Erzählung

Ronald Weinberger, Die Astronomie und der liebe Gott

h.schoenauer - 22.02.2023

ronald weinberger, die astronomie und der liebe gottBücher über große Themen unterliegen dem Erzählparadoxon: Je größer das Thema, desto bescheidener hat die Erzählhaltung auszufallen.

Ronald Weinberger nimmt sich berufsbedingt das größte denkbare Thema zu Herzen, das wahlweise mit All, Weltraum oder Universum bezeichnet wird. Seinen bescheidenen Erzählstandpunkt drückt er in einer Widmung aus, indem er sich bei den Eltern bedankt, die ihn als Teil des Universums auf die Welt gebracht haben. Nebenbei sind sie fröhlich geblieben und erst in hohem Alter abgeklärt verstorben.

Mircea Cărtărescu, Melancolia

h.schoenauer - 08.02.2023

mircea cartarescu, melancoliaEs gibt rare Wörter, die eine Epoche, eine Kindheit, einen Kontinent oder eine Kunstrichtung beschreiben können. Melancholie ist das bekannteste davon.

„Melancolia“ war einst im kalten Krieg ein Begriff, der den Künstlern „hinter dem Vorhang“ (wir hielten uns damals als davor angesiedelt) einen gewissen politischen Spielraum gab, in einer kollektivierten Gesellschaft ein privates Gefühl auszudrücken. Zwar gehörte auch die Psyche der Öffentlichkeit, aber die Melancholie konnte privat bleiben, sie galt als das intimste Gefühl eines Individuums.

Alois Schöpf, Das Böse im Guten

h.schoenauer - 01.02.2023

alois schöpf, das böse im gutenDie meisten Tirolernden werden es gar nicht mehr wissen, was das ist: Diskutieren, Nachdenken, mit Frohsinn eine unübliche Meinung über sich ergehen zu lassen. Spätestens seit der Lockdown-Epoche sind auch in Tirol die Menschen in psychischen Einzelkabinen untergebracht, der digitale Informationsaustausch ist roh und brutal, der vielbeschworene Vereinsgeist ausgeflogen, seit man sich nur mehr zufällig trifft, und die öffentliche Diskussion ist ein Desaster.

Alois Schöpf setzt seit zwei Jahren diesem Befund ansatzweise etwas entgegen, indem er für seinen „schoepfblog.at“ Denk-affine Menschen einlädt, Themen zu finden, zu entwickeln und für den öffentlichen Diskurs aufzubereiten.

Oskar Aichinger, Ich steig in den Zug und setz mich ans Fenster

h.schoenauer - 18.01.2023

oskar aichinger, ich stieg in den zug und setzte mich ans fensterDie Eisenbahn ist nur so nebenher ein Transportmittel, eigentlich ist sie seit fast 200 Jahren ein Stück Kultur, staatstragend wie die Oper, unvergesslich wie die Nationalbibliothek, aufregend wie die Bundeshymne.

Oskar Aichinger weiß um die Magie der Eisenbahn, weshalb er ein erzählendes Ich, das ungeschminkt zu ihm hält, in einen Zug steigen lässt und am Fenster platziert. Ausgangspunkte der ÖBB-Reisen sind zum einen die Kindheit in Oberösterreich, zum anderen Wien als Drehscheibe, von der aus sich die Lokomotiven über die Schienenstränge der Republik hermachen.

Willi Giuliani, Ein Innsbrucker Western

h.schoenauer - 23.12.2022

willi giuliani, ein innsbrucker westernJe globalisierter im Netz die Literatur auftritt, man spricht ja von Weltliteratur, umso punktgenauer muss sich darin die Lokalliteratur bewähren. Ein aufregendes „Lokalprogramm“ liefert dabei die Innsbrucker Verlagsbuchhandlung Wagner’sche, die als eine der ältesten der Welt schon alle möglichen Literaturformen erlebt hat. In der Serie „Erinnerungen an Innsbruck“ sind mittlerweile gut zwanzig Bände über Stadtteile, Berufe und besondere Schicksale erschienen. Umgerechnet auf die Bewohner des jeweiligen Themas erreicht diese Serie grandiose Vertriebszahlen.

Willi Giuliani beackert für das Regal „Erinnerungen an Innsbruck“ den Stadtteil Höttinger Au, der bis in die 1940er Jahre Sumpf, Brache und aufgelassene kaiserliche Jagd gewesen ist. Der Stadtteil wird ähnlich entwickelt wie der sogenannte Wilde Westen, zumindest was Tiere und Pflanzen betrifft, wird dabei ähnlich brutal vorgegangen wie beim Feldzug amerikanischer Siedler in Richtung El Dorado. Auf das Gold umgerechnet wäre im konkreten Fall das verheißene Paradies der Innsbrucker Flughafen, auf dem ja auch tatsächlich so manches touristische Nugget geschürft wird.

Heinz A. Pachernegg, Auf Reisen

h.schoenauer - 21.12.2022

heinz pachernegg, auf reisenDer Tourismus ist an die Erfindung der Fotografie gekoppelt. Wo es nämlich nichts zu fotografieren gibt, hat es auch keinen Sinn, hinzufahren. Umgekehrt muss ein Fotograf ständig mit touristischer Geste unterwegs sein, will er seinen Pixelspeicher am Jahresende voll haben.

Heinz A. Pachernegg ist als Berufsfotograf und Fotoessayist viel „auf Reisen“ und kommt daher dem berühmten Beatnik-Motto „on the road“ sehr nahe, wonach Menschen, Wörter und Bilder ständig zu sich selbst unterwegs sind. Das Zusammenschmelzen dieser drei Bewegungskörper geschieht in der Pareidolie, wie Andrea Wolfmayr in ihrem Einleitungsessay bemerkt. Pareidolie bezeichnet das Phänomen, in Dingen und Mustern vermeintliche Gesichter und vertraute Wesen oder Gegenstände zu erkennen.

Rudolf Lasselsberger, Willi und die Mohnblumen

h.schoenauer - 07.12.2022

rudolf lasselsberger, willi und die mohnblumenIm Idealfall steht einem als realistischem Schreib-Helden ein literarischer Freund bei, der so etwas ist wie ein Medium, eine Therapie, der Kater am Morgen oder das Passwort für eine verzwickte URL.

Rudolf Lasselsberger hat nun schon seit längerer Zeit das Glück, dass ihm Willi beim Schreiben und Leben beisteht. „Willi und die Mohnblumen“ heißt Band sieben der Willologie. Das Thema ist das Auffächern der Ereignisse in verschiedene Gleichzeitigkeiten.

Wolfgang Hermann, Insel im Sommer

h.schoenauer - 05.12.2022

wolfgang hermann, insel im SommerWenn etwas gebrochen ist, muss die Literatur wie ein Stützverband um die kaputten Stellen gelegt werden. Dabei ist viel Heilungsglaube vonnöten, sonst wirkt es nicht.

Wolfgang Hermann erzählt in der luziden Form einer Sommergeschichte vom allmählichen Verschwinden der Düsternis, wenn die Trauer sich verflüchtigt. Gleich zu Beginn legt sich Schockstarre über den Icherzähler, er hat in seiner Wiener Wohnung seinen Sohn tot im Kinderzimmer gefunden. Wann das genau gewesen ist, spielt keine Rolle, seither nämlich ist alles anders. „Wenn es geschehen ist, kann man sich das Leben vorher nicht mehr vorstellen.“ (41)

Karl-Markus Gauß, Die Jahreszeiten der Ewigkeit

h.schoenauer - 28.11.2022

karl-markus gauss, die jahreszeiten der ewigkeitDas wahre Schreiben beginnt für jene Schriftsteller, die es ernst meinen, erst im Alter. Dort entsteht nämlich ein unverwechselbarer Ton und es müssen keine Geschichten mehr zugekauft oder erfunden werden, weil diese der Schreibvorgang selbst spendet.

Karl-Markus Gauß kommt ohne Plot aus, weil er sich dem gereiften Schreibfluss anvertraut, so dass er Erlebnis-logisch im Duktus eines Flaneurs durch jene Jahre kommt, die zu beschreiben er sich vorgenommen hat.

Zum sechzigsten Geburtstag wünscht er sich Lust und Kraft, fünf Jahre lang das Leben sowohl aus der Innenperspektive heraus, als auch als Vorstufe einer individuellen Geschichtsschreibung zu denotieren. Jetzt mit 67 und eine Pandemie später zeigt er ein Buch vor, in dem Geschichte steht, statt Corona.

Egyd Gstättner, Ich bin Kaiser

h.schoenauer - 23.11.2022

egyd gstättner, ich bin kaiserPatriotisches Selbstbewusstsein kann manchmal in einen Cäsarenkult übergehen, wenn das Land mitspielt und den darin geäußerten Wahnvorstellungen ein Revier gibt. Das bayrische „Mia san mia“ ist genauso patriotisch-pfiffig, wie das berüchtigte „Ik bin ein Berliner“. Da ist die Weltformel eines Österreichers geradezu romantisch: Ich bin Kaiser.

Egyd Gstättner nennt seinen jüngsten Erzählband über österreichischen Wahnsinn schlicht: Ich bin Kaiser. Dabei lässt er offen, ob nicht schelmisch der Kärntner Landeshauptmann gemeint sein könnte. Denn die Glaubwürdigkeit für seine Geschichten leitet er von der Überlegung ab, dass die Storys automatisch „tolldreist“ werden, wenn man sie so erzählt, wie die offizielle Geschichtsschreibung täglich als Fernsehprogramm des Staatsfunks auftritt.