Philosophie | Religion

Peter Pessl, Die Dakini-Dialoge

andreas.markt-huter - 15.01.2007

Buch-CoverManchmal geht auch die Fiktion auf Expedition und kehrt mit einem Rucksack voller Kultgegenstände und semantisch frisch kolorierter Bilder auf den Europäischen Kontinent zurück.

Peter Pessl schickt seine Fiktion in den Himalaya, er selbst ist natürlich auch dabei und zeichnet zwischendurch Stimmungen, Lagepläne und morphologische Extremkonstellationen. Rein äußerlich handelt es sich um eine Reise in den Norden Indiens, an der Grenze zu Tibet liegt das Spiti-Tal und dort werden die Dakini-Dialoge abgehört und ausgeführt.

Günther Loewit, Krippler

andreas.markt-huter - 27.09.2006

Buch-CoverLandpfarrer sind aus der Literatur nicht wegzudenken. In Vorabendserien tummeln sie sich als exotische Hochwürden über den Screen, im Unterhaltungsregal schmachten sie als Dornenvögel dahin, und im gestandenen Nachkriegsroman versuchen sie sich selbst, die Leser und das Abendland zu retten.

Bei Günther Loewit heißt der Landpfarre schlicht „Krippler“, das ist wohl eine volkstümliche Bezeichnung für jemanden, der mit der Krippe herumhantiert. Mit etwas schräger Hörlage hört man freilich auch einen Krüppel heraus und dankt dabei an eine feste Kartoffelsorte, die Kipfler genannt wird.

H. W. Valerian, Nicht zu glauben

h.schoenauer - 10.07.2006

Buch-CoverIm Alltag wird die Fügung „nicht zu glauben“ meist mit Kopfschütteln oder Seufzen unterlegt, eine Geschichte ist meist dann so richtig gut, wenn sie fast nicht zu glauben ist. Die unglaublichste Geschichte überhaupt ist freilich die Geschichte rund ums Glauben selber, sie ist tatsächlich kaum zu „derpacken“, wie man so im Volksmund sagt.

H.W. Valerian hat nichts anderes im Sinn, als mit den Mitteln der katholischen Glaubenslehre diese zu hinterfragen und ins Leere laufen zu lassen. – Ein wunderbares, intellektuell anregendes und sagenhaft spannendes Unterfangen!

Christian Futscher, Dr Vogel oder Ach was! Wine and Coffee Art

h.schoenauer - 05.07.2006

Buch-Cover

Was tun, wenn jemand durch den Zahn der Zeit erwachsen geworden ist und sich nicht mehr getraut, Bilderbücher zu lesen? – Für diese Leserschaft liefert Christian Futscher idealen Lese- und Schaustoff.

Dr. Vogel ist beim ersten Anblick ein Bilderbuch. Die Kleckse ufern zu Kontinenten aus, manchmal erkennt man sogar Amerika, manchmal nur ein Stück Abfall, aber dann ist wieder ganz deutlich das so genannte kleine Arschloch zu sehen, der Autor weist mit einem beschrifteten Pfeil punktgenau darauf hin.

Javier Salinas, E

h.schoenauer - 08.05.2006

Buch-Cover

Was vorerst wie ein aus einem größeren Schriftzug gefallener Buchstabe vom Cover herunterglotzt, ist dieses E, eine Hauptperson, die sich zu einem einzigen Zeichen verschrumpelt hat.

Javier Salinas geht in seinem spritzigen Roman vom großen E der Frage nach, wie eine Identität entsteht, wann eine Person als solche ihre Grenzen erreicht und wie Weltstoff auf ein einziges Hirn herunter gebrochen werden kann.

Bosko Tomasevic, Celan trifft H und C in Todtnauberg

h.schoenauer - 18.04.2006

Buch-CoverManchmal wird ein Ort veredelt durch die Anwesenheit eines Genies, manchmal wird dieser Ort auch zu einem Synonym für das beherbergte Genie. Bei Todtnauberg handelt es sich um einen solchen Wallfahrtsort der Philosophie. Kein Geringerer als Mister Martin Heidegger hat in diesem Schwarzwald-Ort seine Blockhütte aufgestellt und der Welt das Sinnieren über das Wesen, Ent-Wesen und Ver-Wesen beigebracht.

Der Autor Bosko Tomasevic siedelt seine Gedichte im Umfeld dieses mythischen Ortes an, schickt Sehnsüchte nach Todtnauberg, lässt lyrische Figuren aus mehreren Zeiten zueinander sprechen und errichtet so einen Gedächtnisschrein, auf dem die heftigsten Dichter wie Friedrich Hölderlin, Paul Celan oder René Char ihre lyrischen Devotionalien ablegen. Auch Georg Trakl wispert aus dem Lanser Moor bei Innsbruck eine Zeile in Richtung Westen.

Gotthard Bonell, Rituale

h.schoenauer - 09.12.2005

Buch-CoverDamit man sich nicht verzettelt und verschaut, ist dieser Rituale-Sammlung Gotthard Bonells eine kleine Einführung von Peter Weiermeier vorangestellt.

Darin weist der Kulturmoderator auf diverse Eigenheiten der Bonellschen Rituale hin. Gerade die Verschmelzung von öffentlichem Schaugestus und privater Inszenierung des Gesehenen macht das Werk am ehesten zugänglich. Anknüpfend an frühere „Leder-Arbeiten“ geht es um Partikel aus einem inszenierten Orbit sexueller Praktiken.

Jean Clair, Das Letzte der Dinge

h.schoenauer - 30.12.2004

Buch-CoverHa, das muss man sich plastisch vorstellen: In der Neuen Galerie am Landesmuseum Johanneum in Graz hält 2003 vor erlauchtem Kunstpublikum Jean Clair einen Vortrag über den großen Ekel, und eine der Hauptthesen dabei lautet: Scheiße ist für das Kunstwerk schwer formbar, weil sie ständig ins Amorphe zerfällt!

Schade, dass wir vom erlauchten Publikum nichts wissen, aber der Vortrag ist sehr edel, trotz seiner beschissenen Materie. In der Ästhetik des Sterkoralen wird wie in der Philosophie üblich auf die griechischen Urformen zurückgegriffen, wonach Parmenides behauptet, dass es für Haar und Dreck keine Idee gebe. In Dantes Inferno gibt es die schöne Stelle:

Hendrik Jackson, Brausende bulgen

h.schoenauer - 06.12.2004

Buch-Cover

In der Literatur gibt es glücklicherweise ab und zu diese Fundsstücke abseits der großen Diskussionstöpfe, und diese Kleinodien retten dann ganze Tage. 

Garantie für bemerkenswertes Literaturerlebnis ist die feine Serie "abrasch", die an den Polen der Edition Per Procura in Wien und Lana entsteht. "abrasch" meint eine beabsichtigte oder unbeabsichtigte Farbabweichung auf Orientteppichen und im übertragenen Sinn eine Sammlung für Poesie als Übersetzung.

Meinrad Schumacher, Wegmarken für suchende Christen und bekümmerte Atheisten

h.schoenauer - 21.06.2004

Buch-Cover

Manche Bücher sind so stark an den Autor gebunden, dass man diesen immer leibhaftig mitdenkt, wenn man das Buch liest. Meinrad Schumacher gilt einerseits als Boje des jeweiligen Zeitgeistes, andererseits als permanenter Widerstandskämpfer im Zeitgeist. Die Lebenskurve des ehemaligen Stadtjugendseelsorgers von Innsbruck und die offizielle Kurve der Kirche sind immer wieder auf Kollisionskurs im rechten Winkel zusammengezuckt.