Roman

Vincenzo Consolo, Retablo

h.schoenauer - 08.02.2006

Buch-CoverZwischen Italien und Österreich gibt es literarisch gesehen einen Riß, in dem die Südtiroler sitzen. Beide Literaturen lassen einander vermutlich deshalb in Ruhe, weil jede von der anderen annimmt, dass die Südtiroler den Kontakt herstellen werden.

Am Beispiel von Vicenzo Consolo zeigt sich für den deutsch-monolingualen Leser, was sich in Italien für Sprachschätze auftun. Der Folio-Verlag versucht mit seiner Serie Transfer, die eine oder andere Kostbarkeit zugänglich zu machen. Den Roman „Retablo“ erschließt dabei mit großer Übersetzergeduld die Südtiroler Autorin Maria E. Brunner, die auch ein Nachwort über Stoff, Sprachschatz und politischen Kontext des Romans verfasst hat.

Heinrich Klier, Verlorener Sommer

h.schoenauer - 18.01.2006

Buch-Cover„Ich werde, wenn’s hoch geht, noch zwanzig Jahre lang klettern gehen können. In jedem Jahr gibt es vielleicht zehn solcher Klettersonntage wie den verpatzten gestrigen. Zehn mal zwanzig sind zweihundert. Was sind zweihundert schöne Sonntage? Nichts, ein Wischer übers Gesicht. Ein Glück, dass ich in Innsbruck zur Welt gekommen bin, wo die Berge vom Stadtrand emporwachsen, oder besser – die letzten Häuser schon droben auf den Bergen stehen.“ (25)

Heinrich Klier hat mit seinem 1954 erschienen Roman „Verlorener Sommer“ vermutlich eine neue Literaturgattung eingeführt, den fiktionalen Routenplaner. Verlorener Sommer ist einerseits eine grandiose Schilderung von konkreten Bergrouten ins Karwendl, aufs Matterhorn oder überhaupt durchs Wallis, andererseits ist es ein mit dürrem Erzähldraht zusammen gewickelte Liebesgeschichte, in der es nur so von Steinschlägen und Blitzeinschlägen wummert.

Andrej Kurkow, Die letzte Liebe des Präsidenten

h.schoenauer - 16.01.2006

Buch-CoverVollrausch ist immer ein guter Start, da werden die Spielregeln gleich einmal gebrochen, ehe sie noch aufgestellt sind.

Andrej Kurkows Roman über Liebe, Macht und Wahnsinn eines ukrainischen Präsidenten beginnt daher logischerweise mit einem Vollrausch. Jeder Präsident ist nämlich in seiner Jugend einmal ein echter Mensch gewesen. Auch Sergej Stepanowitsch hat in seiner Jugend ordentlich gebechert, und in so einer Phase trifft er auf offener Straße auf den puren Rechtsverkehr.

Daniel Banulescu, Ich küsse dir den Hintern, Geliebter Führer!

h.schoenauer - 03.01.2006

Buch-CoverSo genannte wahnsinnige Romane können am ehesten ein wahnsinniges System beschreiben im Sinne einer authentischen Dokumentation. Diese Superfiktionen können aber auch dazu dienen, so genannten normalen Systemen einen Spiegel vorzuhalten und zu zeigen, wie letztlich jede politische Zelebration mit einem Schuss Irrwitz unterlegt ist.

Daniel Banulescus erster Teil einer satten Trilogie über das perverse System der Ceausescus hält sich scheinbar an keine Logik, und trifft deshalb die Geschichte am genauesten.

Heinrich Klier, Silber für die braune Göttin

h.schoenauer - 28.12.2005

Buch-CoverBestseller aus vergangenen Zeiten vermitteln bei der aktuellen Lektüre dieses spannende Knacksen, wenn die Patina durch heftigen Lichteinfall aus der Gegenwart aufspringt. Heinrich Kliers Bestseller aus dem Jahre 1964 liest sich nach vierzig Jahren wie eine Gebrauchsanweisung zur Eroberung der Alpen.

In der Hülle dieser Eroberungsgeschichte stecken kaum getarnt ein Gebirgs-, Abenteurer- Indio-, Liebes- und Schürfroman. So gut wie alles, was die damalige Fiktionslehre herzugeben vermochte, ist in diesem „Silber für die braune Göttin“ eingeschmolzen.

Beppo Beyerl, Die Eisenbahn

h.schoenauer - 26.12.2005

Buch-CoverDie Eisenbahn ist wahrscheinlich der trivialste Mythos, mit dem wir es in einer Gesellschaft zu tun bekommen. Auf Österreichisch heißt das, es gibt den Mythos vom politisch upgedateten Eisenbahner, den Mythos von Pionierleistungen im Streckenbau, den Mythos starker Lokomotiven und den Mythos einer starken Zukunft der Eisenbahn überhaupt.

Beppo Beyerl räumt mit diesen Mythen ziemlich salopp auf, wahrscheinlich gelingt ihm das deshalb so gut, weil er erstens genau recherchiert hat, und zweitens seine Erfahrungen als aktiver Bahnbenützer authentisch sind.

Peter Oberdörfer, Gischt

h.schoenauer - 18.12.2005

Buch-CoverDas Leben hat letztlich zwei Konsistenzen, die amorphe Alltäglichkeit, die sich am ehesten wie ein Gel erzählen lässt, und diese grobkörnigen Flunsen, die wir uns als Geschichten erzählen.

Peter Oberdörfer berichtet in seinem Roman von den Spannungen zwischen unbewegten und bewegten Elementen des Lebens, zu diesem Zweck spannt er eine Dreiecksgeschichte zwischen Claudia, Willi und Hans aus und überblendet diese Konstellation mit der Gischt der fiktionalen Welt des Films. So verschwindet zu Beginn des Romans Willi und löst durch sein Fehlen das Beziehungsfeld auf, im letzten Kapitel sind alle drei Protagonisten an ihrem überspitzt dargelegten Endpunkt angelangt, nämlich im Alltag, im Jenseits und im Film.

Wilhelm Genazino, Die Liebesblödigkeit

h.schoenauer - 17.12.2005

Buch-CoverWenn der Titel eines Romans zu einem geflügelten Wort wird, ist eigentlich in der Literatur alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Mittlerweile ist es im Smalltalk durchaus üblich, jemanden nach seiner Liebesblödigkeit zu fragen, also danach, wie vertrottelt er in seinem Liebesverhalten schon geworden ist.

Wilhelm Genazinos süffisanter Lebenskunde-Roman erzählt von Fünfzigjährigen, die in der Liebe alt werden und dabei ins Senil-Kindische ausreifen. Die Sicht der Dinge liefert ein mega-zeitgenössischer Icherzähler, der als Trainer gesellschaftliche Endzeitprognosen unterrichtet und dessen Liebespsyche von Sandra und Judith begleitet wird.

Margit Kröll, Katharina

h.schoenauer - 30.11.2005

Buch-CoverManchmal geht ein Ruck durchs Land und es passiert etwas Aufregendes, aus einer heftigen Leserin ist eine leidenschaftliche Autorin geworden.

Margit Kröll liest seit „immer“ und schreibt seit ihrem zehnten Lebensjahr, dreizehn Jugendromane sind bisher entstanden, nach ihrem ersten publizierten Roman „Johanna …wie alles begann“ gibt es nun den zweiten, der von Katharina handelt.

Lina Hofstädter, Bergiselschlachten

h.schoenauer - 30.11.2005

Buch-CoverAh, was für ein Titel! Nicht bloß eine Schlacht wird in diesem Krimi geschlagen, sondern wie in der Geschichte des Tiroler Freiheitskampfes ein ganzes Bündel!

Eine groß angelegte Schlachtenorgie verbaler und physischer Art bildet den Hintergrund für diesen Lokalthriller gigantischen Ausmaßes, und nicht alle Gefechte gehen für die Beteiligten gut aus. Man denke nur an die klassische Vierte Bergiselschlacht, in der die Tiroler ordentlich Dresch bekommen haben und die sie in der Folge aus ihren Gedächtnissen verbannt haben.