Kunst | Musik

Jean-Marc Ceci, Herr Origami

h.schoenauer - 24.02.2020

jena-mar ceci, herr origamiEin Roman gilt üblicherweise als Podium für Üppigkeit von Figuren und Ausstattung, Verknotung von Handlungen, Spiegelung von winkeligen Seelensträngen. Das Gegenteil müsste so etwas wie der Zen-Roman sein, ein Text voller Reduktion bis hin zur Auflösung jeglicher Konsistenz.

Jean-Marc Ceci hält wie ein Zen-Meister seine eigene Biographie klein bis zur Unscheinbarkeit. Er gibt nur zu, auf einer Universität zu unterrichten und in Südbelgien zu leben. Offensichtlich hat er sich die eigene Biographie von seinem Helden abgeschaut, der als Zwanzigjähriger aus Japan nach Italien fährt, um sich zu verlieben. Als Sechzigjähriger ist er dann Meister der Papierkunst und wird Herr Origami genannt. Seine Liebe ist in unzählige Papierfaltungen eingeflossen und verdunstet.

Christian Steinbacher, Gräser im Wind

h.schoenauer - 15.01.2020

christian steinbacher, gräser im windDas Trivialste und Geilste, das man sich in der Literatur vorstellen kann, ist Gras. Nicht nur, der biblische Vers, „alles Fleisch wird Gras“, weist auf die Besonderheit von Gras hin, auch der Top-Roman des Nobelpreisträgers Claude Simon heißt schlicht „Das Gras“.

Christian Steinbacher nimmt das Gras zum Ausgangspunkt für seine poetische Abhandlung, die bei ihm Abgleich heißt. Als Vorspann ist dem Gräser-Werk eine zweifache Übersetzung einer Szene aus Simons Gras vorangestellt. Selbst der Laie erkennt, dass Gras bei jedem Anblättern anders wird. Im Roman dient das Gras einerseits als Stoff für ineinander Verwachsenes und als Unterlage für Seitensprünge, die manche Helden mitten im Absatz durchführen.

Hannes Vyoral, jahrland

h.schoenauer - 18.12.2019

hannes vyoral, jahrlandNeben Liebe und Tod ist der Kreislauf der Zeit das aufregende Thema, das Künstler seit Jahrhunderten bewegt. Letztlich sind sogar Liebe und Tod der Zeit untergeordnet.

Hannes Vyoral lebt schon seit Jahren an der Kante von Land und Niemandsland und beobachtet die Jahreszeiten, das Wetter, den Kalender. Die dabei aufgezeichneten Kalendergedichte gleichen im ersten Anblick lokalen Wetterereignissen, bei genauerem Hinsehen bringen sie freilich eine eigene Welt zum Vorschein, worin sich täglich ein ganzer Schöpfungsbericht ablesen lässt.

Lukas Thommen, Archaisches und klassisches Griechenland

andreas.markt-huter - 09.12.2019

lukas thommen, griechenland„Dieses Buch gibt einen Überblick über das archaische und klassische Griechenland bzw. die Zeit vom 8.-4. Jh. v. Chr. Es ist als Einstieg in ein akademisches Studium gedacht und so konzipiert, dass jedes Kapitel als geschlossene Einheit verwendet werden kann. Ziel ist es, sowohl wesentliche Grundlagen zu vermitteln, als auch einen Ausgangspunkt für die weiterführende Beschäftigung mit den betreffenden Themen zu schaffen.“ (S. 9)

Die antike griechische Welt gilt als Wiege der europäischen Kultur und Zivilisation, in der die Grundlagen unseres wissenschaftlichen, politischen und kulturellen Denkens gelegt worden sind. Lukas Thommen bietet einen spannenden Einblick in die Anfänge griechischen Lebens von der Archaik bis in die Klassik.

Giwi Margwelaschwili, Bedeutungswelten

h.schoenauer - 04.12.2019

giwi margelaschwili, bedeutungsweltenDie Heftigkeit eines Lebens lässt sich unter anderem daran messen, wie lange ein Interviewer braucht, um das Wesentliche einer Lebenskarriere darzustellen.

Bei Giwi Margwelaschwili dauert es fünf Tage im Frühjahr 2016, bis der Verleger des Verbrecherverlages Jörg Sundermeier mit den wichtigsten Fragen durch ist. Es kommt aber auch alles zusammen, was ein unglaubliches Leben ausmachen kann. Und wo die Fakten durch bloße Anrufung nicht ausreichen, werden manche Lebensstationen geschönt und zur allgemeinen Nachahmung aufbereitet.

Augusta Laar, Planet 9

h.schoenauer - 29.11.2019

augusta laar, planet 9Gedichte im Ausmaß von Planeten, das terrestrische Planetensystem, das mit der Zahl neun überschritten wird, dazu noch Fragmente und Instruktionen prägen Band zwanzig der „Neuen Lyrik aus Österreich“.

Augusta Laar hat mit „Planet 9“ Großes im Auge und bereits mit dem Motto wird jeglicher irdische Ballast abgeworfen. David Bowie: „Look up here, I am in heaven.“ In sechzig Text-Konstellationen geht es in der Folge um fertige Gedichte, die wie Planeten durch den poetischen Kosmos kreisen, um Fragmente, deren endgültige Gestalt sich nur erahnen lässt, und um Instruktionen, wie man diesem galaktischen Treiben begegnen könnte.

Harald Specht, Geschichte(n) der Lüge

andreas.markt-huter - 11.11.2019

Bild: harald specht_geschichte der lüge„Nach bestem Wissen und Gewissen soll hier Wahrheit und nichts als die Wahrheit dominieren, wenn wir Sie, liebe Leser, Auge in Auge, Zahn um Zahn und über beide Ohren mit den „Geschichte(n) der Lüge“ und den zahllosen Verfehlungen wider das 8. Gebot konfrontieren. Und da das Lügen laut HAUG den Menschen sogar Vergnügen bereiten soll, wünschen wir Ihnen dasselbige auch hier, beim Stöbern nach der reinen Wahrheit.“ (S. 11 f)

Seit es Menschen gibt, wird gelogen, wobei auch die moralische Bewertung dieser Lügen sich mit der Entstehung von Moralsystemen und Religionen entwickelt und verändert hat. So gilt in der Evolution das Lügen bei Tieren als durchaus zielgerichteter und erfolgversprechender Fortschritt. In der Geschichte der Menschen hatten Lügen unterschiedliche Effekte, unterhaltsam waren sie für heutige Leserinnen und Leser aber allemal, wie die „Geschichte(n) der Lüge“ nachdrücklich unter Beweis stellen.

Bosko Tomasevic, Der Abgrund unter jedem Grund

h.schoenauer - 16.09.2019

bosko tomasevic, der abgrund unter jedem grundSind im Existenzialismus überhaupt Gefühle erlaubt? Und wenn ja, stören sie dann nicht den Existenzkampf und lenken ab vom Thema Leben und Tod?

Bosko Tomasevic gilt als einer der konsequentesten „Daseins“-Lyriker, der seinen Stoff aus der Antike schöpft und vor allem den Hinterlassenschaften der Philosophen Hölderlin und Heidegger nachgeht. Seine Gedichte sind oft Antworten auf paradoxe Fragen, sie sind deshalb mit rätselhaften Überschriften ausgestattet, die der üblichen Sprachanwendung misstrauen.

Petra Ganglbauer, Wie eine Landschaft aus dem Jahre Schnee

h.schoenauer - 01.08.2019

petra ganglbauer, wie eine landschaftEs gibt Begriffe, da will man unbedingt mehr wissen, wenn sie unvermittelt auftauchen. Landschaft und Schnee sind unendlich weite Zustände, die einen ein Leben lang aufsuchen, und über der Fügung liegt etwas von Unsterblichkeit.

Petra Ganglbauer tritt gegen diese Unendlichkeit mit dem spitzen Werkzeug der Kurzprosa an. In knapp vierzig poetischen Hieben wird versucht, Zeit und Ort das Messer anzusetzen, eine Kluse zu finden in der abwehrenden Oberfläche, in die Tiefe zu bohren wie eine tierische Seele auf Nahrungssuche.

Irene Diwiak, Liebwies

h.schoenauer - 13.07.2019

irene diwiak, liebweisOpernfiguren brauchen vor allem eines: Viel Luft rund um sich, damit sie sich stimmlich ausbreiten und ihre Persönlichkeit entfalten können.

Irene Diwiak kümmert sich in ihrem grotesken Anti-Künstler Roman um diese viele Luft, die die Helden auf ihren Wegen an der Peripherie der Gesellschaft umgibt. Als Höhepunkt kommt es zu einer Aufführung des unheimlich kasteiten und kastrierten Werkes „Die Gräfin der Stille“.