Axie Oh, Das Mädchen, das in den Wellen verschwand
„In den Legenden meines Volkes heißt es, dass nur eine wahre Braut des Meeresgottes seinem unersättlichen Zorn ein Ende bereiten kann. Wenn vom Ostmeer her die Stürme der anderen Welt aufziehen, Blitze den Himmel zerreißen und Wasser die Küste sprengt, wird eine Braut auserwählt und ihm geschenkt. Oder geopfert, je nachdem, wie groß dein Glaube ist.“ (S. 7)
Jedes Jahr muss das schönste Mädchen geopfert werden, um den Gott des Meeres zu beruhigen, der das Land vom Ostmeer her mit Unwettern überzieht. In diesem Jahr wurde die Freundin von Minas Bruder erwählt, um dem Meeresgott als Braut in die Tiefe der See zu folgen.
„Um meine Mutter ranken sich zahlreiche Legenden. Manchen zufolge hat sie ihren Ehemann, einen großen sterblichen Krieger, hintergangen und ihm das Elixier der Unsterblichkeit gestohlen, um Göttin zu werden. Andere stellen sie als unschuldiges Opfer dar und behaupten, sie habe das Elixier nur getrunken, damit es nicht Räubern in die Hände fällt. Welche Geschichte man auch glaubt, fest steht, dass meine Mutter, Chang’e, unsterblich wurde. Und ich mit ihr.“ (S. 9)
„Ein Dröhnen, lauter als der Donner zuvor, hundert Mal lauter als der Donner und das Gymnasium fällt in sich zusammen. Ein Anblick, der großartig und schrecklich zugleich ist. Ein dichter roter Nebel aus Ziegelstaub steigt auf und breitet sich gedankenschnell aus. Die Stadt versinkt im Chaos. Es hört nicht auf zu regnen.“ (S. 6)
„Wie Lord Almont oder ihre Mutter reagieren würden, wenn sie von der Annonce in ihrer Tasche wüssten, mochte sich Hazel nicht einmal vorstellen. Es handelte sich dabei um die Ankündigung einer Anatomievorführung des berühmten Dr. Beecham III., Enkel einer großen Legende. Er war mit Sicherheit der bekannteste lebende Chirurg Edinburghs, wenn nicht sogar des gesamten Königreichs. Hazel bebte förmlich vor Aufregung, wenn sie nur daran dachte.“ (S. 32)
„Ich ging diesen Weg nur deshalb, weil mich das Auge dieser Spur folgen ließ. Ich hatte es gebeten, Lachlan zu retten. Da hatte es mir die rot schimmernde Linie gezeigt, die von Lachlans Körper durch das Gras führte. Davor hatte ich allerdings einen Handel mit dem Ding abgeschlossen. Das Auge hatte mir im Drachentempel das Leben gerettet […]. Als Gegenleistung musste ich versprechen, das Auge »holen zu kommen«, wie es sich ausdrückte. (S. 10)
„Als es dunkel wurde, verriegelte der Farmer Mr Jones die Hühnerställe. Weil er zu viel getrunken hatte, vergaß er, auch die Auslaufklappen zu schließen. Stattdessen torkelte er zurück ins Haus. Dort trank er noch ein letztes Bier und ging ins Bett zu seiner Frau. Wenig später begann in allen Ställen ein Gewusel und Geflatter.“ (S. 7)
„Heute ist der Tag, an dem ich sterben werde. Mein Mörder liegt hier vor mir, nur durch hölzerne Gitterstäbe von mir getrennt. Mein Mörder ist ein Tier. Ein Smilo, eine der wilden Kreaturen, die außerhalb der Mauern der Stadt in den Wäldern leben. Mein Mörder schläft. Das erste Sonnenlicht, das durch die Gitterstäbe fällt, malt helle Streifen auf sein geflecktes Fell. (S. 5)
„Eine Passantin entdecket ein kleines Mädchen, das auf dem eisigen Betonboden einer Gasse hockte und mit dem Deckel einer Katzenfutterdose spielte. Als sie endlich ins Krankenhaus gebracht wurde, war sie blau gefroren. Sie war ein hutzeliges Dingelchen, zu dünn, mager wie ein Stöckchen. Sie kannte ein einziges Wort, ihren Namen: Wren.“ (S. 11)
„Später versuchte ich Rabbi Moritz zu erklären, was ironisch daran war, dass ich ausgerechnet durch mein schreckliches Verbrechen die ganze Gemeinde gerettet hatte. Er begriff es nicht, entweder weil er zu verärgert war oder weil er andere Dinge im Kopf hatte oder weil der Mann einfach keinen Sinn für Humor hat. Heute finde ich es nicht mehr lustig – diese Sache hat mein Leben zerstört, mich auf die Intensivstation gebracht und mich und meine Familie zutiefst gedemütigt. Aber damals fand ich es lustig.“ (S. 5)