Roman

Eduardo del Llano, Drei

h.schoenauer - 26.06.2006

Buch-Cover

Was immer dieses Drei auch bedeutet, es ist immer richtig. Beispielsweise ist es der letzte Teil einer Trilogie, die umgekehrt erzählt wird. „Tres“, „Dos“, „Uno“ ist also eine Abfolge, wie man im Film mit der Pistole in der Hand herunterzählt, bis es knackt oder der Delinquent ein Geständnis ablegt.

In der Insider-Sprache des Films ist Drei immer eine Hommage an die drei Farben blau, weiß, rot von Krzysztof Kieslowski. Und Eduardo del Llano ist ein Filmemacher, Filmefreak und Filmerzähler.

Javier Salinas, E

h.schoenauer - 08.05.2006

Buch-Cover

Was vorerst wie ein aus einem größeren Schriftzug gefallener Buchstabe vom Cover herunterglotzt, ist dieses E, eine Hauptperson, die sich zu einem einzigen Zeichen verschrumpelt hat.

Javier Salinas geht in seinem spritzigen Roman vom großen E der Frage nach, wie eine Identität entsteht, wann eine Person als solche ihre Grenzen erreicht und wie Weltstoff auf ein einziges Hirn herunter gebrochen werden kann.

Vladimir Sorokin, Bro

h.schoenauer - 28.03.2006

Buch-Cover

Wie erklärt ein 1955 geborener russischer Schriftsteller um 2005 seinen Lesern, wie das mit dem Stalinismus gewesen ist? – Ganz einfach, er bedient sich eines literarischen Januskopfes aus den Erfolgsserien Universum und Verheißung.

Der Roman Bro legt plastisch, dynamisch und russisch-realistisch los, wie man es sich von Puschkin oder Dostojewski erwarten würde, müssten sie heute noch immer schreiben. 1908 wird der Ich-Erzähler geboren und zur gleichen Zeit geht in Sibirien ein Giga-Meteor nieder. Das Kind erlebt alles easy und ist umspült von satt-bunter Leichtigkeit, wie eben die Kindheiten ausschauen, wenn sie von gesetzten Dichtern als pure Kindheit rekonstruiert werden.

Carlo Romeo, Flucht ohne Ausweg

h.schoenauer - 23.02.2006

Buch-Cover

Historische Romane sind vielleicht die Urform des Erzählens, unter dem Deckmantel der historischen Wahrscheinlichkeit kann dabei der Autor Alternativen, Fiktionen, Gerüchte oder schlichtweg Flunkereien ausführen, die aus jedem noch so kleinen Schicksal einen ordentlichen Helden machen.

Im Falle des so genannten „Banditen“ Karl Gufler aus dem Passeier kommt hinzu, dass Carlo Romeo den Roman in Italienisch verfasst hat, also dem bodenständig deutsch röchelnden Abenteurer eine andere Landessprache verpasst hat. Dieser Roman auf Italienisch ist erst jetzt nach zwölf Jahren ins Deutsche übersetzt worden.

Carl Ehrenstein, Der Zumpel

h.schoenauer - 14.02.2006

Buch-CoverManchmal entsteht eine Kostbarkeit dadurch, dass nichts mehr von ihr übrig ist außer einer Ahnung, wie es einmal war. Dieser seltsam nachklingende Geschmack kann sich als Geruch, Gesprächsfetzen, Ambiente oder Anekdote einfinden.

Im Falle der Erzählung „Der Zumpel“ ist so gut wie alles verschollen, peripher oder abgeklungen. Ein kleiner Verlag gibt eine längst abgelegte Erzählung eines längst vergessenen Dichters heraus. Und auch die Thematik ist so was von fern und entlegen, dass man sie nur mit Mühe wieder auf eine Landkarte bringt.

Vincenzo Consolo, Retablo

h.schoenauer - 08.02.2006

Buch-CoverZwischen Italien und Österreich gibt es literarisch gesehen einen Riß, in dem die Südtiroler sitzen. Beide Literaturen lassen einander vermutlich deshalb in Ruhe, weil jede von der anderen annimmt, dass die Südtiroler den Kontakt herstellen werden.

Am Beispiel von Vicenzo Consolo zeigt sich für den deutsch-monolingualen Leser, was sich in Italien für Sprachschätze auftun. Der Folio-Verlag versucht mit seiner Serie Transfer, die eine oder andere Kostbarkeit zugänglich zu machen. Den Roman „Retablo“ erschließt dabei mit großer Übersetzergeduld die Südtiroler Autorin Maria E. Brunner, die auch ein Nachwort über Stoff, Sprachschatz und politischen Kontext des Romans verfasst hat.

Heinrich Klier, Verlorener Sommer

h.schoenauer - 18.01.2006

Buch-Cover„Ich werde, wenn’s hoch geht, noch zwanzig Jahre lang klettern gehen können. In jedem Jahr gibt es vielleicht zehn solcher Klettersonntage wie den verpatzten gestrigen. Zehn mal zwanzig sind zweihundert. Was sind zweihundert schöne Sonntage? Nichts, ein Wischer übers Gesicht. Ein Glück, dass ich in Innsbruck zur Welt gekommen bin, wo die Berge vom Stadtrand emporwachsen, oder besser – die letzten Häuser schon droben auf den Bergen stehen.“ (25)

Heinrich Klier hat mit seinem 1954 erschienen Roman „Verlorener Sommer“ vermutlich eine neue Literaturgattung eingeführt, den fiktionalen Routenplaner. Verlorener Sommer ist einerseits eine grandiose Schilderung von konkreten Bergrouten ins Karwendl, aufs Matterhorn oder überhaupt durchs Wallis, andererseits ist es ein mit dürrem Erzähldraht zusammen gewickelte Liebesgeschichte, in der es nur so von Steinschlägen und Blitzeinschlägen wummert.

Andrej Kurkow, Die letzte Liebe des Präsidenten

h.schoenauer - 16.01.2006

Buch-CoverVollrausch ist immer ein guter Start, da werden die Spielregeln gleich einmal gebrochen, ehe sie noch aufgestellt sind.

Andrej Kurkows Roman über Liebe, Macht und Wahnsinn eines ukrainischen Präsidenten beginnt daher logischerweise mit einem Vollrausch. Jeder Präsident ist nämlich in seiner Jugend einmal ein echter Mensch gewesen. Auch Sergej Stepanowitsch hat in seiner Jugend ordentlich gebechert, und in so einer Phase trifft er auf offener Straße auf den puren Rechtsverkehr.

Daniel Banulescu, Ich küsse dir den Hintern, Geliebter Führer!

h.schoenauer - 03.01.2006

Buch-CoverSo genannte wahnsinnige Romane können am ehesten ein wahnsinniges System beschreiben im Sinne einer authentischen Dokumentation. Diese Superfiktionen können aber auch dazu dienen, so genannten normalen Systemen einen Spiegel vorzuhalten und zu zeigen, wie letztlich jede politische Zelebration mit einem Schuss Irrwitz unterlegt ist.

Daniel Banulescus erster Teil einer satten Trilogie über das perverse System der Ceausescus hält sich scheinbar an keine Logik, und trifft deshalb die Geschichte am genauesten.

Heinrich Klier, Silber für die braune Göttin

h.schoenauer - 28.12.2005

Buch-CoverBestseller aus vergangenen Zeiten vermitteln bei der aktuellen Lektüre dieses spannende Knacksen, wenn die Patina durch heftigen Lichteinfall aus der Gegenwart aufspringt. Heinrich Kliers Bestseller aus dem Jahre 1964 liest sich nach vierzig Jahren wie eine Gebrauchsanweisung zur Eroberung der Alpen.

In der Hülle dieser Eroberungsgeschichte stecken kaum getarnt ein Gebirgs-, Abenteurer- Indio-, Liebes- und Schürfroman. So gut wie alles, was die damalige Fiktionslehre herzugeben vermochte, ist in diesem „Silber für die braune Göttin“ eingeschmolzen.