Roman

Herbert Dutzler, Bär im Bierkrug, Gott und Teufel

h.schoenauer - 10.02.2017

Der Reiz von Kriminalerzählungen liegt vor allem darin, dass sie zeigen, wie jede mögliche oder unmögliche Situation entgleisen und zu einem Kriminalfall werden kann. Gerade Österreich, das Land der Dauerentgleisungen, entwickelt sich zunehmend zu einem Paradies für Kriminalschriftstellerinnen.

Herbert Dutzler, der immer wieder als die Kriminal-Seele Österreichs bezeichnet wird, deutet in den vierzehn Kriminalgeschichten an, woraus das Land besteht, wenn man seinem Geflüster zuhört: aus verzwickten, verdrossenen und verdroschenen Kleinkrämerseelen, die sich durch den Alltag retten müssen. So kaputt kann es freilich gar nicht zugehen, dass nicht einer der Beteiligten lachen müsste, und sei es nur der Leser.

Gioaccino Criaco, Schwarze Seelen

h.schoenauer - 08.02.2017

Die echten Krimis spielen nicht in der lauen Wachau unter Marillen sondern in den zusammen gestampften Soziotopen der Wälder Kalabriens und des Dschungels von Mailand.

Gioaccino Criaco greift die Erzählform eines Soziologen auf, der in Ich-Form quasi eine Feldstudie an sich selbst durchführt. Tatsächlich ist der Plot autobiographisch, wonach die Söhne von kalabrischen Ziegenhirten nach Mailand zum Studieren gehen und später in der Heimat das Land politisch aufzumischen versuchen. Die Figuren, Strategien, Motive und Prozesse sind aus der unmittelbaren Zeitgeschichte entnommen, wie sie sich in den Chronik-Teilen lokaler Zeitungen seit Jahrhunderten darbieten.

Harald Darer, Schnitzeltragödie

h.schoenauer - 01.02.2017

Wenn es mit dem „Schnitzal“ Probleme mehliger, bröseliger oder eiiger Art gibt, wird das in Österreich bald einmal zu einem Problem und kann in eine Tragödie münden.

Harald Darer nennt seinen Roman patriotisch-kühn „Schnitzteltragödie“, dabei gibt es auch Probleme mit dem Leberkäs, den Forellen und den Krusten allgemein. Man ahnt es schon, in diesem Roman hat ein österreichischer Alltagsheld ordentlich zu leiden, bis er gegen Abend hin mit dem Alltag durch ist.

Sofia Andruchowytsch, Der Papierjunge

h.schoenauer - 30.01.2017

Es gibt Tausende Gründe, einen zeitgenössischen Roman zu lesen, einer könnte sein, dass man herausfinden möchte, wie in einem vom Bürgerkrieg bedrohten europäischen Land die junge Intelligenz tickt und welchen Themen sie sich zuwendet.

Sofia Andruchowytsch gilt als ukrainischer Shooting Star der Literaturszene und hat als Tochter des berühmten Jurij Andruchowytsch vermutlich jede Menge Bonus und Malus auszuhalten. Interessant ist jedenfalls, wovon eine Autorin mitten in einer wild gewordenen Welt schreibt: Vom Leben eines Dienstmädchens im galizischen Stanislau des Jahres 1900!

Andrzej Stasiuk, Der Osten

h.schoenauer - 27.01.2017

Der Osten ist nicht nur eine Himmelsrichtung sondern auch ein Lebensgefühl, eine Farbe des Unterbewusstseins oder eine permanente Wetterlage.

Andrzej Stasiuk, der Fachmann für Peripherie, devastierte Ländereien und aufgelassene Soziotope, kümmert sich in seinem historisch-poetischen Roman um jenen vagen Osten, der durch Geschichten plötzlich erzähl- und begreifbar wird. Der Ich-Erzähler erarbeitet sich den Osten in drei „Stoßrichtungen“, wie das Wehrmachtswort für den Nazikrieg im Osten heißt.

Friederike Schwab, Geburtstag mit Magritte

h.schoenauer - 25.01.2017

Um ein großes Bild zu begreifen, muss man vielleicht einen passenden Roman dazu lesen. Wenn es diesen Roman noch nicht gibt, muss man ihn schreiben.

Friederike Schwab erzählt im Roman „Geburtstag mit Magritte“ von der Heilkraft eines Bildes, das eine komplette Lebensverstörung überwinden hilft. Dabei geht es um zwei künstlerisch ambitionierte Familien in Amsterdam und Wien, die jeweils einen aufgeschlossen rationalen Lebensstil pflegen.

Michael Krüger, Himmelfarb

h.schoenauer - 20.01.2017

Scheinbar unverfängliche Themen machen explosionsartig auf und zeigen eine Riesenwunde der Zeitgeschichte, wenn man sie mit vorsichtigem Erzählbesteck serviert.

Michael Krüger hat es im Laufe seines literarischen Wirkens immer wieder zu erzählerischen Tretminen hinan gezogen, in deren Nähe höchste Explosionsgefahr besteht. Eines dieser Kapitel nennt sich deutsche Völkerkunde in Brasilien. Deutsche Ethnologen sind meist in den Dschungel gegangen, um etwas zu vertuschen, und haben bei ihrer Rückkehr in die Zivilisation von erfreulichen Forschungsergebnissen gesprochen.

Reinhard Kocznar, Machtblind

h.schoenauer - 18.01.2017

Viele Kriminalfälle entstehen ja dadurch, dass die Wortwahl oft völlig divergierende Deutungen eines Sachverhaltes zulässt. Machtblind kann heißen, dass jemand wegen seiner Macht blind wird, oder aber, dass jemand gegenüber der Macht blind wird.

Reinhard Kocznar wählt zwar die Form des Kriminalromans, damit alles wenigstens halbwegs eine Ordnung hat, in Wirklichkeit aber beschreibt er das diffuse Treiben rund um mysteriöse Geschäfte, wo alles unsicher ist und nur Wörter wie Knarre oder Kohle Stabilität verheißen. „Er haute ab, als die Knarre sprach.“ (126)

Norbert Gstrein, In der freien Welt

h.schoenauer - 11.01.2017

In den guten multiplen Romanen gibt es so viele Lesemöglichkeiten, dass zwei Leser im Gespräch darüber oft eine Zeitlang brauchen, um zu kapieren, dass sie den gleichen Roman gelesen haben.

Norbert Gstreins Roman „In der freien Welt“ ist multipel, weit, frei, und groß wie die ganze literarisch erfassbare Welt. Je nach Wahl des Lese-Eingangs lässt sich der Roman als Krimi, politische Bestandsaufnahme, Travelling-Fields, Freundschaftserzählung oder Aussalzung eines perversen Literaturbetriebes lesen.

Friederike Gösweiner, Traurige Freiheit

h.schoenauer - 09.01.2017

Das hat die Freiheit so an sich: Wenn man sich nach ihr sehnt, ist sie unendlich hell und freundlich, wenn sie da ist, wird sie manchmal dunkel und bissig.

Friederike Gösweiner konfrontiert in ihrem Roman die Heldin Hannah mit jener traurigen Freiheit, die sich oft einschleicht, wenn man das Leben mit Gewalt verändert. Hannah geht auf den dreißigsten Geburtstag zu, sie lebt mit Jakob in einer unaufgeregten Partnerschaft und segelt irgendwie geräuschlos durch den Alltag.