Roman

Irene Diwiak, Liebwies

h.schoenauer - 13.07.2019

irene diwiak, liebweisOpernfiguren brauchen vor allem eines: Viel Luft rund um sich, damit sie sich stimmlich ausbreiten und ihre Persönlichkeit entfalten können.

Irene Diwiak kümmert sich in ihrem grotesken Anti-Künstler Roman um diese viele Luft, die die Helden auf ihren Wegen an der Peripherie der Gesellschaft umgibt. Als Höhepunkt kommt es zu einer Aufführung des unheimlich kasteiten und kastrierten Werkes „Die Gräfin der Stille“.

Grégoire Delacourt, Der Dichter der Familie

h.schoenauer - 05.07.2019

gregoire delacourt, die dichter der familieÜblicherweise muss ein Dichter von Kindesbeinen an gegen eine feindliche Umwelt kämpfen und alle seriösen Berufsangebote ausschlagen, damit er sein Leben der Literatur opfern kann. werden kann.

Grégoire Delacourt zeigt ironisch bitter, wohin es führt, wenn ein zarter Knabe zum „Dichter der Familie“ ausgerufen wird. Der Ich-Erzähler lässt schon mit sieben, kaum, dass er das Schreibgerät halten kann, die ersten Reime heraus.

Tina Pruschmann, Lostage

h.schoenauer - 03.07.2019

tina pruschmann, lostageWem die Natur zu wenig dramatisch ist, der baut in der Landwirtschaft gerne sogenannte Lostage darin ein. Lostage verstärken einen Zustand ins Unermessliche und wirken wie eine Zauberkraft. Wer an Lostagen alles richtigmacht, kann die Natur vielleicht überlisten. So sind Lostage Wünsche und augenzwinkernde Logik in einem.

Tina Pruschmann nimmt diese geheimnisvollen Lostage zum Anlass, um das gewöhnliche Leben aufzuschlüsseln. Jeder von uns erinnert sich an sogenannte Schlüsseltage, an denen sich das Leben entscheidend verändert hat. Wenn man nun Macht über diese besonderen Tage hätte, hätte man auch Macht über das Leben. Der Witz ist nur, dass sich oft erst lange hintennach entscheidet, ob ein Ereignis damals ein Lostag gewesen ist.

Kat Kaufmann, Die Nacht ist laut, der Tag ist finster

h.schoenauer - 28.06.2019

kat kaufmann, Die Nacht ist laut, der Tag ist finsterGigantische Begriffe wie laut und finster lassen sich nur schwer beschreiben, denn jede einzeln beschriebene Teilmenge daraus dämpft ja die Lautstärke oder die Finsternis.

In Kat Kaufmanns Roman geht es chaotisch zu. Als Leser hat man beide Hände voll zu tun, den Text im Zaum und auf dem Display oder Papier zu halten, die Sätze sind flüchtig und hauen sofort in die Lese-Umgebung ab, wenn man eine Seite aufschlägt.

Gerhard Henschel, Arbeiterroman

h.schoenauer - 24.06.2019

gerhard henschel, arbeiterromanWenn ein Held lange auf Sendung bleiben soll, muss er sich zwischendurch immer wieder häuten und neu erfinden. Martin Schlosser, der Held von Kindheits-, Abenteuer- Bildungs- oder Künstlerroman, wird im siebten Roman Arbeiter.

Gerhard Henschel zieht im „Abenteuerroman“ wieder alle Register, um eine Art zeitgenössische Alltagschronik der späten 1980er Jahre auf die Beine zu stellen. Martin Schlosser, der schon längere Zeit in einer Spedition arbeitet, zieht eines Tages die Reißleine und verändert sich.

Franzobel, Das Floß der Medusa

h.schoenauer - 21.06.2019

franzobel, das floss der medusaDie Aufgabe eines ernsthaften Schriftstellers ist es, die Gesellschaft unabhängig von Moden mit aktueller Erzähltechnik vertraut zu machen und sie mit relevanten Themen in alternativen Gedankengängen zu unterstützen.

Franzobel erzählt das „Floß der Medusa“ in einem Kontext, wo in den Nachrichten stündlich gescheiterte Flöße im Mittelmeer vorkommen und „die Leichen wie Brotwürfel in der Suppe treiben“. (434) Die Magie vom Floss der Medusa besteht aus zwei Teilen, aus dem Plot und den Anstrengungen der Künste, dieses Vorkommnis als Mustergeschichte für Aufklärung zu verwenden.

Ludwig Roman Fleischer, Atlantis

h.schoenauer - 14.06.2019

ludwig roman fleischer, atlantisIn der vollkommen geglückten Geschichtsschreibung fallen individuelle Schicksale gestochen scharf aus der Teigmasse der allgemeinen Geschichte, der Vorgang des Erzählens gleicht dabei dem Keksausstechen eines neugierigen Kindes aus dem ausgewalzten Teig.

Ludwig Roman Fleischer beschreibt schon seit Jahrzehnten nichts anderes als die jeweilige Gegenwart, dabei sind seine Romane oft blumiger und ermunternder als die dargestellte Gesellschaftsmasse. Im aktuellen Roman „Atlantis“ nähern sich angehende Pensionisten auf einem Kreuzfahrtschiff einem Felsen, an dem sie glücklicherweise zerschellen dürfen.

Johannes J. Voskuil, Das Büro 5. Und auch Wehmütigkeit

h.schoenauer - 07.06.2019

johannes voskuil, Das Büro 5Ein gigantisches Romanwerk im Ausmaß von über fünftausend Seiten fordert vor allem den Autor, der alles unternehmen muss, um nicht während des Romans zu versterben. Und Unsterblichkeit ist auch vom Übersetzer verlangt, dass er nicht aufgibt. Ein Gigawerk fordert Verlagswesen und Buchhändler heraus und schließlich die Leserschaft. Ein Wahnsinnswerk bringt überhaupt alle an ihre Grenzen.

Johannes J. Voskuil erzählt im „Büro“ die Geschichte der Niederlande zwischen 1957 und den beginnenden 1990er Jahren. Archiv, Forschungsstätte und Weltraumbahnhof der Fiktionen ist dabei ein Volkskundeinstitut, das alles von Sprache, über Gartenzwerge bis hin zu Musik und Lagerfeuern erforscht. Ziel ist es, von der Peripherie her und vom flachen Land aus in die Zentren großer Gedankenentwürfe vorzudringen.

Daniel Suckert, Eigentlich

h.schoenauer - 15.05.2019

daniel suckert, eigentlichEine der größten Errungenschaften der Erzählkultur ist die sogenannte romantische Ironie. Dabei tritt eine Figur aus ihrer Rolle heraus wie aus einem Kostüm und reflektiert über Fug und Unfug des eben Gesagten. Paradebeispiel dafür ist der gestiefelte Kater, der ein Stück gleichen Namens während der Aufführung kommentiert.

Eine ähnliche Ironie, wenn auch auf Basis des Alltagsgrusels, wendet Daniel Suckert in seinem Roman „Eigentlich“ an, worin es vordergründig um die Substanz des Alltags-Trashs geht.

Ernest van der Kwast, Die Eismacher

h.schoenauer - 06.05.2019

ernest van der kwast, die eismacherAuf eine unsichtbar lustvolle Art ist jeden Sommer Europa mit einer fruchtigen Eisschicht überzogen. Wie selbstverständlich wird überall Eis ausgerufen und erotisch verschleckt, dabei kommt das Spitzeneis aus einer Spezialisten-Familie, die vom Cadore aus den Dolomiten heraus die Welt erobert hat.

Ernest van der Kwast lässt über mehrere Generationen hinweg eine Eismacher Familie auftreten, er veredelt ihr Tun aber, indem die Geschichte von einem Eis-Aussteiger erzählt wird. Guiseppe soll wie alle anderen der Sippschaft in die Eismacherei einsteigen, aber er wird Verleger und kreiert Lyrik wie eine Eisspezialität.