Roman

Rudolf Habringer, Leirichs Zögern

h.schoenauer - 08.07.2022

rudolf habringer, leirichs zögernEine besonders spektakuläre Art, sein Leben in Aufruhr zu bringen, ist dessen Sedierung durch wohl einstudierte Handgriffe des Alltags und Rituale, die regelmäßig ins Leere führen.

Rudolf Habringer stellt einen Helden vor, der mitten in seiner eigenen Ordnung zu versickern droht. Gregor Leirich ist Zeitgeschichtler an einem Universitätsinstitut, wo sich selbst die Gegenwart bereits in eine vorsortierte Materie verwandelt hat, sodass man ohne Aufregung daran herumforschen kann. Der Schwerpunkt liegt ohnehin bei der Produktion von Bachelors, wodurch der Lauf der Geschichte für die nächste Generation gesichert zu sein scheint. Das alles entscheidende Wort heißt „vorsatzgemäß“. Der gute Historiker steht früh am Morgen auf und hat einen Plan, den er nach seinen Vorstellungen als Tagwerk abarbeiten wird.

Egyd Gstättner, Leopold der Letzte

h.schoenauer - 06.07.2022

egyd gstättner, leopold der letzteKann man aus dem Jenseits heraus einen Roman schreiben? ‒ Diese Frage beschäftigt das Publikum schon seit Jahrhunderten. Die Sache ist so fragwürdig heiß, dass man nicht von ihr ablassen kann, ehe der Roman fertig gelesen ist.

Egyd Gstättner operiert mit der These, dass jeder Autor stirbt, wenn er aus seinem Text heraussteigt. Nach der Niederschrift löst sich daraus sein Geist, dieser segelt über dem Schreibtisch und kann so mitverfolgen, wie er für tot erklärt und sein Werk zu einem Nachlass wird.

Castle Freeman, Herren der Lage. Roman

h.schoenauer - 04.07.2022

castle freeman, herren der lage„Wir leben hier. In diesem Tal. Wir sind ebenfalls keine Idioten. Und wir langweilen uns nicht. ‒ Manchmal vielleicht ein kleines bisschen.“ (120) Diese Beschreibung eines entlegenen Landstrichs von Amerika ist vielleicht das genaue Gegenteil von Tirol und heizt dadurch unsere Sehnsucht an.

Castle Freeman zeigt in seiner kleinen „Vermont-Saga“, wie die Idylle unversehrt bleibt, weil sich die Menschen weigern, das Schlimme zur Kenntnis zu nehmen. In einem abgelegenen Tal in Vermont sind zumindest die Rechtsvertreter, der alte und der aktive Sheriff, „Herren der Lage“.

Maddalena Fingerle, Muttersprache. Roman

h.schoenauer - 01.07.2022

maddalena fingerle, mutterspracheZwei Südtiroler Autorinnen mischen die Südtiroler Literaturszene auf wie bislang vielleicht n. c. kaser mit seiner berüchtigten Brixner Rede 1969, als er über die verlogenen Literaturbetreiber und andere Sprachwurschtl in Südtirol herzieht.

Bereits 2021 erregt der auf italienisch geschriebene Roman „Lingua madre“ der in Bozen geborenen Maddalena Fingerle größte Aufmerksamkeit, wird zu einem Bestseller, und seine Autorin reüssiert in allen erdenklichen italienischen Preisklassen.Jetzt „vollendet“ die in Pflersch geborene Maria E. Brunner dieses elementare Werk über die Südtiroler Identität, indem sie es ins Deutsche übersetzt. Dadurch wird „Muttersprache“ ein richtig politischer und patriotischer Roman, weil sich auch die mono-sprachlichen Deutschen damit befassen dürfen.

Markus Fenner, Binabichl. Die Liebe in einer anderen Welt

h.schoenauer - 29.06.2022

markus fenner, binabichlWenn der Titel eines Romans grotesk-witzig genug ist, musst du dein Leben unterbrechen und darin zu lesen beginnen. „Bin-a-Bichl“ ist sprachlich gleich gestaltet wie das häufig verwendete „Bin-a-Trottl“, womit gesagt ist: Endlich einmal beginnt ein geographischer Haufen aus sich heraus zu sprechen!

Markus Fenner stellt dem Roman Binabichl eine kursiv gesetzte Liebesgeschichte voran: darin wird am Beispiel des Münchner Psychiaters Dr. Melzer und seiner Geliebten Amrei vom Dorf gezeigt, dass Romeo und Julia nicht zusammenkommen können. Neben dem Schicksal des lieblichen Paares kommt auch gleich das eigentliche Thema zur Sprache: Die Voralpen.

Philipp S. Katz, Du, Forscher, du!

h.schoenauer - 20.06.2022

philipp s. katz, du, forscher, du!Was waren das noch für Zeiten, als Forschern nicht nur geglaubt wurde, was sie erforschten, sondern als man sie auch noch unterstützte und als fröhliche Wissenskumpane begrüßte.

Philipp S. Katz ist nach fünfzig Jahren noch selbst ganz hingerissen von der Begrüßung, die ihm das Bergdorf Stuls bereitet hat anlässlich seiner anthropologischen Studien über Leben, Wandel und Lebenswandel in den 1970er Jahren. Die Formel „Du, Forscher, du! Kimm do auer!“ ist mittlerweile legendär.

Constantin Schwab, Das Journal der Valerie Vogler

h.schoenauer - 15.06.2022

constantin schwab, das journal der valerie voglerBald wird die Erde so vermüllt sein, dass es keinen Flecken mehr gibt, auf dem man ein Selfie mit unberührter Natur machen kann. Auch die Literatur leidet schon unter dem Mangel an unberührten Plätzen, worin sich die Seele in sich selbst austoben kann. Als letzte Refugien für kranke Psychen gelten Patagonien und Spitzbergen. Das früher weit verbreitete Sibirien ist ja momentan sanktioniert.

Constantin Schwab nennt seinen Roman „Das Journal der Valerie Vogler“. Mit diesem Genre versucht er einen halbwegs realistischen Rahmen für etwas abzustecken, was gerade dabei ist, jeglichen Rahmen abzuwerfen: Die absolute Kunst.

Judith W. Taschler, Über Carl reden wir morgen.

h.schoenauer - 13.06.2022

judith w. taschler, über carl reden wir morgenJe katastrophaler die Gegenwart empfunden wird, umso mehr weichen Romane in die Vergangenheit aus. Eine Familiengeschichte, die kurz nach dem ersten Weltkrieg aufhört, beruhigt aufgewühlte Pandemie- und Kriegsseelen gleichermaßen.

Judith W. Taschler erklärt in einem Begleitinterview zur Präsentation ihres Romans „Über Carl reden wir morgen“, dass sie sich aus dem frustrierenden Pandemiegeschehen ausklinken wolle, weshalb sie einen Stoff recherchiert habe, den eine Mühlviertler Familie so in etwa vielleicht im 19. Jahrhundert erlebt hat. Historie dient also zur Entspannung, weil man immerhin weiß, wie die Geschichte zu einem gewissen Zeitpunkt ausgegangen ist. In diesem Falle endet der Roman gegen 1920 und lässt genug Spielraum, ihn vielleicht bis in die Gegenwart heraufzuführen, wenn diese später einmal weiß, was sie will.

Ana Schnabel, Meisterwerk

h.schoenauer - 01.06.2022

ana schnabl, meisterwerkZwischen Literatur und Geschichte herrscht immer ein unausgesprochenes Wechselspiel. Zum einen vermag die Literatur gesellschaftliche Umbrüche voranzutreiben oder zu verhindern, zum anderen werden in Zeiten des Umbruchs selbst intime Liebesgeschichten zu einem Politikum.

Ana Schnabl verwendet für ihren Roman „Meisterwerk“ die Witterung des untergehenden Jugoslawiens und stellt den einzelnen Kapiteln immer eine Stadtlandschaft voller Pfützen voran, worin Helden in ihren nassen Kleidern herumtapsen. Und schon beim ersten absichtslosen Betreten eines Treppenhauses merkt jeder, dass hier ein Staat am Ende ist, und es setzt bedrückende Stimmung ein.

Fiston Mwanza Mujila, Tanz der Teufel

h.schoenauer - 25.05.2022

fiston mwanza mujila, tanz der teufelManchmal erzählt sich ein Roman von selbst, indem er sich zu Beginn als Stück Landkarte zeigt, worin alles eine Stimme hat. Schon das erste Abtasten dieser Karte mit einem kalten Lesefinger lässt den Text aufwallen: Hier erzählen Hitze, aufsteigende Blasen, wabernde Lava, einstürzende Minen und aufgewühlte Menschen von der Geschichte der Kolonialisierung und um ihr Leben.

Fiston Mwanza Mujila, der schon lange in Graz lebt, ist etwas verrückt Schönes gelungen. Er hat mit „Tanz der Teufel“ einen österreichischen „Zaire“-Roman geschrieben. Der brodelnde Kessel ist auf zwei Herdplatten in Angola und der Demokratischen Republik Kongo aufgestellt und heiß gemacht. Die einzige Information die der europäische Leser aus dieser Konstellation ins Bewusstsein überleitet, ist ein Gefühl für unermessliche Größe, entkoppelte Peripherie, Dschungel und Bergbau und für ein eigenes Gesetz, das vielleicht über Musik verlautbart wird. Zaire ist dabei als kultureller Überbegriff zu verstehen.