Gesellschaft | Kultur

Helmuth Schönauer, Tirol Kamasutra

andreas.markt-huter - 30.11.2006

Buch-CoverWer in Tirol jemandem die Frage stellt: Was haben Tiroler und Inder gemeinsam?, könnte seit kurzem die Antwort erhalten: Ein Kamasutra! Der Autor Helmuth Schönauer hat sich gemeinsam mit dem Zeichner Bertram Haid auf die Suche nach den Stellungen der Tiroler begeben, nach dem Motto: Sag mir deine Stellung und ich sag dir wer du bist!

Wer sich nun den hehren Ernst erwartet, mit dem das große indische Werk die verschiedensten sexuellen Stellungen beschreibt und darstellt, hat zwar noch nie einen Original-Schönauer gelesen, wird aber dennoch nicht enttäuscht sein. Mit spitzer Feder, deftigem Humor und nicht selten mit derben Untergriffen hält er den Tirolerinnen und Tirolern einen Spiegel vor, den er in 100 verschiedene Stellungen verpackt hat.

Herbert Salcher, Worte haben ein Bild gemalt

andreas.markt-huter - 15.11.2006

Buch-CoverVielleicht ergibt das wirklich das poetischste Dreieck, das sich ausdenken lässt, wenn ein Maler, ein Bildhauer und ein Mautner zur gleichen Zeit auf einem Fleck zusammenkommen.

Herbert Salcher bringt mit wenigen Handbewegungen und Strichen diese drei Welten zusammen. Er mautnet, wie er malt, mit wenigen Strichen aber hingebungsvoll, er behandelt den Kunden als König und malt diesem dann gleich eine Riesenkrone auf sein Heimweh, wenn er an das Mauthäuschen tritt.

Christian Popescu, Familie Popescu

andreas.markt-huter - 13.11.2006

Buch-CoverManchen Texten kennt man das pfiffig-geniale quasi in jedem Satz an, je gewöhnlicher oft die Themenwahl ausfällt, umso aufregender werden diese Konzeptionen.

Ausgestattet mit einem frühen Tod unter ungeklärten Umständen, im nahezu klassischen Heroenalter von fünfunddreißig Jahren, haften natürlich Christian Popescu geniale Züge an, zumal die Texte disparat erschienen sind, und einige Texte bis zu dieser aktuellen zweisprachigen Procura-Edition nicht einmal im rumänischen Original zugänglich gewesen sind.

Matthias Schönweger, Wie Gott sie schuf

andreas.markt-huter - 12.11.2006

Buch-CoverUnter einem saftigen Schäferroman versteht man etwas lieblich Schönes, die Figuren zeigen mit den Fingern aufeinander und machen dabei stille Erotik, die Landschaft ist fruchtig, Schönwetter ist angesagt und als Leser erlebt man Seitenweise Happyness.

Für Matthias Schönweger ist diese Vorgabe natürlich der ideale Ort, um einen Südtirol-Roman darin zu installieren, gilt doch Südtirol zumindest in Wort, Bild und Vorstellung als das Paradies. Freilich wäre Schönweger nicht Schönweger, wenn er diesem glatten Begriff Schäferroman nicht noch einen glitschigen Hintersinn verpasst hätte, wie ja auch eine gute Seife immer hinten und vorne flutschig und rein ist. Dieser Schäferroman handelt im konkreten Fall von den Schafen, die von einem guten Hirten belehrt und geführt werden.

Peter Paul Wiplinger, ausgestoßen

andreas.markt-huter - 08.11.2006

Buch-CoverIn einer schier endlosen Nacht driftet ein nachdenklicher Alkoholiker hellwach durch die Wiener Innenstadt. Er ist sein eigener Reiseführer und begleitet sich selbst mit kundigen Gesten in jene finstere Gegend, die bei Tageslicht als repräsentative Hauptstadt genutzt wird.

Peter Paul Wiplinger schickt seinen Helden als Ausgestoßenen durch eine Kindheit am Land, durch den Brei der aufgedunsenen Miefstadt Wien und durch diverse Lebensentwürfe und Ideologien.

William Trevor, Seitensprung

andreas.markt-huter - 30.10.2006

Buch-CoverUnter dem moralisch knalligen Titel „Seitensprung“ stellt sich jeder sofort etwas individuell Aufregendes vor. Bei William Trevor jedenfalls sind unter diesem Titel zwölf abgeklärte Geschichten zusammengefasst, und die Erotik ragt dabei wie ein Büschel Strohblumen der Zuneigung aus einer Vase aus vergangener Zeit.

Schon die erste Erzählung bringt diese seltsame Zuneigung über die Jahre auf einen fulminanten Punkt. Gerade, als die zwei Schwestern die Nachbarschaftshilfe antreten, um vielleicht ihrer Nachbarin zu helfen, ist deren Mann gestorben. Die allgemeine Plauderei geht also sofort in ein begleitendes Hinterbliebenengespräch über, was darf man ansprechen, was bleibt tabu, und ist nicht zwischendurch alles tabu? Hilfreich ist für die Witwe, dass der Mann auf jeden Fall gestorben wäre, nicht nur weil er mit einem dünnen Hemd bekleidet ins Freie gegangen ist.

Herbert Maurer, Im Schatten der Hirschin

andreas.markt-huter - 30.10.2006

Buch-CoverWährend allenthalben die Würdenträger Österreichs auf das Abknallen eines formidablen Hirsches aus sind, liefert die Hirschin den Unterleib dieser Geisteshaltung. Fast jede Lederhose ist aus einer Hirschin gefertigt, deren Haut musisch, dramatisch oder lyrisch sich um die Genitalien des Lederhosenträgers schmiegt.

In Herbert Maurers Landschaftsdrama laufen die Berühmtheiten des Ausseer Landes halb auf der Bühne, halb in der Realoperette Österreichs frei herum, springen wie ehemals die Hirschin durch die Landschaft und messen einander an der Große der Lederhose. Paula Wessely bringt gleich in der Ouvertüre einen edlen österreichischen Singsang auf die Bühne, der sofort von Attilas dröhnendem Burgtheatergequassel konterkariert wird.

Alek Popov, Mission: London

andreas.markt-huter - 25.10.2006

Buch-CoverBotschafterromane haben immer etwas Skurriles an sich. Da ist zum einen die abgehobene Sprache, mit der sich Diplomaten gegenseitig die Nasenkrümel aus der Semantik ziehen, und zum anderen das Elitebewusstsein, wo immer ein Botschafter auch ist, er hält sich in einem sozial besonders ätherischen Areal auf.

Frisch wie Gemüse aus Bulgarien trifft Varadin Dimitrov in seiner Botschaft in London ein. Er soll den kulturellen Anschluss Bulgariens an die westliche Welt ermöglichen und hat eine Wahnsinnserrungenschaft in seinem Gepäck. Das erste WC der Welt wurde in Bulgarien entwickelt. Quasi als Einstandsgeschenk soll diese Leistung der Kunstwelt des Westens in einer Hommage-Installation dargeboten werden.

Gerhard Kromschröder, Ach, der Journalismus

andreas.markt-huter - 24.10.2006

Buch-CoverGroße Journalisten lassen sich zwar nicht mit einer Zauberformel verkürzt darstellen, aber man verbindet ihr aufregendes Werk leichter mit dem eigenen Leben, wenn es eine Lebensformel zwischen Journalismus und dargestellter Welt gibt.

In den Theodor-Herzl-Vorlesungen an der Universität Wien geht es immer um Meilensteine des Journalismus. Peter Huemer hat darin beispielsweise nachgewiesen, warum das Fernsehen dümmer ist als das Radio. Seine Lebenserkenntnis lautet, sobald du als Journalist über deine Verhältnisse wohnst, bist du käuflich und gekauft.

Douglas Coupland, Eleanor Rigby

andreas.markt-huter - 24.10.2006

Buch-CoverIm Beatles-Song über Eleanor Rigby klaubt ein Mauerblümchen in der Kirche den Reis auf, den eine Hochzeitsgesellschaft ausgestreut hat. Seither steht dieser Name für eine Frau, die von jenen Glücksbrosamen leben muss, welche die anderen übrig gelassen haben.

Bei Douglas Coupland ist die 36-jährige Liz Dunn diese stille Außenseiterin. Mit viel Körperfett hat sie sich von der Außenwelt abgeschottet und schiebt ihr Leben als unauffälligen Trabanten durch Vancouver. Ihr Leben ist nur zweimal von einem Deep Impact heimgesucht worden.