Johannes Gelich, Chlor
Manchmal bestehen Romane aus einem signifikanten Stoff, der sich penetrant auf den Leser überträgt. In Norbert Gstreins Roman „O2“ etwa zischt der pure Sauerstoff der Ballonfahrt quer über den Text, in Kurt Leutgebs Roman „K2“ wird der undefinierbare Müll zu einem Megagebirge, das sich im Kopf des Lesers ablegt.
Johannes Gelich lässt in seinem Roman durchgehend Chlor austreten. Als Leser ist man schon bei der Nennung dieses Mediums geistig in einem Hallenbad und denkt an Chlorgasaustritte, Chlorgasvergiftungen und Chlorakne.
Wer eine schräge Wahrnehmung hat, kommt selbst auch in Schräglage. – Martin Suter ist der Spezialist für gestörte Wahrnehmungen. Ob es sich nun um die Krankheit Alzheimer (Small World) handelt, um einen formidablen Anschlag auf die Erinnerung (Ein perfekter Freund) oder um kleine Notlügen und Eintrübungen bei der wahrhaften Liebe (Lila, Lila), immer sind seine Figuren defekt, so dass sie das wahre Ausmaß ihrer Schräglage nur unzureichend wahrnehmen.



Die wahren Geschichten krabbeln heimlich und geduckt durch die glatt polierte Gesellschaft wie die sprichwörtlichen Kakerlaken durch die Küche.

