Evelyn Grill, Immer denk ich deinen Namen
Gute Sprichwörter erleichtern zwar den Tagesablauf zwischendurch, harte Sachen freilich müssen in der Literatur die Helden umso heftiger ausbaden, je bessere Sprichwörter sie kennen.
Evelyn Grill bringt in ihrem Roman „Immer denk ich deinen Namen“ zwei hochbelesene, feinfühlende und aufgeklärte Helden zusammen. Ein Germanistikprofessor aus Karlsruhe trifft in Prag bei einer Kafka-Tour die Lektorin Vera, und schon beim Heimfahren in ihre Literaturzellen merken beide, da ist etwas geschehen. Beide unterliegen offensichtlich dem Doderer‘schen Diktum: „Wer sich in Familie begibt, kommt darin um!“ (31)
Die idealen Gedichte verklären den Alltag durch Aufklärung und können deshalb unauffällig und ungespreizt auftreten.
Als die scheinbar ewigste Stadt der Welt besteht Rom einerseits aus lauter Kleinodien triefend vor Geschichte, andererseits aus brutalster Schwarzweiß-Szenerie wie in einer vom Staat aufgegebenen mexikanischen Stadt.
Bevor die Chose mit dem echten Leben losgeht, gibt es für die Helden meist noch einen Erlebnisrausch, worin Ort, Zeit und Ziel völlig egal sind.
„Seit der Aufklärung vor rund zweihundertfünfzig Jahren blieb noch jedes Luther-Jubiläum hinter ihr zurück. Nicht nur wegen des geradezu hysterischen Teufelsglaubens, dem der gläubig-abergläubische Professor huldigte und der bei diesen Feiern wohlweislich beschwiegen worden sein dürfte, wie so manches andere, was das Loben und Feiern hätte stören können.“ (24)
Seit die Menschen Tag und Nacht online sind, heißt die häufigste Formel der Begegnung: Können wir den Termin verschieben? Dahinter steckt die Ahnung, dass man die Zeit nur besiegen kann, wenn man sie verschiebt.
Kampfschreie unterliegen keiner Rechtschreibregel, weshalb die Graffiti mit anderen Wörtern an den Mauern kleben als die Lehrsätze im Innern eines Geschichtsbuches.
Beim historischen Schundheft der 1960er Jahre haben sich immer alle Beteiligten versteckt. Jetzt beim grandiosen Revival vom „Schundheft“ wird zwar ebenfalls die übliche Publikationsordnung auf den Kopf gestellt, die Autorinnen und Graphikerinnen verstecken sich aber nur lose hinter Initialen, die Herausgeber gehen in den Untergrund des Covers und der Titel verfehlt knapp den Villacher Fasching und propagiert „Lele“, was vermutlich in der Geheimsprache „Lesen!“ heißt.
Wenn es nach den Forschungsdisziplinen Psychologie und Literatur geht, sind Vater und Tochter ausschließlich deshalb auf der Welt, damit sie Schwierigkeiten kriegen und dann einen Psychologen oder eine Bibliothek aufsuchen können.
In der Biologie gibt es die durchaus praktikable Denkvorstellung, dass das Leben aus permanent flatternden DNA-Strähnen besteht, die fallweise zu Menschen, Tieren oder Zellen ausgebildet sind. Nach dieser Logik kann ein Menschenaffe in grauer Vorzeit durchaus im Gebüsch am Rande einer Savanne sitzen und mit dem Denkwerkzeug der Gegenwart den Sinn des Lebens finden.