carlo bonini, acabGraffitis und Wandmarkierungen lassen bei Tageslicht nur dämmrig erahnen, was sich vielleicht in den Nächten davor abgespielt hat. Der Kampfruf, „All Cops Are Bastards“, bringt die Wut auf den Staat zum Ausdruck, wenn man die entsprechenden Geschichten hört und die einschlägigen Protokolle liest.

Der Jurist und Investigativ-Journalist Carlo Bonini geht in seinem Thriller den Spuren der italienischen Gewalt nach, die mittlerweile staatstragend geworden ist. Im Mittelpunkt stehen dabei die von der Behörde organisierten Exzesse beim G-8-Gipfel in Genua. Damals 2001 haben Spezialtruppen Schlägereien provoziert, Menschen willkürlich verhaftet und in einem Auffanglager gefoltert. Der Student Carlo Giuliani ist zu Tode gekommen, die Aufarbeitung durch die Justiz hat bis in die Gegenwart gedauert.

christian somnitz, materialien„Sir Arthur Conan Doyles Krimiklassiker bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine motivierende und fächerübergreifende Auseinandersetzung im Unterricht, die das Begleitmaterial auf vielfältige Weise aufgreift.“ (S. 4)

Arbeitsmaterialien für Klassenlektüren bieten eine interessante Möglichkeit, auf spielerische Weise Hintergrundwissen zum Buch zu vermitteln, den Inhalt zu vertiefen und in Form von unterhaltsamen und spannende Arbeitsaufträgen zu verarbeiten.

christian somnitz_materialien mark twain„Das Begleitmaterial greift verschiedene inhaltliche, sprachliche, historische und gesellschaftlich-ethische Aspekte des Romans auf. […] Jeder Abschnitt beginnt mit einem Lehrerteil, in dem sich Hinweise zu den Kopiervorlagen, sowie zusätzliche Vorschläge für Gesprächs- oder Schreibanlässe befinden.“ (S. 4)

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bild michael dibdin im zeichen der medusaAls Information über ein Land sind Krimis nur eingeschränkt nützlich. Üblicherweise haben Krimi-Autoren nämlich kaum Arbeit mit der Recherche, sie googeln grob ein paar Ortschaften herunter und geben dem Helden ein paar sinnlose Aufgaben.

Der englisch-amerikanische Autor Michael Dibdin (1947-2007) hat längere Zeit in Perugia unterrichtet und bei dieser Gelegenheit elf Krimis über die entlegensten Teile Italiens geschrieben. So ist auch Südtirol zu einem Roman gekommen, der allerdings nur dünn in Bozen und in einem versteckten Militär-Tunnel in den Dolomiten spielt.

lenz koppelst%C3%A4tter, nachts am brennerManche Orte sind so kalt, düster, aufgewühlt und abgehängt, dass ihnen nur noch ein Krimi beikommen kann. Ein Musterort für Krawall, Entgleisung, Mord und Totschlag ist der Brenner.

Lenz Koppelstätter ist der intellektuellste unter den Südtiroler Krimi-Machern. Allein sein Commissario Grauner, dessen Herz an einem Bio-Hof hängt und der zum Grübeln am liebsten Gustav Mahler hört, hat sich eine Lebensneugierde bewahrt, die ihn wohltuend von den üblichen angefressenen Beamten dieses Genres unterscheidet. Sein kongenialer Partner aus Sizilien fühlt sich in Südtirol pudelwohl, und das Duo tritt Alltags-kulturell so authentisch auf, dass man vergisst, dass hier eine deutschsprachige und italienische Seele eingespeist sind.

Die unbarmherzig zupackende Krimiwelle zwingt die Autoren dazu, den letzten Tropfen Sinn aus dem literarisch anvisierten Land zu quetschen. Denn wenn irgendwo wirklich alles schon mehrmals gesagt worden ist, dann im Reich der Krimis.

Lenz Koppelstätter wehrt sich gegen das „Alles schon Erzählte“ mit seinem intelligenten Commissario Grauner, der wie im Krimi nicht unüblich intelligenter ist als sein Publikum. Er ist eigentlich mit Hingabe Viehbauer und macht die Kriminalfälle nur, weil er beim Staat angestellt ist. Weitum bekannt ist er für seine Mahler-Symphonien, die er während der Stallarbeit zur Erbauung der Kühe abspielt. Ihm zur Seite steht der Neapolitaner Saltapepe, der sich schon nach einem einzigen Fall perfekt in Südtirol eingelebt hat und innig nach einem weiteren Fall giert.

Als die scheinbar ewigste Stadt der Welt besteht Rom einerseits aus lauter Kleinodien triefend vor Geschichte, andererseits aus brutalster Schwarzweiß-Szenerie wie in einer vom Staat aufgegebenen mexikanischen Stadt.

Giancarlo De Cataldo und Carlo Bonini kriegen ihren Stoff Nacht für Nacht vor die Haustüre gekarrt, sie brauchen im Prinzip bloß sorgfältig die Fälle aus Justiz und Chronik abzuschreiben und haben schon einen Thriller. „Die Nacht von Rom“ ist eine Fortsetzungsgeschichte ohne Anfang und Ende, nicht einmal die Helden wissen in diesen Folgen, ob sie dieses Mal die ultimative Macht an sich reißen können oder unter Folter liquidiert werden.

Im perfekten Roman ist die dargestellte Fiktion so wirklich, dass man damit in der Wirklichkeit etwas anfangen kann, auch wenn es keine Hilfestellung dafür gibt.

Don Winslows „Kartell“ ist natürlich ein Thriller, was die äußere Aufmachung und das Marketing betrifft, in seinem Kern ist der Roman aber ein Stück von der Hinterseite jener Währung, die uns im scheinbar fernen Europa als goldenes US-Wesen dargeboten wird. Im Gewusel aus hunderten Plots geht es um Krieg, feindliche Übernahmen, Scheinfirmen, Korruption und Gewalt. Die Schauplätze liegen zwar meist in einem Mexikanischen Bundesstaat, gesteuert wird das Ganze freilich direkt aus Washington heraus. Und wenn Mexiko für die Kriege zu klein wird, weicht man stracks in südliche Guatemala aus.

Mittlerweile wird manchem Krimi-Schreiber selbst bewusst, dass das Fließbandschreiben nicht das Gelbe vom Ei sein kann, weshalb immer öfter in einem Nachwort erklärt wird, welch hohe Gedankengänge eigentlich im Krimi stecken.

Wilhelm Kuehs erklärt sein ungebremstes Schaffen mit der hohen Wahrscheinlichkeit, die in einem Krimi sitzt. Er zitiert den russischen Semiotiker Jurij M. Lotman, der sagt, „der literarische Text sei ein sekundäres modellbildendes System“. Im Kärntner-Krimi werden Elemente der Wirklichkeit transferiert, modelliert und manchmal bis zur Kenntlichkeit entstellt, um ein sekundäres System, eine narrative Welt zu schaffen. (333)

Alles Helle auf der Vorderseite hat meist etwas Dunkles auf der Hinterseite. Wer mit dem Finger durch die Speisekarte der Wildwochen fährt, muss wissen, dass zumindest in Österreich allerhand Blut und Dreck auf der Rückseite der Speisekarte steht.

Elisabeth Schicketanz und Robert Boulanger haben sich lustvoll der österreichischen Seele angenommen, die bekanntlich verbrämt durch urbane Sequenzen als archaisches Finsterland im erweiterten Speckgürtel rund um die Hauptstadt ansässig ist. Wer verstehen will, wie dieses ironisch-feudale Österreich tickt, das sich zwischen Deix-Figuren in Ackerfurchen versteckt, kommt an der Jagd nicht vorbei. Allein in Niederösterreich sind gut dreißigtausend Jagdscheine im Umlauf, (91) sagt jemand ganz verbittert, als er nicht mehr weiterweiß.