Gundi Feyrer, Der Tempel des Nichts
Wenn Materie nicht aus Materie besteht, wie in Physikerkreisen formuliert wird, dann könnte vielleicht Dichtung Materie sein?
Gundi Feyrer geht mit ihrem Roman „Der Tempel des Nichts“ an die Anfänge der Existenz, des Weltalls und des Bewusstseins zurück. In der einen Lesart ist die Welt aus dem Urknall entstanden, in einer anderen Sichtweise hat sich das Nichts so lange selbst angestarrt, bis daraus ein Spiegelbild geworden ist, in einer religiösen Fassung ist die Welt gar aus Worten gemacht. Hinter all diesen Thesen steckt nicht nur eine elegante Verführung zur Entfaltung von Sinn, sondern vermutlich beinharte Zauberei. Deshalb trägt der Roman in Klammern den Untertitel das Zaubern.
Wenn dir beim Aufschlagen eines Buches alles fremd ist, lies es wie ein Lexikon!
Staatstragende Romane sollten wenigstens zehn Jahre lang warten, ehe sie eine Gegenwart historisch abgekühlte beschreiben. Alles, was zu nahe an den aktuellen Kalender herangeführt ist, klingt nach Wahlkampf, Propaganda oder Streitschrift.
„In diesem Werk geht es darum, die Grundzüge der römischen Politik und Gesellschaft sowie deren Wandel über die lange Epoche von 500 Jahren verständlich zu machen. Zudem eröffnet die Beschäftigung mit der römischen Republik Einblicke in die Formierung politischer Gemeinschaft, Staatenbildung und Herrschaftssicherung.“ (S. 22)
„Eine der großen Herausforderungen im künstlerischen Schaffen besteht heute darin, wie man persönlich mit der nahezu unvermeidbaren Verbindung von digitalen und analogen Momenten in der eigenen Arbeit umgeht. Diese Fragestellung war noch vor zwei oder drei Jahrzehnten kaum abzusehen. Dementsprechend unvorbereitet, bisweilen auch frisch und neu sind die Antworten, vergleichbar mit dem Aufkommen der Abstraktion und des Films vor hundert Jahren.“ (S. 19)
Der eine kommt aus dem Nebel zurück und verkündet, er habe die Aussichtswarte verfehlt und daher nichts gesehen, der andere nimmt vor dem Bildschirm des Internisten Platz und kriegt eine Vorschau auf seine Krankengeschichte, irgendwo ganz hinten sitzt der Tod.
„Wir reden über Zweifel und Hoffnungen an der Resonanzpädagogik. Dabei erkunden wir das Wesen von Resonanz- und Entfremdungserfahrungen, thematisieren das Verhältnis zwischen Leistung und Resonanz im Bildungssystem, diskutieren über die Autonomie der Pädagogik und ihre Verortung gegenüber anderen Disziplinen, aber auch, was das spezifisch Neue an der Resonanzpädagogik ist.“ (S. 7)
In einem von Pädagogen und Psychologen getränkten Literaturbetrieb bleibt letztlich nur mehr der Infantilismus, um sich auszudrücken. Alles, was sich nicht kindgemäß sagen lässt, scheint überflüssig und wertlos zu sein. Selbst die größten Dinge zwischen Himmel und Erde müssen zu Zwitschern zurechtgestutzt werden, ohne dass daraus wenigstes Vogelklang entstünde.
In der Literatur schaffen es nur wenige Titel, dass schon bei ihrer Erwähnung sofort ein Stück Lebensprogramm aufpoppt. „Faust“, „Das Schloss“, „Verstörung“ lassen nicht nur einen Text in der Lese-Erinnerung hochschnellen, sie zeigen in einem einzigen Aufblitzen Helden, die um ihr Schicksal ringen. Aus feministischer Sicht sind solche Highlights etwa „Madame Bovary“, „Pippi Langstrumpf“ oder eben „Nora“.
Meisterliche Gedichte lassen nicht spüren, dass hinter ihnen eine Theorie steckt. Dabei trifft die lyrische Erfahrung von Jahrhunderten auf die Bilder aus der Gegenwart, und niemand kann sich die Gedichte anders vorstellen, als dass sie eben in dieser Gestalt formuliert sind.