Erzählung

Martin Maier, Engstelle

h.schoenauer - 14.07.2023

martin maier, engstelleIm Blutkreislauf löst die Engstelle einen mehr oder weniger raschen Eingriff aus, um den bedrohlichen Blutstau abzuwehren, in Verkehrssystemen sind die Engstellen die wahren Maßstäbe für Kapazität. Im Denken freilich gilt die Engstelle als etwas Edles, das es anzusteuern gilt. An den Engstellen nämlich steigen Gedanken am liebsten ab und beginnen sofort zu diskutieren.

Martin Maier stellt unter dem lapidaren Titel „Engstelle“ ein Buch vor, das im Ganzen als Engstelle einer Epoche gelesen werden kann. Macht man sich an die Einzelteile heran, so wird man etwa fünfzigmal zu höchster Konzentration gezwungen, die einzelnen Engstellen stechen als verdichtete Gedankenkapsel hervor, die bei Lektüre jeweils eine gesamte Geschichte auslösen.

Martin Schwietzke, Der Hundeausführroboterausführhund

h.schoenauer - 03.07.2023

martin schwietzke, der hundeausführroboterausführhundIm Zeitalter von Hashtag-Überschriften ist es durchaus üblich, den Plot einer Nachricht in ein zusammengepresstes ZIP-Wort zu verpacken. Die deutsche Sprache neigt ohnehin zu Wortverpressungen, man denke nur an die Lust diverser Regierungen, ein Gesetz in Wortmonster zu verpacken und als „Gute-Kita-Gesetz“ zu beschließen.

Martin Schwietzke greift dieses Stilmittel auf und versieht neben der Haupterzählung auch den gesamten Erzählband damit. Durchgehendes Thema der neun Geschichten ist die Überlegung, dass die besten Erzähl-Champignons auf dem lockeren Nährsubstrat der bisherigen Literaturgeschichte wachsen. Eine gute Geschichte fußt meist auf dem Mist einer anderen guten Geschichte und ist upgedatet, aktualisiert und für den modischen Gendergebrauch umgemodelt.

Hannes Vyoral, Ostinato

h.schoenauer - 26.06.2023

hannes vyoral, ostinatoUnter Tagebuch versteht man einerseits den Hinweis auf die Ausdauer chronologischen Schreibens, andererseits ist es ein literarisches Genre, das durchaus mit einer solitären Bedeutung unterlegt sein kann.

Hannes Vyoral überschreibt sein Tagebuch rund um den Beginn der 2020er Jahre mit „Ostinato“, womit musikalisch eine Figur gemeint ist, die sich ständig wiederholt. Im Literaturbetrieb wird Ostinato manchmal als letztes Kapitel einer Biographie verwendet, um auf den Kreislauf einer Entwicklung jenseits des Linearen hinzuweisen.

Bei Hannes Vyoral „dreht“ sich im Ostinato alles um den Verlauf des Jahres, und wenn das eine Jahr vorbei ist, kommt das nächste, überraschend gleich ausgeprägt und dennoch völlig anders.

Reinhard Wegerth, Fast unglaublich

h.schoenauer - 19.06.2023

reinhard wegerth, fast unglaublichDie Literatur hat ja eine doppelte Aufgabe, was die Glaubwürdigkeit betrifft. Einerseits muss sie etwas schier Undenkbares wahr machen, indem es als Literatur erzählt wird, und andererseits führt sie zum Kopfschütteln, wenn das eingepasste Weltbild des Lesers durch Abweichung von der Erzählnorm zum Vibrieren gebracht wird. – Historiker sagen nicht umsonst, dass es keine erzählte Geschichte gibt, die nicht aus der „getätigten Geschichte“ resultiert oder diese induziert.

Reinhard Wegerth nimmt für seine wahren Geschichten einen „fast unglaublichen“ Standpunkt ein. Er lässt fünfzehn Episoden der jüngeren Geschichte Österreichs Revue passieren, indem er die beteiligten Gegenstände zu Helden macht. Seine Überlegung ist raffiniert: Wenn schon die Geschichte sich gewisser handelnder Personen bedient, um daraus Helden oder Unglücksraben zu machen, dann könnte man die beteiligten Gegenstände ebenfalls heroisch aufwerten und ihnen eine Stimme zukommen lassen, wie ja auch bei Kriminalfällen oft Gegenstände aus der Asservatenkammer geholt und während eines Prozesses befragt werden.

Jörg Reinhardt, Zeitlupenwege

h.schoenauer - 07.06.2023

jörg reinhardt, zeitlupenwegeWenn etwas für wichtig gehalten wird und eine Szene für die Wahrheitsfindung enträtselt werden soll, ist die Zeitlupe seit den Anfängen des Films eine gute Methode, der Erkenntnis auf die Sprünge zu helfen. Das gilt für forensische Abläufe oder Schadensmeldungen genauso wie für Lyrik, wo ja auch der pure Ablauf der Zeit in Poesie verwandelt werden kann, indem man eine Story verlangsamt oder eine Sequenz herunterfährt bis nahe an ein Standbild.

Jörg Reinhardt umschreibt das programmatische Gedicht zu diesem Vorgang mit „Zeitlupenwege“ (157), am Cover ist dieser Begriff zudem zu einem Dreizeiler aufgerüstet: Zeit Lupen Wege. In diesem Begriffsgedicht laufen Chronik, Dimension und Distanz zu einer Kürzest-Theorie zusammen, die einen Text vom Ersteintrag als Notiz an bis hin zu einem epischen Langgedicht betreut.

Ronald Pohl, Der Vaghals

h.schoenauer - 02.06.2023

ronald pohl, der vaghalsDas Konzept des Ritter-Verlages besteht darin, jedes Buch zu einem eigenen Genre auszubauen. Die einzelnen Publikationen tragen folglich nicht nur einen unverwechselbaren Titel, sondern auch eine einmalige Gattungsbezeichnung am Cover. Wenn dabei dennoch handelsübliche Begriffe wie „Erzählungen“ auftauchen, so bedeutet das auf jeden Fall, dass diese Erzählungen nichts mit den kursierenden Texten dieses Genres zu tun haben.

Ronald Pohl ist Exponent einer Erzählform, bei der an der Textoberfläche scheinbar alles wie immer abläuft, sobald man aber an die Tiefenstruktur herangeht, ist nichts mehr so, wie es noch geschienen hat. Zwar gibt es Hauptpersonen, einen novellenähnlichen Plot und eine nachvollziehbare Geographie. In Wirklichkeit aber hängt nichts mit jedem zusammen, sodass sich selbst so antrainierte Elemente wie eine lineare Handlung jäh ins Gegenteil verkehren können und unter die Patina eines Stilllebens schlüpfen.

Martin Troger, Ein Einzelzimmer bitte

h.schoenauer - 31.05.2023

martinf troger, ein einzelzimmer bitteSammlungen mit Geschichten haben ihre Initialzündung entweder als Schüttgut, als Chronik oder als thematische Verklumpung.

Martin Troger lässt sich mit seinen „Paargeschichten“ von allen drei Möglichkeiten anregen. Seine Sammlung „Ein Einzelzimmer bitte“ ist vorerst einem Wettbewerb des Projekts ZOOM ED geschuldet, darin werden Erstpublikationen von Literaturschaffenden aus Südtirol und den angrenzenden Gebieten gefördert. Für das Projekt hat der Autor 21 Geschichten aus der persönlichen Schütte ausgewählt und klug aufgefädelt. Einmal auf die Spur gesetzt, entdeckt man als Lesender tatsächlich die inneren Zusammenhänge zwischen den Geschichten, die vage auf den Begriff „Paar“ kalibriert sind.

Reinhard Margreiter, Wohnen im Zeitalter der Mobilität

h.schoenauer - 26.05.2023

reinhard margreiter, wohnen im zeitalter der mobilitätDie Wohnung ist nach dem Blastoderm und der Kleidung unsere dritte Haut, in der wir leben. Die vierte wäre das politische Gemeinwesen. So ungefähr ist für das Ende des letzten Jahrhunderts das Curriculum der Erwachsenenbildung aufgebaut. Anhand der vier Häute können damit alle Probleme des adulten Menschen besprochen und fallweise gelöst werden.

Das Wohnen an sich ist zwar seit Jahrhunderten jenes Thema, das dem Denken und Philosophieren eine weite Bühne bietet, man denke nur an den berühmten Heideggersatz „Die Sprache ist das Haus des Seins“. Im gegenwärtigen Diskurs freilich handelt das Wohnen vom Schaffen von Wohnraum, der Materialisation von Kapital und einem vorläufigen Endzustand einer Gesellschaft, die in den Segmenten Tourismus und Migration ständig unterwegs ist.

Elisabeth Lexer, Fluchttiere

h.schoenauer - 22.05.2023

elisabeth lexer, fluchttiereDer Begriff Fluchttiere sagt den Tierliebhabern etwas völlig anderes als den psychologischen Analytikern, die sich gerne strategisch verlesen und von „Fluch-Tieren“ sprechen.

Elisabeth Lexer erzählt freilich Eindeutiges: Die Tiere sind das Um und Auf, Lebensinhalt und Skala zum Messen von Veränderung und schließlich Katalysatoren in den Beziehungen des knapp bemessenen Personals. Im Unterschied zur Hauptperson Elsa, für die Tiere das Sinnbild des Lebens sind, verliert der an Tieren weniger interessierte Leser leicht den Überblick über die Herde an mehr oder weniger gezähmten Vierbeinern und registriert letztlich bloß die ständige Anwesenheit von Hunden, Katzen und Pferden.

Albert Ennemoser, Geschichten und Bilder

h.schoenauer - 17.05.2023

albert ennemoser, gschichten und bilderIm Zeitalter der Digitalisierung ist es vielleicht die Hauptaufgabe eines Buches, haptisch unterwegs zu sein. Viele Sinneseindrücke lassen sich digital erregen, das taktile Aufschreien der Sensoren freilich, wenn Kunst auf den Körper trifft, lässt sich nur haptisch analog produzieren.

Albert Ennemoser ist in mehreren Genres und Künsten unterwegs. Seine „Geschichten und Bilder“ sind als eine Art Anleitung zum Gesamtwerk zu lesen. Aus diesem Grund erscheint das Buch mit zwei Bildern als Vorder- und Hintercover, die buchrelevanten Angaben nach Verlag, Autor und Titel sind auf den Buchrücken verschoben, wo sie letztlich den größten Nutzen entfalten, denn vom Buch sieht man meist nur das Rückgrat.