in Form eines Gedichtes verfassten poetischen Kritik, die dunklen Seiten der königlichen englischen Familie, deren positives Image er als Ausdruck der Ignoranz und des Selbstbetrugs der Öffentlichkeit brandmarkt.

Roman Israel, Flugobst

h.schoenauer - 15.11.2019

roamn israel, flugobstDas Gegenteil von Fallobst ist Flugobst. Während das eine satt und bodenständig auf der Erde aufschlägt und zu Schnaps verarbeitet wird, kommt das andere edel und exquisit mit dem Flugzeug von den Enden der Erde angeflogen.

Roman Israels Flugobst ist ein sogenannte Klusen- oder Übergangsroman. An der Grenze der ehemaligen Brüderländer DDR und Tschechoslowakei rückt der Westen unbarmherzig in die kapitalistisch brachliegenden Ländereien ein und überhäuft alles mit dem goldenen Glanz des frischen Geldes.

Judith W. Taschler, David

h.schoenauer - 13.11.2019

judith taschler, davidIn der Literatur tritt das Unwahrscheinliche völlig selbstverständlich auf. Eine Frau kracht mit dem Auto gegen einen Baum und ist tot, sie wird von einem Jungen gefunden, der nicht weiß, dass er gerade die leibliche Mutter birgt.

Judith Taschler erzählt in ihrem Roman David von einer Art literarischer Familienaufstellung. Jede Figur hat darin eine wohl-komponierte Aufgabe, und wenn eine fehlt, wird der Roman sofort unruhig und unrund. Schon beim Eintritt in das Buch stößt der Leser auf der Umschlaginnenseite auf einen seltsamen Stammbaum. Er ist wie üblich über mindestens drei Generationen angelegt, aber nur die Felder der Heldinnen sind ausgeschrieben, die Felder der Zugeheirateten bleiben leer. Erste Lehre aus dem Roman: Wir lesen Stammbäume immer pragmatisch, was wir nicht brauchen können, lassen wir weg.